10.12.2025

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Burning Man Festival: Wie eine brennende Idee zur Hauptstadt der Utopien wurde

Das Burning Man Festival ist ein utopisches Mega-Experiment, welches, wie kaum ein anderes Event auf der Welt, von Mythen, Gerüchten und Ritualen umgeben ist. Alles zum Festival lest ihr von Tobias Hager auf baumeiser.de. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
Das Burning Man Festival ist ein utopisches Mega-Experiment, welches, wie kaum ein anderes Event auf der Welt, von Mythen, Gerüchten und Ritualen umgeben ist. Alles, was es über diesen Mythos zu wissen gibt, folgt hier. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
  • Das Burning Man Festival in Nevada ist ein radikal temporäres Urbanismus-Experiment und gleichzeitig eine gigantische Bühne für Architektur, Kunst, Selbstorganisation und kollektive Kreativität.
  • Ursprünglich 1986 als spontane Strandaktion geboren, wuchs es zu einer global bekannten, aber immer noch seltsam widerspenstigen Kulturinstitution heran.
  • Die entstehende Stadt Black Rock City ist ein beispielloses Modell urbaner Planung: Kreissegment-Struktur, strenge logistische Abläufe, ein komplexes Verkehrssystem und architekturhistorisch wertvolle Monumente, die nach einer Woche verschwinden.
  • Die 10 Prinzipien von Burning Man fungieren als moralische und soziale Infrastruktur – von Radical Inclusion bis zu Leave No Trace.
  • Das Festival ist voller skurriler Fun-Facts: NASA-Studien zum Playa-Staub, eigenständige temporäre Bibliotheken, juristische Präzedenzfälle, gigantische Mutant Vehicles und Installationen, die Designpreise verdient hätten.
  • Architekten, Stadtplaner und Designer betrachten das Burning Man Festival zunehmend als Labor für Fragen der Zukunft: Wie baut man schnell? Wie lebt ein Kollektiv? Wie funktioniert Stadt ohne Kapital?
  • Der Kultfaktor wächst weiter – trotz, oder gerade wegen, der völligen Nutzlosigkeit im klassischen ökonomischen Sinn.

Es gibt Orte, an denen Architektur nicht gebaut, sondern herbeigeträumt wird – und dann trotzdem erstaunlich stabil steht. Und es gibt das Burning Man Festival, jenen staubgetränkten Ausnahmezustand in Nevadas Wüste, in dem eine komplette Stadt aus dem Nichts emporwächst, sich selbst inszeniert, sich selbst verbrennt und danach so spurlos verschwindet wie ein gekonnt platzierter Wettbewerbsentwurf in der Schublade einer Jury. Wer wissen will, warum Zehntausende Menschen Jahr für Jahr eine Art urbane Utopie im Zeitraffer errichten, warum Architekten dort mit glänzenden Augen durch Staubstürme radeln und weshalb NASA-Forscher genau den gleichen Boden untersuchen wie barfüßige Hippie-Kosmopoliten – der ist hier goldrichtig.

Dieser Artikel entführt in eine Stadt, die es eigentlich nicht geben dürfte, aber gerade deshalb so viel über die Zukunft des Bauens verrät. Willkommen in Black Rock City, der urbanistischen Utopie des Burning Man Festival, wo die Wüste auf Ideen trifft – und am Ende immer jemand brennt.


Wo zur Hölle liegt Black Rock City – und warum baut dort jemand eine Stadt?

Die Black Rock Desert im US-Bundesstaat Nevada ist einer jener Orte, an denen die Landschaft so radikal leer ist, dass man nahezu spirituell davon berührt wird – allerdings nur bis der erste Staubsturm einem die Kontaktlinsen sandstrahlt und man plötzlich darüber nachdenkt, ob die Evolution eigentlich ein April-Scherz war. Und genau hier, in dieser weiten, trockenen, endlos hellen Playa, entsteht jedes Jahr die temporäre Stadt Black Rock City: ein Prunkstück an urbaner Planung, Improvisation, Gemeinschaftsgeist und – seien wir ehrlich – einem gewissen Hang zum architektonischen Größenwahn.

Warum Menschen eine Stadt in der Wüste errichten, ist eine Frage, die sich erst logisch beantworten lässt, wenn man akzeptiert, dass es sich beim Burning Man Festival um eine Art Parallelwelt handelt – eine Welt, die das Urbane nicht als Problem, sondern als Spielaufforderung versteht. Die Stadt, die dort entsteht, ist in vieler Hinsicht das, was man erhält, wenn man eine Gruppe hochkreativer Menschen fragt, wie Stadt aussehen könnte, wenn sämtliche Regeln einmal ausgesetzt würden – inklusive der sinnvollen. Die Playa ist eine Architekturseite ohne Vorbedingungen, und genau deshalb zieht sie seit Jahren immer mehr Kreative an.

Der Ursprung allerdings war weit weniger philosophisch: 1986 beschloss Larry Harvey, gemeinsam mit Freunden, einen hölzernen Mann am Strand von San Francisco zu verbrennen – nicht aus Protest, sondern aus purer Lust am Ritual. Ein manichäisches Statement? Eine performative Stadtgründung? Ein frühes Beispiel nachhaltiger Wärmeerzeugung? Wohl eher ein impulsiver Akt, der, wie es in vielen großen Geschichten üblich ist, keinerlei Ambition hatte, später architekturtheoretische Aufsätze auszulösen. Dennoch wurde jene Strandparty zur Geburtsstunde eines Festivals, das heute zugleich Mythos, Marke und sozio-architektonisches Labor ist.

Das vielleicht faszinierendste Prinzip an der damals wie heute geltenden Philosophie ist „Leave No Trace“. In einer Zeit, in der selbst kleine Stadtfeste tonnenweise Müll produzieren, ist es ein beinahe irrwitzig ambitioniertes Konzept: Zehntausende Menschen kommen in die Wüste, bauen Stadt, Infrastruktur, Kunstwerke, Bars, Tempel und mechanische Drachen – und hinterlassen nach einer Woche exakt: nichts. Kein Müll, keine Trümmer, keine Spuren, abgesehen von einem leichten Abdruck menschlicher Ausgelassenheit, der sich in den Köpfen eingräbt, nicht jedoch im Boden.

Architektonisch besonders beeindruckend aber ist die jährliche Neuplanung der Stadt. Black Rock City wird jedes Jahr in einem präzisen Kreissegment angelegt – wie ein gigantisches, urbanistisches Uhrwerk. Die Straßen verlaufen wie Kreisbögen, die Achsen wie Stundenmarkierungen, und das Zentrum bleibt dem „Man“, der ikonischen Skulptur, vorbehalten. Man könnte es als Mischung aus rationalistisch-modernistischem Städtebau und „festivaleskem“ Expressionismus beschreiben. Oder anders: Der Barock hätte Black Rock City geliebt.

Das Burning Man Festival von oben. Städtebaulich und architektonisch beeindruckend. Mehr dazu von Tobias Hager auf BAUMEISTER.de. Foto von Jeremy Bishop auf Unsplash
Das Burning Man Festival von oben. Städtebaulich und architektonisch beeindruckend. Mehr dazu von Tobias Hager auf BAUMEISTER.de. Foto von Jeremy Bishop auf Unsplash

Die 10 Prinzipien: Urbanistische Wachstafeln für eine Stadt, die sich selbst verbrennt

Die 10 Principles des Burning Man Festivals sind zu einer Art kleiner urbaner Verfassung geworden – nicht im juristischen Sinn, sondern im sozialen. Sie definieren die Regeln einer Gemeinschaft, die eine Woche lang zusammenlebt, ohne klassische Strukturen, ohne Polizei im klassischen Sinn, ohne Kommerz, ohne Werbung. Architekturtheoretiker würden sagen: Hier entsteht eine Stadt, deren Fundament kulturelle Codizes und moralische Verantwortung sind, keine Steinquader und keine Finanzpläne.

Beginnen wir mit dem wahrscheinlich prominentesten Prinzip: Radical Inclusion. Jeder darf kommen, jeder gehört dazu. Wäre das die Leitlinie städtischer Entwicklungspolitik, würden sämtliche Integrationskonzepte schlagartig überflüssig – man müsste lediglich ein wenig mehr Staub akzeptieren. Auf das Burning Man Festival übertragen bedeutet das: Die Stadt funktioniert, weil alle bereit sind, einander als vollwertige Mitbewohner zu betrachten. Ein Konzept, das im urbanen Alltag selten so reibungslos funktioniert.

Auch das Prinzip Gifting ist architektonisch höchst relevant, wenn auch zunächst unplausibel klingend. Es bedeutet, dass in Black Rock City kein Geld fließen soll: Alles wird verschenkt. Dienstleistungen, Getränke, Kunst, Installationen. Man stelle sich das in einer realen Innenstadt vor – und schon wird das Potenzial sichtbar: Städte würden plötzlich zu Orten kultureller Dynamik statt transaktionaler Effizienz mutieren. Auch wenn das natürlich völlig unrealistisch ist, bleibt der Gedanke bemerkenswert: ein urbanes Leben, das ohne monetären Austausch funktioniert.

Radical Self-Reliance wiederum ist das, was passiert, wenn man Bauherren auffordert, ihre Projekte endlich selbst zu Ende zu bringen. Scherz beiseite: Es bedeutet, dass jeder für sich sorgt – Schatten, Wasser, Nahrung, Fahrrad, Zelt, Schutz gegen Sandstürme. Doch in der Summe entsteht dadurch ein Raum, der stark von persönlicher Handlung getragen wird. Und das wiederum beeinflusst die gebauten Strukturen. Kein anderer Ort zeigt so deutlich, wie Architektur sich verändert, wenn die Verantwortung vollständig bei den Nutzern liegt. Ein faszinierender Gedanke, wenn man die zunehmende Unbeliebtheit des Themas „Eigenverantwortung“ in Deutschland mit all den staatlichen Eingriffen und Regulierungen in Verbindung bringt.

Fun-Fact-seitig lohnt sich ein Blick auf die absurden, aber faszinierenden Nebeneffekte dieser Prinzipien. So musste das US-Innenministerium 2014 erstmals einen neuen technischen Standard definieren, um temporäre, rituell entzündbare Großskulpturen korrekt brandschutzrechtlich einzuordnen. Ebenso gab es 1999 ein Camp mit einer detailgetreuen Rekonstruktion eines Pariser Straßenzugs – inklusive Straßencafé. Nur eben mit staubiger Luft statt Croissants. Und ein weiteres Camp errichtete eine eigene Bibliothek, die, so wird berichtet, mehr Bücher pro Quadratmeter anbot als so manche öffentliche Institution einer US-Kleinstadt.

Black Rock City zieht jedes Jahr Kreative, Vordenker und absolut jeden an, der aus seiner Realität, zumindest für eine Weile, ausbrechen möchte oder sogar muss. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
Black Rock City zieht jedes Jahr Kreative, Vordenker und absolut jeden an, der aus seiner Realität, zumindest für eine Weile, ausbrechen möchte oder sogar muss. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
Eines der Grundprinzipien des Burning Man Festival ist: Jeder ist Willkommen. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
Eines der Grundprinzipien des Burning Man Festival ist: Jeder ist Willkommen. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
Das Burning Man Festival zählt zu den friedlichsten und mit Abstand harmonischsten Events der Welt. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
Das Burning Man Festival zählt zu den friedlichsten und mit Abstand harmonischsten Events der Welt. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
Das Burning Man Festival ist ein utopisches Mega-Experiment, welches, wie kaum ein anderes Event auf der Welt, von Mythen, Gerüchten und Ritualen umgeben ist.

Temporäre Architektur auf der Playa: Wenn Staub, Stahl und Wahnsinn miteinander kollaborieren

Die Architektur des Burning Man Festivals ist ein Kapitel für sich – eine wilde Mischung aus experimentellen Leichtbauweisen, kinetischen Strukturen, improvisierten Schattensystemen, monumentaler Kunst und flüchtigen Installationen, die allesamt dem gleichen Gegner standhalten müssen: dem gnadenlos feinen Playa-Staub. Dieser Staub ist so fein, dass er selbst hochmoderne Kameras binnen Minuten zu archäologischen Fundstücken verwandelt. Und dennoch entstehen hier Bauwerke, die jedes Jahr internationale Aufmerksamkeit gewinnen.

Viele der Skulpturen erreichen eine Höhe, bei der man unweigerlich darüber nachdenkt, ob sie nicht eigentlich als Einstieg in die UNESCO-Weltkulturerbe-Debatte geeignet wären – sofern sie nicht am Ende der Woche kontrolliert verbrannt würden. Die ikonischen Tempel etwa, jedes Jahr neu von internationalen Teams entworfen und errichtet, sind architektonische Meisterwerke, gebaut mit einer Hingabe, die sich zwischen religiöser Andacht und Ingenieurspoesie bewegt. Sie dienen als Ort kollektiver Trauer, Reflexion und Rituale – und werden schließlich im großen Tempelbrand zerstört, als kathartisches Finale.

Für viele Teilnehmer gleicht die Playa einer Art informeller Architekturschule. Menschen, die im Alltag Excel-Tabellen verwalten, konstruieren plötzlich tragfähige Kuppeln aus Bambus; Ingenieure, die sonst mit Brückennormierungen beschäftigt sind, entwickeln witterungsbeständige Klangkörper; Designer entwerfen mobile Leuchtskulpturen, deren Energieversorgung auf improvisierten Solarpanel-Clustern beruht. Und das alles in einem Klima, in dem man schon froh sein kann, wenn das eigene Zelt nachts nicht davonfliegt.

Dass sich hier zunehmend prominente Architekten tummeln, überrascht kaum. Bjarke Ingels erschien mehrfach auf der Playa und sprach später davon, dass Burning Man als „Prototyping-Spektrum“ fungiere. Das MIT Media Lab testete neue Interaktionsformate, und diverse Hochschulen nutzten das Festival als Forschungsfeld für partizipative Baukultur. Es ist eine Art lebendiges Labor, in dem strukturelle Experimentierfreude nicht nur erlaubt, sondern notwendig ist.

Logistisch betrachtet gleicht das alles einem Wunder. Materialien müssen über hunderte Kilometer transportiert werden, Strom wird improvisiert, Wasser muss vollständig mitgebracht werden, und Brandschutz ist – ironischerweise – eine der wichtigsten Disziplinen. Es existieren genaue Vorgaben, wann und wie etwas brennen darf. Kaum ein anderes Festival der Erde arbeitet mit einem derart ausgefeilten pyrotechnischen Urbanisierungskonzept.


Black Rock City als urbane Utopie: Planstadt, Selbstversuch, Sandkasten

Die Errichtung von Black Rock City ist ein Ereignis, das Stadtplanern mal im Schnelldurchlauf zeigt, wie Urbanisierung eigentlich funktionieren sollte – wenn man die Realität, die Kosten und sämtliche politischen Prozesse einmal außen vor lässt. Innerhalb weniger Tage entsteht nicht nur ein Straßenraster, sondern eine funktionierende Stadt: medizinische Versorgung, Ranger, Sicherheitskonzepte, sanitäre Infrastrukturen, Kommunikationsnetzwerke, Verkehrsführung und Umweltmanagement. Und all das ohne festen Gebäudebestand.

Besonders spannend ist die Verkehrslogik. Die Stadt wird radial und ringförmig geplant, was die Orientierung erleichtert und zugleich eine fast mathematische Prägnanz schafft, die bereits in zahlreichen Urbanismus-Abhandlungen referenziert wurde. Obwohl Black Rock City eine temporäre Stadt ist, besitzt sie eine Verkehrsordnung, die manche europäische Gemeinde neidisch machen dürfte: Fahrräder dominieren, Mutant Vehicles dienen als öffentliche Kunst- und Transportplattformen, und Fußgängerströme organisieren sich überraschend intuitiv.

Die Stadt fungiert zunehmend als Bühne urbanistischer Experimente. Hier wird getestet, wie man Energie vollständig dezentral erzeugt; wie man Kollektive dazu bringt, Verantwortung für ihren Raum zu übernehmen; wie man ästhetische Vielfalt mit funktionalem Chaos balanciert. Für viele Designer ist das Burning Man Festival daher eine Art „Fashion Week für Architektur“ – ein Ort, an dem neue stilistische und strukturelle Konzepte präsentiert werden, bevor sie irgendwann in sanfterer Form in realen Städten auftauchen.

Seit einigen Jahren rückt auch Nachhaltigkeit stärker in den Fokus. Solaranlagen, regenerative Energiekonzepte, neue Bio-Materialien und CO₂-neutrale Installationen gehören zunehmend zum Festivalalltag. Gleichzeitig beginnt die digitale Infrastruktur, eine größere Rolle zu spielen. Sensorik wird getestet, Mapping-Systeme gewinnen an Bedeutung, und selbst KI-gestützte Tools für Organisations- und Verkehrsflussanalysen wurden bereits im Wüstenkontext erprobt. Die Zukunft der Stadt – zumindest die experimentelle – entsteht also heute schon Jahr für Jahr in Nevada.

Kaum ein anderes Event löst so eine Faszination aus, wie das Burning Man Festival in Nevada. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
Kaum ein anderes Event löst so eine Faszination aus, wie das Burning Man Festival in Nevada. Foto von Leo_Visions auf Unsplash

Kultur, Kult und Kommerz: Wie das Burning Man Festival unfreiwillig weltberühmt wurde

Dass das Burning Man Festival heute weltweit bekannt ist, hat weniger damit zu tun, dass sich jemand ernsthaft um Marketing bemühte – Ironie des Schicksals, denn Kommerz ist dort ja verboten. Vielmehr verbreitete sich die Mythologie durch Mundpropaganda, später durch die ikonischen Fotos staubverwehter Menschen, die aussehen, als hätten sie die Kostümabteilung eines dystopischen Sci-Fi-Epos geplündert.

Burning Man begann als Underground-Event, wurde aber durch die Medienkultur der Jahrtausendwende zum globalen Trend. Und dann kam Silicon Valley. Plötzlich entdeckten Tech-Unternehmer, dass ein Festival, das radikale Kreativität und die temporäre Aussetzung normaler Regeln feiert, eigentlich eine perfekte Innovationskonferenz ist – nur mit weniger PowerPoint und deutlich mehr Flammenwerfern.

Die Rolle prominenter Besucher ist ambivalent. Einerseits bringen sie Geld, Aufmerksamkeit und neue Ideen. Andererseits sorgte die Ankunft bestimmter exklusiver Camps für hitzige Diskussionen: Wie viel Exklusivität verträgt ein Festival, das eigentlich Hierarchien ablehnt? Doch trotz aller Debatten blieb der Kern bestehen – die Playa ist keine VIP-Zone, sondern ein egalitäres Experiment.

Dass es viele Missverständnisse rund um das Festival gibt, ist unvermeidlich. Die Vorstellung, das Burning Man Festival sei ein riesiger Drogenzirkus, hält sich hartnäckig – obwohl die Behörden jedes Jahr überraschend rigoros kontrollieren. Die Idee, alle seien nackt, ist ebenfalls überzogen – auch wenn es durchaus Menschen gibt, die mit beeindruckender Konsequenz jede textile Verantwortung verweigern. Und schließlich ist da der Mythos, Burning Man sei ein „Hippie-Festival“ – was ungefähr so zutrifft wie die Behauptung, der Eiffelturm sei ein praktisches Mobilfunkmastprojekt.

Einige Fun Facts, die selbst viele Burner nicht kennen:

  • Die NASA nutzt Playa-Staub zur Erforschung von Mondstaubverhalten, da die mineralische Struktur ähnlich ist.
  • 1996 wurde ein komplettes Camp durch einen Staubsturm angehoben und meterweit versetzt – es blieb nahezu intakt.
  • Das größte Mutant Vehicle in der Festivalgeschichte war ein mehrstöckiges fahrendes Kunstwerk, ausgestattet mit Lounge-Bereich, Bar, DJ-Pult und einer eigenen Wetterstation.
  • Die erste „Gerichtsbarkeit“ des Festivals entstand, als ein Teilnehmer auf kreative Weise ein Kunstwerk „uminterpretierte“ und ein improvisiertes Tribunal über die angemessene Reaktion entschied.

Das Burning Man Festival ist Kult – aber ein Kult, der sich selbst ständig infrage stellt.

Nicht nur die hölzernen Bauwerke sind echte Kunstwerke. Black Rock City möchte jeden zur Entfaltung verhelfen. Foto von Peter Fitzpatrick auf Unsplash
Nicht nur die hölzernen Bauwerke sind echte Kunstwerke. Black Rock City möchte jeden zur Entfaltung verhelfen. Foto von Peter Fitzpatrick auf Unsplash
Neben den persönlichen Kunstwerken, ist eines unübersehbar: das Fahrrad. Foto von Jeremy Bishop auf Unsplash
Neben den persönlichen Kunstwerken, ist eines unübersehbar: das Fahrrad. Foto von Jeremy Bishop auf Unsplash

Was bleibt zurück? Die Asche, der Staub – und ein erstaunlicher Erkenntnisgewinn für die Architektur

Wenn der letzte Funke verlöscht, der Man niedergebrannt ist, der Tempel in Flammen aufgegangen ist und sich die letzten Fahrräder aus der Wüste geschleppt haben, bleibt erstaunlich wenig zurück. Genau das ist das Prinzip: eine vollständige Stadt, die erst erscheint und dann wieder verschwindet.

Doch die architekturtheoretischen Spuren, die bleiben, sind tiefgreifend. Auf kaum einem anderen Event wird so deutlich, dass Architektur nicht zwingend dauerhaft sein muss, um Wirkung zu entfalten. Hier zählt der Prozess mehr als das Objekt – das gemeinsame Bauen, Gestalten, Experimentieren, Scheitern. Man könnte sagen: Burning Man rehabilitiert den Fehler als architektonische Tugend.

Dass Utopien meist scheitern, ist bekannt – zumindest, wenn sie dauerhaft sein sollen. Temporäre Utopien hingegen, die bewusst begrenzt sind, haben eine bemerkenswerte Lebenserwartung. Black Rock City beweist, dass Städte funktionieren können, wenn ihre Existenz von Beginn an als provisorisch gedacht ist. Paradoxerweise schafft gerade diese Vergänglichkeit Raum für Mut, für Experimente, für radikale Ideen.

Für Architekten ist das Burning Man Festival eine Art Spiegel. Es zeigt, wie sehr Stadtentwicklung von der Beziehung zwischen Bewohnern und Raum abhängt. Es zeigt, wie kreativ Menschen werden, wenn sie nicht durch Normen gebremst werden. Und es zeigt, dass Humor – trotz der Ernsthaftigkeit des Bauens – ein wesentlicher architektonischer Werkstoff sein kann.

Am Ende bleibt das Festival ein Denkmodell: Was wäre, wenn Städte sich häufiger erneuerten? Wenn experimentelle Zonen als Testfelder institutionalisiert würden? Wenn kollektive Verantwortung nicht nur gefordert, sondern tatsächlich gelebt würde? Das Burning Man Festival gibt keine Antworten, aber viele Fragen – und manchmal ist das für die Architektur bereits ein großer Gewinn.

Die fast schon monumentalen Bauten lassen einen wirklich staunen. Foto von Jeremy Bishop auf Unsplash
Die fast schon monumentalen Bauten lassen einen wirklich staunen. Foto von Jeremy Bishop auf Unsplash
Was die Teilnehmer hier in kürzester Zeit erbauen ist inzwischen echte Kunst. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
Was die Teilnehmer hier in kürzester Zeit erbauen ist inzwischen echte Kunst. Foto von Leo_Visions auf Unsplash
Der "Man" ist das verbrennerische Highlight des Festivals. Am Ende werden er und alle Tempel niedergebrannt. Passend zum Namen. Foto von Sam Mathews auf Unsplash
Der "Man" ist das verbrennerische Highlight des Festivals. Am Ende werden er und alle Tempel niedergebrannt. Passend zum Namen. Foto von Leo_Visions auf Unsplash

Wer mehr Einblicke in den Alltag auf dem Burning Man Festival bekommen möchte, dem sei dieser VLOG von „Escaping Normal Life“ ans Herz gelegt. Die Community feiert diese Einblicke besonders desahlb, weil sie zeigen, dass das Burning Man Festival nicht bloß eine wilde, nackte Drogenparty ist, sondern für einige eine wirklich ernsthafte Flucht aus dem Alltag. Weil man seinem Dasein eben nicht einfach entfliehen kann, muss man sich selbst in Black Rock City zurechtfinden. Wie, wo, was und warum, kann man sich in diesem hochwertig produzierten und tollen Beitrag zu Gemüte führen.

Etwas zu Gemüte führen ist das richtige Stichwort. Jeder, der bis hierhin gelesen hat, verdient meinen Respekt. Heutzutage ist es nicht mehr normal, dass man sich lange Artikel mit dem entsprechenden Zeitaufwand in Ruhe durchliest. Danke dafür. Mein Team und ich, würden uns sehr freuen, wenn du uns auch auf unseren sozialen Kanälen folgst und noch schöner wäre es, wenn du zusätzlich unseren Newsletter abonnierst. Noch ein Stichwort. Freuen. Ich freue mich stets über Mails und Zuschriften. Falls dir etwas besonders gut gefallen hat, du etwas loswerden möchtest oder Kritik anbringen willst, immer her damit. Meine Kontaktdaten findest du mit einem Klick auf mein Autorenprofil.

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