Gebrauchsanweisung für die Stadt

Um rund 200.000 Einwohner wird Köln in den kommenden zehn Jahren wachsen. 57.000 Wohnungen sind kurzfristig von Nöten. Die Stadt hat zum Bau dieser Einheiten zahlreiche Flächen im innerstädtischen Bereich ausgewählt, vor allem Brachen und Industrieareale auf der rechten Rheinseite. Wo derzeit noch Schrottplätze mit Domblick residieren, sollen schon bald Wohnungen spektakuläre Ausblicke gewähren. Die Aufgabe ist mit keiner anderen aus den letzten 20 Jahren vergleichbar, sagt Kölns Stadtbaudezernent Franz-Josef Höing und freut sich gleichzeitig, dass er sie mitgestalten darf. Das war bei der Veranstaltung „Architektur im Dialog“ der Lavesstiftung in Hannover Mitte Januar 2017, moderiert von Baumeister-Chefredakteur Alexander Gutzmer, deutlich spürbar: Die städtebaulichen Herausforderungen sind extrem groß, die Zeit ist für Planer aber hochinteressant und spannend.

Markus Neppl (ASTOC)

Markus Neppl (ASTOC)

 

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?

Es geht um nichts anderes als um die Frage, wie die Stadt der Zukunft aussehen soll: Welche Funktionen muss sie erfüllen, wie entwickeln sich Mobilität und Ökologie weiter, wie viel Durchmischung ist sinnvoll und überhaupt erreichbar – ist doch eines der zentralsten Probleme, dass zahlreiche soziale Gruppen sich Stadt immer weniger leisten können.

Höing will dennoch bewusst für alle eine (durchmischte) Stadt bauen und städtebauliche Qualitäten nicht dem gegenwärtigen Druck opfern. Dafür ist er auf der Suche nach geeigneten Typologien, starken Strukturen und den Leitbildern, die bis ins Morgen reichen. Mit der „Parkstadt Süd“ entwickelt er mit seinem Team derzeit den Abschluss des inneren Kölner Grüngürtels – eine städtebauliche Idee, die bereits auf Konrad Adenauer zurückgeht, der 1917 Kölns jüngster Oberbürgermeister wurde. Einfach den Bestand abräumen und die Fläche mit Wohnungen pflastern, ist jedoch kein Rezept. Es geht vielmehr ums Freilassen. Höing bricht bewusst eine Lanze für die Grünräume, und ebenso für die Bürgerbeteiligung, die er mit großem Aufwand betreibt.

Lag die eine Erkenntnis des Abends darin, dass nur exzellente Planungen (der besten Planer, wie Höing betonte) zukunftsfähig sind, so bestand die andere Einsicht darin, dass die vor zehn Jahren noch leicht genervt hingenommene Bürgerbeteiligung heute eminent wichtig ist – und zwar für alle Beteiligten. Hannovers Stadtbaurat Uwe Bodemann schloss sich dieser Einschätzung an. Auch er bezieht die Nachbarschaft konsequent mit ein, wenn er jetzt den Kronsberg-Süd in Hannover beplant und ab 2018 bebaut. Denn auch Hannover wächst, 30.000 Einwohner sind in den letzten Jahren bereits hinzugekommen, noch einmal so viele sind prognostiziert. Der zur Expo 2000 entstandene Nordteil des Kronsbergs wird heute noch einmal genau untersucht: Welche der kreativen Ideen der Vergangenheit – viele sind heute Standard beim Planen und Bauen – können fortgeführt werden, welche Fehler – beispielsweise die Charakterlosigkeit manch überdimensionierter Plätze – müssen vermieden werden?

Partizipation – Treiber oder Hemmschuh?

Das Planungsbüro ASTOC spielt (neben den Planungsbüros West 8 Landschaftsarchitekten und SHP Verkehrsplaner) in Hannover eine zentrale Rolle. ASTOC-Gründer Markus Neppl sieht auf dem Kronsberg wie in Köln die Fixpunkte der Planung bei der Freiraumgestaltung und der Bürgerbeteiligung, die, ernsthaft, regelmäßig und permanent durchgeführt, die Planung immer wieder mit wichtigem Input versorgten. Die Politik, die die Bürgerbeteiligung viele Jahre gepusht habe, so Höing, sei jedoch leider teilweise wieder auf dem Rückzug. Der Druck, Wohnraum zu schaffen, sei so hoch, dass Partizipation bereits wieder von einigen als Hemmschuh angesehen werde. Wolfgang Schneider, Vorsitzender der Lavesstiftung und Präsident der Architektenkammer Niedersachsen, sah die Lösung aber gerade nicht in einer eiligen technokratischen Abarbeitung der Bedürfnisse; vielmehr müsse viel diskutiert und mal gestritten werden. Eine qualitätsvolle Planung sei nur möglich, wenn mutig auch neue Wege beschritten würden, wenn Zeit für Wettbewerbe da sei. Nur so sei der gewaltige Veränderungsdruck zu bewältigen.

Vielleicht müssen – auch der Politik – so manche städtebauliche Grundkenntnisse gerade in der Hektik der aktuellen Zeit neu vermittelt werden. Neppl und Bodemann schreiben daher derzeit eine „Gebrauchsanweisung“ für die neue Stadt am Kronsberg. Sie wollen damit das Quartier zum Funktionieren bringen. Und das ist doch genau das Ziel: Nicht neu muss die Stadt sein, sondern funktional, durchmischt, dicht, ökologisch und urban, architektonisch und städtebaulich qualitätsvoll. Und am Ende bezahlbar in der Herstellung, vor allem aber in der Nutzung.

Foto: Kai-Uwe Knoth