Barozzi Veiga

Wer die genaue Adresse von Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga nicht kennt, wird ihr Büro wohl auch niemals finden. Kein Schild auf der Calle Bailén in Barcelonas Eixample gibt irgendeinen Hinweis. Anders als drittklassige deutsche Architekturbüros, die mit monströsen Schrifttafeln werben, üben sich die Gewinner des diesjährigen Mies van der Rohe Awards betont in Zurückhaltung. Die Auskunft des Concièrge, den es hier tatsächlich noch gibt, hilft weiter: Erste Etage, zweite Tür links. Die Information ist wichtig, denn auf besagter Etage findet sich ebenfalls kein Büroschild. Zum Glück stimmt der Hinweis, und an der Tür wird der hitzegeplagte Gast, völlig unüblich für spanische Verhältnisse, sofort nach seinen Getränkewünschen gefragt.

Tatsächlich gibt man sich im jungen Büro Barozzi Veiga betont unspanisch, oder besser: unkatalanisch. Denn beide, der 1976 geborene Italiener Fabrizio Barozzi und der 1973 geborene Galizier Alberto Veiga fühlen sich zwar in der Metropole Barcelona heimisch, aber mit der katalanischen Kultur fremdeln sie noch immer. Barozzi gibt unumwunden zu, dass sie nach elfjährigem Aufenthalt in Barcelona noch immer nicht des Katalanischen mächtig sind, obwohl in der Regel kein Fremder ohne Beherrschung der Sprache beruflich auf einen grünen Zweig kommt.

Und wie kam es zu der ungewöhnlichen Partnerschaft eines jungen Architekten aus der Sehnsuchtsstadt Venedig und eines nur wenig älteren Architekten aus der mittelalterlichen Pilgerstadt Santiago de Compostela? Fabrizio Barozzi erzählt, dass er vor 14 Jahren der traditionsverhafteten akademischen Architekturausbildung in Venedig entfloh, um das architektonische Handwerk in Spanien zu erlernen. Der Zufall wollte es, dass sich beide im andalusischen Sevilla trafen, wo sie im renommierten Büro von Guillermo Vázquez Consuegra die Chance erhielten, an Projekten in Spanien mitzuwirken. Alberto Veiga brachte allerdings gänzlich andere Voraussetzungen mit, weil seine Ausbildung an der Universität Navarra deutlich praxisorientierter war und er anschließend eine Mitarbeiterstelle bei Patxi Mangado in Pamplona erhielt.

Von Beginn an arbeiteten die beiden Architekten an großen, bedeutsamen Projekten – am neuen Kongreß-Palast für Sevilla, an der Umwandlung des ehrwürdigen Palacio San Telmo in den Andalusischen Regierungssitz, schließlich an der Umgestaltung der Hafenfront im galizischen Vigo. Nach dem relativ kurzen Intermezzo im Büro von Vázquez Consuegra, in dem Barozzi und Veiga das Knowhow für eigenständiges Arbeiten lernten, kamen die „bedeutenden Wettbewerbe in Spanien“. Zunächst gewannen sie 2004 einen Wettbewerb für Sozialen Wohnungsbau im andalusischen Úbeda, kurze Zeit später für eine Konzert- und Kongreßhalle in Águilas mit dem königlichen Namen „Infanta Doña Elena“. Das war zu einer Zeit, in der Bürgermeister von Kleinstädten, wie etwa der Touristen-Hochburg Águilas an der Costa Cálida, unbedingt dem Bilbao-Effekt nacheifern wollten.

Dass der Mies van der Rohe Award die internationale Karriere von Barozzi Veiga begünstigt, darf als ausgemacht gelten. Dabei fällt auf, dass die gegenwärtigen Projekte der beiden ausschließlich in der Schweiz und in Südtirol angesiedelt sind. Überall in den Räumen des Büros finden sich Maquetten und Entwürfe zu den laufenden Projekten: der Musikschule im norditalienischen Bruneck, dem Kantonalmuseum der Schönen Künste in Lausanne, dem Bündner Kunstmuseum Chur und dem Zürcher Tanzhaus. Sämtliche Projekte zeichnen sich durch eine Entwurfshaltung aus, die bereits der Stettiner Philharmonie zugrunde lag: Man beabsichtige – so Fabrizio Barozzi -, auffällige Charakteristika des urbanen Kontextes in zeitgenössischer Form zu verdichten. Und schließlich, was für viele Barceloneser Architekten eine Selbstverständlichkeit ist, den öffentlichen Raum zu erweitern und aufzuwerten: „Wir sind davon überzeugt, dass wir in unseren Städten dem Bezug von Bauwerk und Stadtraum größere Aufmerksamkeit widmen sollten – nicht nur den Gebäuden.“

Mehr dazu im Baumeister 8/2015