Grauer Koloss

Kaum in Rotterdam angekommen, teilt Baumeister Academy Gewinner Maxi Graber auf dem Academy Instagram Account ein Foto des Cornucopia- Gemäldes in der Markthal. Der Post geht wortwörtlich durch die Decke. 2014 baute Maxis Praktikumsbüro MVRDV die erste Markthalle der Niederlande und überspannte sie mit einem großen Bogen und 200 Wohnungen. Für uns Grund genug, den grauen Koloss nochmal unter die Lupe zu nehmen. Unsere Redakteurin Sabine Schneider reiste 2015 nach Rotterdam und berichtete in der Baumeister-Märzausgabe von ihrem Besuch. Hier ein Auszug aus ihrem Bericht.

Es wird nicht einfach. Meine Fahrt nach Rotterdam trete ich mit angespannter Erwartung an. Die Markthalle in Rotterdam kenne ich gut aus Veröffentlichungen, und meine Meinung steht fest: Es handelt sich um ein monströses Konstrukt, das sich nach außen mit seiner Verkleidung aus tarngrauen Granitplatten offenbar kleiner machen will als es ist, im Inneren dafür um so lauter schreit mit einem Kitschhimmel aus Riesenfrüchten. Im Querschnitt bildet die Bauform ein unausgegorenes Hufeisen, einen Tunnel, der nirgends hinführt, eine überdimensionierte Jahrmarktsbude mit Wohnungen auf dem Buckel. Eine neue Typologie, wie die Architekten das Projekt anpreisen? Davor bewahre man uns.

Kontext und Konsens

Tatsächlich fällt jetzt vor Ort meine Kritik an Fassade und Form weit weniger ins Gewicht: Der bandartige Platz der Binnenrotte im Zentrum, unter dem die Gleise verlaufen und der daher nicht bebaut werden darf, wirkt an fünf von sieben Tagen, an denen kein Wochenmarkt stattfindet, freudlos, leer, zugig und zu wenig gefasst. Die große, graue Markthalle hat dasselbe Problem wie die umstehenden Bauten: Sie ist eine Insel zwischen Inseln – städtische Dichte fehlt. Sie erscheint nicht durchlässig, sondern steht leicht abgehoben ein paar Stufen über dem Platz, ihre spiegelnden Scheiben verschließen das riesige Tor, schotten es ab. Sie lässt sich nur durch drei enge Drehtüren betreten, durch die man sich zwängen muss.

MVRDV haben in der Halle 96 einfache Stahlgerüste als Marktstände auf der Fläche etwa eines Fußballfelds untergebracht. Hier macht das Schauen, Probieren, Flanieren und Kaufen Spaß. Es gibt alles von der Currywurst bis zum exklusiven Steakfleisch, von holländischem Käse bis zu türkischen Süßigkeiten. Ein gute Idee ist es, auf dem Dach der Stände eine Terrasse einzurichten, so dass eine „Probierstube“ auf dem Dach entsteht. So etwas fehlt in traditionellen Märkten oft, denn man bekommt Appetit beim Flanieren. Allerdings rückt es den Markt auch in die Nähe eines der üblichen „Food Courts“ in Shopping Malls.

In den Längsseiten des Tunnels sind in den ersten beiden Geschossen Restaurants, Cafés, eine Kochschule, ein Haushaltswarenladen und ein Weinhandel eingezogen. Darüber biegen die innenliegenden Fassaden der 102 Miet- und 126 Eigentumswohnungen, die alle über Fenster hinein zum Markt sowie eine Terrasse nach draußen verfügen. Je höher man im Gebäude steigt, desto schräger wird der Blick auf das Marktgeschehen, bis man ganz oben in den 24 Penthäusern im elften und letzten Stock direkt senkrecht hinunter sehen kann.

Konzept und Kompromisse

Doch wie kam diese Bauform zustande? Rotterdam plant, das ehemalige Altstadtquartier zu erneuern und schrieb unter anderem 2004 einen Investorenwettbewerb aus. Der Developer Provast hat den Entwurf von MVRDV eingereicht und den ersten Preis erhalten, da die Architekten die vorgegebenen beiden Wohnscheiben mit einem Markt kombinieren konnten. Vorrang hatte das Wohnen, für eine Markthalle war kein Budget da. So entstand die Hufeisenform, da die oberen Wohnungen, die den Bogen schließen, zu tief für eine gute Belichtung wurden – daher wurde die Form oben abgeschrägt. Nach unten zum Erdgeschoss hin verbreitern sich die Geschosse wieder, um die Ladenflächen nach Developerwunsch zu vergrößern. So haben die Zwänge die architektonische Idee nicht geformt, sondern wie Kaugummi verformt.

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