“Die Renaissance der Stadt neigt sich dem Ende zu!”

Wir treffen den Stadtplaner Uli Hellweg nach einem Workshop zur Planung eines Hof- und Hochhausquartiers in Berlin-Hohenschönhausen. Hier soll Wohnraum für mehr als 2000 Einwohner entstehen, mit bis zu 50 Prozent Sozialwohnungen, einem Mix an Nutzungen und Einrichtungen nach dem Berliner Modell. Wir nutzten die Gelegenheit, mit Uli Hellweg über die aktuellen Herausforderungen und Chancen der Stadtplanung im Allgemeinen und in Berlin im Besonderen zu sprechen.

 

 

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Mit Blick auf die Zeit vor dem Lockdown, wie ist die Situation allgemein mit der Wohnungspolitik in Berlin, was funktioniert gut, was funktioniert weniger gut?

Uli Hellweg:  Wenn ich das mit Hamburg vergleiche, dann machen die es besser. Die arbeiten viel weniger mit ordnungspolitischen Maßnahmen, was der Berliner Senat sehr stark macht. Ich will das gar nicht grundsätzlich in Frage stellen, aber es gäbe doch viel mehr Verständnis für ordnungspolitische Maßnahmen wie den Mietdeckel, wenn man belegen könnte, dass man massiv an neuen Wohnprojekten arbeitet. Dafür muss man Flächen mobilisieren. Mit welchem Instrument? Das Entwicklungsrecht kann hier nützlich sein. Aber sich hinzustellen und zu sagen, das klappt alles nicht, die Widerstände sind zu groß und das dauert alles zu lange, reicht nicht. Wenn man sich das deutsche Baurecht ansieht, hält es viele Interventionsmöglichkeiten vor, die man,  wenn man wollte, einsetzen könnte, um das Bauen zu ermöglichen. Aber auch die informellen Instrumente wie das Bündnis für Wohnen und das Bündnis für Quartiere sind Dinge, die gelebt werden müssen.

Wer müsste mit wem sprechen, um das zu schaffen?

Uli Hellweg: Dazu gehört, dass man in einer Stadt eine bestimmte Diskussionskultur schaffen muß. Es ist toll, dass der Senat eine funktionierende Diskussionskultur mit den Baugemeinschaften und den Initiativen hat, in Kreuzberg oder Mitte. Aber die Bau-Welt besteht nicht nur aus Baugemeinschaften. Sie besteht aus großen und kleinen Investoren. Und diese Kulturlandschaft aus Investitionsträgern zu pflegen, das wäre eine große Aufgabe. Und das gelingt in Hamburg eben besser, dort hat man eine andere Tradition. Es gibt ja auch in Hamburg mehr Baugemeinschaften als hier. In Berlin scheitern sie mittlerweile an den Grundstückspreisen. Auch werden Konzeptausschreibungen zu wenig gemacht.

Wenn Anreize zu schaffen der Weg wäre, in diesem Sinn proaktiv sein zu können, wie schafft eine Stadt wie Berlin es, Anreize zu schaffen, wenn Geld fehlt?

Uli Hellweg: In zwei bis drei Jahren werden die Kommunen wieder ein richtiges Geldproblem haben, im Moment haben sie das noch nicht. Aber es nützt nichts, wenn es keine Kultur des Gesprächs und der Kooperation gibt. Man muss mit den Instrumenten spielen, die einem zur Verfügung stehen, ob es die Konzeptvergabe beim Bauland ist oder das Thema städtebauliche Entwicklungsgebiete oder das Thema des Einsatzes von Förderungsinstrumenten. Wenn man auf dieser Klaviatur nicht virtuos spielen kann, und das konnten die Berliner in den letzten drei Jahren nicht, dann ist es ein Problem.

 

 

Das heißt, sie konnten es schon mal?

Uli Hellweg: Ich meine, dass das frühere Senate durchaus mal gekonnt haben. Wolfgang Nagel hat zum Beispiel einiges auf den Weg gebracht nach der Wende. Auch wenn manches damals vielleicht zu groß gedacht war. In der Kommunalpolitik entscheidet ja nicht das Parteibuch, sondern der kluge Kopf. Das ändert sich schon langsam auf der Landesebene, und in der Bundespolitik funktioniert Politik nach ganz anderen Kriterien. In Berlin ist es in letzter Zeit nicht klug gelaufen. Man kann nur hoffen, dass es in Zukunft besser wird. Planungskultur ist mehr als Bürgerbeteiligung. Das muss man ganz klar sagen.

Gibt es konkrete Projekte, die als positives Beispiel dienen?

Uli Hellweg: Zum Beispiel Alexanderplatz, Haus der Statistik. Ich glaube auch, dass bei den basisorientierten Initiativen der Baugemeinschaften in Kreuzberg oder Friedrichshain vieles gut läuft.

Es scheint eine Frage der beteiligten Akteure zu sein und wie die verfügbaren Instrumente eingesetzt werden, und weniger eine Frage nach den Instrumenten selbst. Müssen die passenden Leute erst kommen, damit die Instrumente nach ihrem Potential voll ausgeschöpft werden?

Uli Hellweg: Na ja, die Personalfrage hängt ja immer mit politischen Konstellationen zusammen. Aber die These, dass nicht die Instrumente das Problem sind, sondern die Politik, um das mal zu entpersonalisieren, ist plausibel. Aber Politik wird ja immer von Menschen in Konstellationen und Koalitionen gemacht, das heißt auch in Zwängen gemacht. Dass es manchmal so kommt, wie es kommt, hängt aus meiner Sicht von politischen Kontexten und deren Klientel ab. Aber nochmals: nicht die Instrumente sind das Problem. Nun war ich ja auch mal Baudezernent. Wenn wir etwas wollten, dann haben wir das mit dem Instrumentarium auch hingekriegt. Wenn wir etwas nicht wollten, fiel uns auch immer etwas ein. Natürlich kann man Instrumente immer nachschärfen und zielgenauer machen.

Zum Beispiel?

Uli Hellweg: Es gibt eine Diskussion um die kleinen Entwicklungsmaßnahmen. Wir haben viele kleine Baulücken, die man noch entwickeln könnte, wenn man das Instrument des Entwicklungsrechts einsetzen könnte. Man müsste es weniger aufwändig und weniger bürokratisch machen. Beim Bodenrecht gäbe es auch eine ganze Menge Möglichkeiten, etwa im Steuerbereich, beim Vorkaufsrecht oder bei der Wertabschöpfung. Dazu gibt es zahlreiche gute Vorschläge vom Deutschen Städtetag oder dem DIFU.

Nun ist die Coronapandemie noch nicht vorbei. Wenn man von drei Optionen ausgeht, was den Ausgang der Krise betrifft, bedeutet das: es ändert sich gar nichts, es ändert sich alles, oder bestehende Trends werden verstärkt. Welchen Standpunkt vertreten Sie?

Uli Hellweg: Dass bestehende Trends verstärkt werden, würde ich auch so sehen.

Welche Trends wären das?

Uli Hellweg: Zum Beispiel die Digitalisierung. Das Beispiel Homeoffice wird gerade viel diskutiert. Ob die Prognosen eintreten werden mit bis zu 80 Prozent Homeoffice? Sicherlich wird es allgemein nicht ganz so hoch ausfallen. In bestimmten Sektoren wird das eher gehen, etwa im Versicherungs- und im Finanzbereich. Das ist auch eine Chance. Die großen Versicherungspaläste sind nicht unbedingt eine Bereicherung für die Urbanität der Innenstädte.

 beide lachen

Die könnten sich ja auch aus urbanistischer Sicht mehr Mühe geben!

Uli Hellweg: Könnten sie! Aber vielleicht brauchen sie auch gar nicht mehr so viel Fläche und könnten dann, zum Beispiel, Flächen umnutzen. Da kommt man allerdings gleich in die Tücken des Baurechts, denn es geht sofort um Brandschutz und Schallschutz, die eine Umnutzung teuer machen. Man müsste daher die Nutzung nach dem Gebäude suchen, statt das Gebäude auf die Nutzung anzupassen. Eine solche Anpassungsstrategie wäre etwas, das man stadtplanerisch verstärken könnte. Dabei spielt sofort der nächste Trend eine Rolle. Was ist mit dem Einzelhandel? Er war schon vor Corona in der Krise. Lieferdienste sind eine starke Konkurrenz. Damit werden Flächen in der Innenstadt frei und die Funktion der Innenstadt insgesamt steht zur Disposition. Daher glaube ich, dass sich unsere Innenstädte ändern werden. Wir werden uns von dem Bild der Konsum-Innenstadt, wie es in den Fünfzigerjahren geprägt wurde, trennen müssen. Wenn man erstmal wartet, bis die Leerstände um sich greifen, ist es zu spät. Leerstand ist wie Müll, ein Leerstand zieht den nächsten an. Die monofunktionale Ausrichtung der Innenstadt auf Konsum muss man daher proaktiv aufbrechen.

 

 

Was müssten Städte tun?

Uli Hellweg: Die Städte müssten jetzt Strategien entwickeln, wie sie ihre Innenstädte in Zukunft multifunktionaler nutzen können. Für Kreative, für Kultureinrichtungen, für Produktion und Soziales. Sicherlich auch vermehrt für Homeoffice. Der Begriff hat ja auch immer noch die Seite “Home”. Wie sieht denn das Home aus, was als Office funktioniert? Bei vielen geht das gar nicht, weil man ohnehin schon beengt lebt. Könnte man dann, zum Beispiel, in Wohnungsnähe kleine Coworking-Spaces einrichten, zum Beispiel auf leerstehenden Ladenflächen? Die Leute hätten dann ihren Arbeitsplatz nicht in der City, sondern in ihrem Wohnquartier oder ihrem Stadtteil.

Was bedeutet das im Umkehrschluss für den Rand der Stadt?

Uli Hellweg: Die Frage ist ja, wie und wo wächst der urbane Raum? Diese Frage betrifft alle Raumtypologien, bis in die äußere Peripherie und den ländlichen Raum. Der erste Ring, die Gründerzeitviertel, ist heute in allen Großstädten voll und teuer. Der zweite Ring um die Zentren umfasst die suburbanen Gebiete und Regionen. Hier wollen manche Gemeinden gar nicht mehr wachsen. Neulich ging es in Berlin durch die Presse: Die Stadt Velten im Norden Berlins ist so ein Fall, aber kein Einzelfall. Ähnliches gibt es im Umland fast jeder wachsenden Großstadt. In den Metropolregionen gibt es daher die Tendenz der Urbanisierung in den dritten Ring hinein, d.h. in die ländliche Peripherie. Diese Tendenz wird durch Corona verstärkt. Und wenn sie diesen Trend jetzt mit Homeoffice koppeln, dann verstehen Sie, dass immer mehr Leute sagen, wenn ich sowieso nur zwei Mal die Woche zum Arbeitgeber in die City reisen muss, dann kann ich auch außerhalb wohnen. Es gibt also eine gewisse Korrespondenz zwischen dem räumlichen Verhalten und der Digitalisierung. Da stellt sich die ganz große Frage, ob diese Prozesse urban oder suburban vonstatten gehen. Fördert die Digitalisierung die Urbanisierung oder die Suburbanisierung des Landes?

Was bedeutet das für unser Verständnis der Stadt heute?

Uli Hellweg: Ich glaube, die Renaissance der Stadt neigt sich dem Ende zu! Dabei habe ich immer für die Renaissance der Stadt plädiert und gearbeitet. Ist auch alles richtig, aber man merkt jetzt, dass viele Städte sowohl preislich als auch vom Flächenpotential her an ihre Grenzen stoßen. Im Moment geht die Tendenz eindeutig in Richtung suburbaner Prozesse. Das hat wiederum mit einem großen Politikdefizit zu tun, nämlich einer mangelhaften Regionalplanung. Wenn die regionalen Prozesse wie Suburbanisierung und Peripherisierung nicht wieder Gegenstand von Politik werden, dann wird es keine wirkliche Urbanisierung des ländlichen Raums geben, was ja die große Chance wäre, vor allem für die peripheren kleineren und mittleren Städte. Auch vor dem Hintergrund der Digitalisierung. Es gibt heute eigentlich keinen materiellen Grund mehr, warum man nicht auf dem Land urban leben könnte. Wenn man schnelles Internet und einen guten S-Bahnanschluß hat, ist das kein Problem. Aber wenn es diese Infrastrukturen, die seit Jahren versprochen werden, nicht gibt, dann können keine neuen Landstädte entstehen und den Leuten bleibt nichts anderes übrig als zu pendeln oder gleich ganz abzuwandern. Dann wird es die Suburbanisierung und die weiteren Entleerungsprozesse in den peripheren Räumen geben, und damit wäre eine Riesenchance vertan, nämlich das Versprechen auf „gleichwertige Lebensverhältnisse“ einzulösen.