Architektonische Märchenwelt

Wo einst Wein angebaut worden war, wo später Gärten und Schankwirtschaften zur Flucht aus dem Alltag der damaligen Residenzstadt Cassel einluden und wo ab dem 19. Jahrhundert prächtige Villen errichtet wurden, ist seit Anfang September die Grimmwelt Kassel beheimatet. Das Werk von Jacob und Wilhelm Grimm (und deren Bruder Ludwig Emil Grimm, dessen Illustrationen ganz maßgeblich zum Erfolg der Märchensammlungen beigetragen haben) war zuvor im Palais Bellevue auf  650 Quadratmeter Ausstellungsfläche unter nicht mehr akzeptablen ausstellungsdidaktischen und konservatorischen Bedingungen verwahrt worden. Mit dem neuen Ausstellungshaus in der Weinbergstraße 21 stehen nun 1.600 Quadratmeter Ausstellungsfläche und darüber hinaus weitere 2.400 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung.

Entwurf von Kada Wittfeld Architektur

Das vom Aachener Büro Kada Wittfeld Architektur geplante Gebäude fügt sich mit seinen Steinmauern und -treppen gut in den terrassierten Park ein – dieser wurde 1902 im Zusammenhang mit dem bereits 1931 wieder abgerissenen Haus Henschel angelegt. Vollständig mit Gauinger Travertin verkleidet und von einer abgetreppten Dachterrasse bekrönt, birgt es insgesamt vier Split-Level. Herzstück der Grimmwelt Kassel ist die lichtdurchflutete Verteilerhalle mit Kasse, Shop, gruppenkompatiblen Sitzmöbeln und – als südlichem Abschluss – der Café-Bar Falada mit großem Panoramafenster.

So gelungen die Architektur und auch die Gestaltung der Halle mit dem angrenzenden Verwaltungsbereich erscheint, so enttäuschend ist die Ausstellungsgestaltung durch Holzer Kobler Architekturen: Wandscheiben aus Stahl mit Plexiglasüberzug – sie sollen die Besucher an ein fortlaufendes Register erinnern – zerteilen die obere Dauerausstellungsebene in viel zu kleine Segmente. Auf der unteren Ebene reihen sich Installationen zu einem labyrinthartigen Parcours, der der Klarheit des architektonischen Raumes Hohn spricht.

Foto Dachterrasse: kadawittfeldarchitektur; Foto Vogelperspektive: Stadt Kassel; alle weiteren Fotos: Jan Bitter