Ein gläserner Klangspeicher

Die Bregenzer Architekten Cukrowicz Nachbaur konnten mit ihrem scheunenartigen Gebäude die Jury für das Münchner Konzerthaus überzeugen. Der Musiktempel wirke als Ruhepol zwischen all den modernisierten Industriebauten – so die Preisrichter. Doch die Münchner hätten sich einen mutigeren Entwurf mit einer stärkeren musikalischen Anmutung gewünscht.

Repräsentative Innenstadtlage oder städtebaulicher Impulsgeber?

Nach 15 Jahren Streit, ob München ein neues Konzerthaus benötigt und wo dieses Haus stehen soll, wurde gestern ein wichtiger deutscher Wettbewerb entschieden. Den internationalen Wettbewerb, wo Größen wie Chipperfield, Gehry Partners, Herzog & de Meuron oder Henning Larsen gesetzt waren, hat ein vergleichsweise kleines, junges Büro aus Österreich gewonnen. Der Siegerentwurf für das Konzerthaus am Ostbahnhof ist einerseits eine prägnante Großform, andererseits frei von spektakulären Gesten. Das Gebäude habe „nur Vorderseiten“ und wirkt nachts als „schimmernder Leuchtkörper“, der weithin sichtbar in den Stadtraum strahlt. Das liegt daran, dass sich Cukrowicz Nachbaur Architekten dafür entschieden haben, auf möglichst kleiner Grundfläche die Konzertsäle übereinander zu stapeln. Damit setzen sie sich über den Bebauungsplan hinweg. Doch durch das „Zurückweichen der Baumasse in den oberen Geschossen“ wird das 45 Meter hohe Gebäude für den Stadtraum verträglich.

Die archaische Gebäudeform wirkt im heterogenen Umfeld kraftvoll und prägnant. Indem alle Gebäudeseiten mit der Nachbarschaft kommunizieren, passt es sich gleichermaßen gut ein. Auch die innere Organisation der Räume wurde von der Jury gelobt. Die sehr einladenden und attraktiven Foyerbereiche sowie die gleichwertige Behandlung von öffentlicher Zone und Backstagebereich scheinen gut gelöst. Die so genannte Schuhschachtelform des großen Konzertsaals bringt akustische Vorteile. Durch die intelligente Parkett- und Balkonanordnung sitzt niemand im Publikum in zu großer Distanz zum Podium.

Die originelle Grundform spielt zwischen Vertrautem und Fremden und lässt damit vielseitige Assoziationen zu: Während die Architekten selbst von einem Klangspeicher, einer Kathedrale, einem Musiktempel sprechen, wird er von vielen Münchnern als Sarg, Gewächshaus oder Schuhschachtel abgetan. Hätte man die Bürger gefragt, hätte vermutlich der vierte Preis von den Skandinaviern 3XN gewonnen: Ihre Fassade wirkt wie ein geworfenes Tuch, das sich über die drei Säle spannt und am Haupteingang anhebt. Die geschwungenen Formen verkörpern im Inneren wie außen den Klang der Musik. Während der Eingang für die Münchner einladend wirkt und eine gewisse Spannung auf die dahinterliegenden Konzertsäle aufbaut, kritisiert die Jury die Erschließung. Als großes Problem wurde die Platzierung des Haupteingangs gesehen, der sich Wohnbauten und einer Schule zuwendet. Durch die grundsätzlich sinnvolle Anordnung der Konzertsäle auf einer Ebene könne es zu einer extremen Ballung der Besucherströme kommen.

Mehr Mut für Münchner Architektur

Der Juryvorsitzende Arno Lederer beschreibt den Entwurf von Cukrowic Nachbaur als einfach, zurückhaltend und nobel. Er lobt die Einmaligkeit der durchsichtigen Oberfläche, doch die Transparenz der Glasfassade wird im weiteren Planungsverlauf eine Herausforderung sein. Ob das Versprechen auf Offenheit, Leichtigkeit und Transparenz eingelöst werden kann, bleibt bisher offen. Aufgrund der viel zu reduzierten Darstellung ohne jede Andeutung von Haptik und Anmutung stellt sich die Frage, ob die doppelte Fassade tatsächlich als offen wahrgenommen werde. Man kann also gespannt sein auf die Umsetzung des 300-Millionen-Projekts. Die Fertigstellung dauert jedoch noch fünf bis sechs Jahre. 

Bis 26. November sind alle Entwürfe des Wettbewerbs in der Whitebox im Werksviertel in München zu besichtigen. Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.