Design-Scheune für Vitra

Man muss sich immer mal wieder vor Augen führen, dass alles einst ganz normal anfing in Weil am Rhein: Früher war der heutige Vitra-Campus einfach ein Ort, an dem Möbel hergestellt wurden. Doch dann begann das große architektonische Schaulaufen. Der Ort gewann an formeller und namentlicher Prominenz, wurde so aber auch zu einem leicht surrealen Meta-Space.

Dieser so ganz und gar unnormale Über-Raum zelebriert nun das Normale. Mit dem neuen Schaudepot von Herzog & de Meuron hat sich der Campus ein Gebäude verpasst, das vermeintlich hinter den ganz großen Gesten auf dem Campus wie dem Fast-Rundbau von SANAA zurück tritt. Doch der Backsteinbau der Basler kokettiert natürlich mit seinem unaufgeregt scheunenhaften Charakter, sei es nun durch seine demonstrativ neo-biedere Hausform, das Satteldach oder den roten (fast eine Spur zu grell roten) Backstein. Letzterer verschmilzt mit dem gleichfarbigen Boden und kommuniziert dadurch, dass er aus der Umgebung kommt, auch erstmals so etwas wie lokale Orientierung. Aber wie gesagt, er kommuniziert. Wir sind immer noch in der Welt des Marketing, in der Welt der Signale.

Dass wir es mit etwas Anderem als bäuerlicher Baukultur zu tun haben, zeigt sich auch an der Position der Tür. Die öffnet sich nicht, wie es praktischer und etwa bei einem Bauernhaus auch der Fall wäre, zum Zugangsweg hin, sondern lässt den Besucher an der Längsseite hinein, analog zu einer Kirche.

Im Inneren führt dies dazu, dass man die streng chronologische Ausstellung über mehrere Reihen auch wirklich chronologisch ablaufen kann. Vitra präsentiert hier erstmals die Bandbreite des eigenen Möbeldesign-Archivs. Ursprünglich hatte Frank Gehry für dieses seinen Museumsbau errichtet. Doch der zeigt meist Wechselausstellungen. Die Archivarbeit Vitras wurde daher bisher noch nicht gewürdigt. Nun bietet der HdM-Neubau einen spannenden Parforceritt durch die Geschichte von Stühlen und Sesseln.

Eine schöne Ergänzung zur bewussten Reduktion in der Anordnung der Exponate haben die Architekten in die Mitte des Gebäudes gelegt: Einen offenen Trakt mit Platz für eigene kleine Wechselschauen. Momentan werden dort Klassiker des „Radikal Design“ aus dem Italien der 1970er gezeigt. Zur Rechten öffnet sich ein Ausblick ins Untergeschoss, aber auch auf einen Bildschirm. Der Besucher kann hier in lässiger Pose Filmmaterial über die jeweilige Ausstellung anschauen. Damit verweisen die Architekten auf einen Zusammenhang, der auch das Design betrifft, von diesem aber oft vergessen wird: Dass Möbelstücke dem Nutzer auch immer die Möglichkeit bieten, sich als Mensch zu inszenieren; zumindest sollten sie dies tun. Ein Maßstab, den man unwillkürlich auch an die vielen Designklassiker anlegt, die Vitra im Schaudepot zeigt.