Fritz Auer über Notre Dame du Haut

Notre Dame du Haut
Fritz Auer
1955 n. Chr.

In ihrem Buch „Reminiscence“ porträtieren Benedict Esche und Benedikt Hartl die besondere Beziehung zwischen Bauwerk und Architekt. Dort kommen wegweisende Architekten zu Wort, die über ihre architektonische Prägung und deren Einfluss auf die eigene Arbeit schreiben. Hier erzählt Fritz Auer von Auer Weber Architekten von seiner Begegnung mit einem Meisterwerk von Le Corbusier:

Corbusier_Fritz Auer
Notre Dame du Haut von Le Corbusier

 

„Ich habe dieses Bauwerk ausgewählt, weil es eines der ersten war, welches mich als fahrenden Architekturstudenten 1955 so tief beeindruckt hat, dass das Erlebnis dieses besonderen Ortes mich heute noch berührt und bewegt. Ich kam mit meiner Vespa am Abend einer größeren Frankreichreise in der Ortschaft unterhalb des Kapellenberges an und ging zu Fuß hinauf. Ich betrat den Innenraum ganz alleine, nur das Knistern der brennenden Kerzen am Altar war zu vernehmen, und war schlagartig überwältigt von dieser Stimmung innerhalb eines mächtig gefassten, bergenden Raumes, der noch nichts von der Dramaturgie des Tageslichts am nächsten Morgen erahnen ließ.

Dann erst wurde mir bewusst, was Licht und Farbe bewirken können, einfallend durch die aufstrebenden Röhren und Windungen, die in die Wandungen eingestreuten Glasmalereien und den schmalen umlaufenden Spalt, der das geschwungene Dach-‚Segel‘ von den ebenfalls geschwungenen Wandungen ablöst. Nie wieder danach hat mich ein Raum, nicht in erster Linie durch seine sakrale Bestimmung, sondern durch seine räumliche Wirkung sowohl im Dunkel der Nacht wie im Licht des Tages und gesteigert durch dessen archaische Materialität, mehr beeindruckt und überzeugt, dass Architektur die immanente Kraft haben kann, die ganze Erlebnis- und Gefühlsskala eines jeden Menschen zu erreichen, der sich ihr aussetzt.“

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