Heilige Höhle

Wer die Sancaklar-Moschee in Istanbul besichtigen will, muss sich erstmal durchfragen – oder er sucht sich einen Fremdenführer. Sie liegt weit im Westen der Stadt, nordwestlich des Flughafens Atatürk, in einem Neubaugebiet mit vielen als „Gated Communities“ errichteten Wohnanlagen. Hier wohnen viele Mitglieder der Industriellenfamilie Sancak, deren Stiftung den Bau der Moschee ermöglichte und ihr Namensgeber war.

Anders als es die Regierung und die von ihr gesteuerten religiösen Einrichtungen glauben machen wollen, ist die Geschichte des Moscheebaus in der Türkei keineswegs auf eine bestimmte Typologie und schon gar nicht auf den Typus Kuppelmoschee beschränkt – auch wenn dieser zweifelsohne einen baukulturellen Höhepunkt darstellt. Es gibt kaum liturgische oder formale Vorgaben für den Bau.

Für Emre Arolat war die Anfrage der Familie Sancak ein Anlass, grundsätzlich über die Typologie der Moschee nachzudenken und eine Lösung zu finden, die dem Ort gerecht wird. Da das Gelände steil abfällt und gleichzeitig einen weiten Ausblick auf die Landschaft ermöglicht, bot der Bauplatz einige Anreize. Aber nicht nur aufgrund der Topografie war es naheliegend, den Gebetsraum der neuen Moschee ins Erdreich einzugraben – auch die Geschichte der Offenbarung, die dem Propheten Mohamed in der Höhle Hira zuteil wird, bildet einen konzeptionellen Überbau.

Schritt für Schritt erschließt sich der Komplex durch die große Freitreppe, die vom Parkplatz aus in den Hof führt. Dabei öffnet sich ein grandioser Blick über das Tal und den großen See. Vom begrünten Hof gelangt man sowohl in das Gemeindezentrum mit Bibliothek als auch in die Moschee selbst. Die Toiletten und die Räume für Waschungen vor dem Gottesdienst sind durch gesonderte, von Schiefermauern abgeschirmte Eingänge zugänglich. Ein kleiner Wasserlauf fließt durch den Hofgarten und bildet kleine Seen, ein Wasserfall entspringt einer Schiefermauer. Der schwarze Stein sowie die Betonoberflächen und Holzwände bestimmen die Gestaltung des Orts – das Grün des Rasens bildet dazu einen reizvollen Kontrast. Zwei neue Bäume wurden gepflanzt, zwei alte Olivenbäume bewahrt.

Fotos: Thomas Mayer

Mehr dazu im Baumeister 8/2015