Glückliche Mieter

„Sie galten lang als Irrweg der Moderne, als Keimzelle sozialer Probleme und – je nach Standort – als Ausdruck von kapitalistischer Massenhaltung oder sozialistischer Gleichmacherei“, schrieb Reinhard Seiß in seinem Bericht im Baumeister 6/2011 über die Großsiedlungen der 1970er Jahre (Seite 72). Er nannte aber eine, die heute als beispielhaft gilt: Alt Erlaa im Süden Wiens von Harry Glück. Der Wiener Architekt errichtete die 400 Meter langen und 80 Meter hohen Wohnscheiben in zwei Phasen 1976 und 1985 für einen stadteigenen Bauträger. In einer Studie der Stadt Wien, die die Wohnzufriedenheit und das Freizeit- und Mobilitätsverhalten ihrer Bürger analysierte, kam überraschend heraus, dass der Wohnpark Alt Erlaa bei sieben von acht Qualitätskriterien vorn lag: Lebensqualität, Sicherheit, Ausstattung mit Gemeinschaftseinrichtungen, die Gestaltung der Höfe und Freiflächen oder auch die architektonische Erscheinung – Glücks vergleichsweise nüchterne Bauten setzten sich deutlich von sämtlichen Prestigeprojekten des Wiener Wohnbaus der letzten beiden Jahrzehnte ab. Die Untersuchung ergab ebenfalls, dass die Bewohner von Alt Erlaa überdurchschnittlich viel Freizeit im unmittelbaren Wohnumfeld verbringen – sie steigen signifikant bedeutend weniger oft ins Auto, um aus der Stadt zu flüchten – und tragen tendenziell weniger zur Zersiedlung des Stadtumlands durch Zweitwohnsitze bei. Ein entscheidender Grund dafür dürften zweifelsohne die acht Dachschwimmbäder in 80 Metern Höhe sein, denen laut Glück die entscheidende „bandstiftende Funktion“ zukommt – „so wie im Dorf der Kirche, dem Wirtshaus oder dem Kaufmann“. Die Pools werden von über 90 Prozent aller Mieter in Anspruch genommen, von 70 Prozent sogar regelmäßig.

Von Reinhard Seiss ist jetzt ein Buch zu Harry Glücks Wohnbauten erschienen (Müry Salzmann 2014). Außerdem wird Harry Glück heute 90 Jahre alt – herzlichen Glückwunsch!

Fotos: Reinhard Seiß, Wien

Vita: Dr. Reinhard Seiss, Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien, schreibt für FAZ, Süddeutsche Zeitung und Neue Zürcher Zeitung, im Verlag Anton Pustet erschienen: „Wer baut Wien?“ (216 S., Salzburg 2007) und „Architektur der Erinnerung. Die Denkmäler des Bogdan Bogdanovic“ (DVD, 125 min, Salzburg 2008), Produktionen für Fernsehen und Hörfunk, internationale Lehr- und Vortragstätigkeit, Wiener Förderungspreis für Volksbildung, Mitglied des Beirats für Baukultur im Österreichischen Bundeskanzleramt, Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung