Im Bauch des Instruments

 

In der klebrig-feuchten Sommerhitze ist der leicht schläfrige Besucher dankbar für alle erdenklichen Spektakel und empfänglich für wie auch immer geartete, sinnliche Darbietungen als Weckruf. Die Künstler auf der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig, die neben den Augen also auch die Ohren intensiv beschäftigen, sind schon allein deshalb im Vorteil. So auch Xavier Veilhan: Der Pariser Bildhauer hat dieses Jahr den französischen Pavillon in einen ganz besonderen Ort verwandelt: Aus dem neoklassizistischen, streng-symmetrischen Inneren wurde eine expressionistische Sperrholz-Höhle, ein Aufnahmestudio, in dem die Besucher Musikern beim Komponieren zuschauen und -hören können. Die Klänge werden zeitgleich professionell aufgezeichnet.
Inspiriert wurde Veilhan vom Merzbau 
von Kurt Schwitters: Bis unter die Decke verbaut er die Räume mit scheinbar zufällig angeordneten Sperrholzkisten, -kästen und -platten, die sich aufeinander stapeln und sich ineinander verkeilen.

Die vorhandene Glasdecke im Hauptsaal des 
Pavillons wird komplett verdeckt bis auf ein schiefes rechteckiges Oberlicht in den Platten, das einen kühlen bläulichen Schein erzeugt. Dazu mischt sich warmes, indirektes Kunstlicht hinter den Holzwänden. In diesem Raum sind eine kleine Bühne mit Instrumenten und einige Sitzgelegenheiten aufgestellt. In den Nebenräumen befinden sich ein Tonstudio und sind weitere Instrumente auf Stufen im Raum drapiert. Die Profi-Musiker kommen und gehen, ihr Zusammenspiel ist spontan –, und ganz offensichtlich macht es ihnen Spaß, die Wände durch schrille E-Gitarrenriffs, helle Becken-, dumpfe Paukenschläge oder kräftige Orgelklänge zum Vibrieren zu bringen.
Es ist eine klingende Architektur entstanden, die die Besucher ganz und gar wie 
im Bauch eines Instruments umgibt. Die Franzosen sollten sie am besten gleich 
für die Architekturbiennale im nächsten Jahr stehen lassen.

Mehr dazu im Baumeister 10/2017