Peter Haimerl

Peter Haimerl ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Architekturszene. Der Münchner überzeugt immer wieder durch ungewöhnliche Lösungen. Fast noch spannender sind die Prozesse, die in deren Entstehungsgeschichte eingeschrieben sind.

Peter Haimerl dürfte den meisten Baumeister-Lesern ein Begriff sein. Seine Projekte wurden hier regelmäßig besprochen – sei es die unkonventionelle Sanierung eines halbverfallenen Bauernhauses (siehe Baumeister 6/2007) oder das aufsehenerregende Konzerthaus in Blaibach im bayrischen Wald (siehe Baumeister 11/2014). Letzteres schaffte es sogar über die Fachmedien hinaus bis ins Feuilleton der „Zeit“. Der Mann ist medial also durchaus präsent. Trotzdem lohnt es sich, das Schaffen und vor allem die dahinter stehende Haltung näher zu betrachten. Denn genau das zeichnet den Münchner Architekten aus: eine architektonische Haltung, verbunden mit dem Willen, diese in Gebäuden zu manifestieren.

Dass bei Haimerl alles ein bisschen anders läuft, macht schon der Besuch im Büro deutlich. Im beschaulichen Münchner Stadtteil Haidhausen liegt es, direkt über der Lothringer-13-Halle, einem alternativen Ausstellungsraum für Kunst. Ein Schild gibt es nicht. Man irrt etwas ratlos im Hinterhof herum, bis sich einer der Kreativschaffenden erbarmt und den Weg erklärt: durch die Ausstellungsräume hindurch, dann rechts und etwas versteckt durch eine weiß gestrichene Metalltür. Als Nächstes eine knarzende Holztreppe hinauf in den zweiten Stock, durch eine zweite Metalltür – und plötzlich steht man unvermittelt im Büro des Architekten. Ein großer, heller Raum, Industriefenster links und rechts mit Blick auf die Haidhausener Hinterhof-Idylle. Loft wird so etwas in Immobilienanzeigen genannt. Man fühlt sich allerdings weniger an die Hochglanz-Broschüren diverser Münchner Investoren erinnert als an die Ateliers der New Yorker Künstler, die den Begriff in den 1970er-Jahren erfunden haben. Die Mitarbeiter sitzen an weißen, skulpturalen Plastikschreibtischen. Ihr etwas vergilbter Retro-Futurismus erinnert an die Filme von Stanley Kubrick – allen voran „2001 – A Space Odyssey“ oder „A Clockwork Orange“. Das Gespräch findet an Haimerls Besprechungstisch statt, der sich Marke Eigenbau aus dem Segment eines Flugzeugflügels und ein paar Metallrohren zusammensetzt.

Architektur anders begreifen

Studiert hat Haimerl an der Fachhochschule in München, einem Ort, der nicht gerade im Ruf steht, Avantgarde-Architekten hervorzubringen: „Ich wollte nie Architektur studieren, das Ganze war als Lückenfüller gedacht. Am Anfang hatte ich auch überhaupt keine Vorstellung davon. was Architektur eigentlich ist“, berichtet er und hält kurz inne. „Ich habe mich dann laienhaft mit Erkenntnistheoretikern beschäftigt und bin im vierten Semester auf ein Buch gestoßen, von dem ich dachte, dass es da um grafisch aufbereitete Erkenntnistheorie geht. Tatsächlich ging es aber um das Haus X von Peter Eisenman. Das war die Initiation für mich. Von dem Tag an war meine Devise: Architektur ist das, was man denken kann.“ Er erzählt dann von seiner Zeit an der FH und der Vorgabe, sich an der Architektur der Toskana zu orientieren, weil alle Professoren dort ein Ferienhaus hatten: „Wenn man wie ich aus dem bayrischen Wald kommt und dann einen regionalen Stil aufgedrückt bekommt, der überhaupt nichts mit der eigenen Herkunft zu tun hat, dann ist das schon befremdlich.“

Weiter ging es dann mit Günther Domenig, Raimund Abraham und Klaus Kada, in dessen Büros Haimerl anschließend arbeitete: „Damals haben Stars wie Domenig oder Abraham gar nicht so viel gezählt. Gezählt haben vor allem Studenten-Stars, auch wenn man sich das in Deutschland überhaupt nicht vorstellen kann. Ich bin deshalb eigentlich auch nicht zum Abraham gegangen, sondern zum Andreas Gruber“, erzählt Haimerl. „Der war eine Legende als Student, weil er das berühmte Steinhaus für Domenig entworfen hat – oder zumindest Teile davon.“ Insgesamt war Haimerl fast zwei Jahre in Österreich, bevor er Anfang der 1990er-Jahre zusammen mit zwei österreichischen Kollegen zurück nach München ging: „Dort, wo jetzt das Mercedes-Hochhaus von Lanz Architekten ist, stand früher das Wetsch-Hochhaus. Das war gerade leer, weil es verkauft werden sollte. Wir haben dann ganz oben das Penthouse gemietet und uns da hochgesetzt, um zwei Jahre lang über Architektur nachzudenken.“ Es war für ihn eine prägende Zeit: „Im Sommer haben wir das Dach geflutet, Leute eingeladen und gequatscht, gequatscht, gequatscht. Damals sind alle Ideen entstanden. Alles, was ich heute konkret umsetze, geht darauf zurück.“

Mehr dazu finden Sie im aktuellen Baumeister 7/2016