Ein Baum für alle

 

Sommer in London 2017, Kensington Gardens. Eine bunte Menge versammelt sich, um die Eröffnungsreden im diesjährigen Serpentine Pavillon von Francis Kéré zu hören.

Kéré hat sein Büro seit 2005 in Berlin, viele seiner preisgekrönten Gebäude sind in allerdings in seinem Heimatland Burkina Faso gebaut worden. Sein erstes Projekt, das er 2001 noch als Student realisierte, war eine Schule für sein Dorf, deren Wellblechdach durch ein Raumtragwerk vom Gebäude abgelöst ist. Darunter stehen Lehmziegelwände. Ein ähnliches Konzept hat der neuen Serpentine-Pavillon, den Kéré gerade fertiggestellt hat.

Auch in London schwebt ein leichtes Dach über dem Raum. Die Idee dahinter ist der Baum und seine schattenspendende Krone, der in der Hitze von Burkina Faso den gemeinsamen Treffpunkt für das tägliche Leben bietet. Das Zentrum des kreisrunden Dachs ist offen – dort soll das Regenwasser wie ein Wasserfall herunterstürzen. Versteckt unter weißen Kieseln verbirgt sich in der Mitte ein Wasserreservoir für neuntausend Liter Regenwasser zur Bewässerung des Parks. „Hoffentlich regnet es bald!“, sagte Kéré bei der Eröffnung.

Das Dach ist einfach und  komplex zugleich: Es besteht aus transparenten Stegplatten und Holzlamellen, die auf dem auskragenden Raumtragwerk ruhen. Der Kreis ist nicht ganz zentral, so dass verschieden tiefe Verschattungen entstehen. Die gebogenen Wände sind aus blau lasierten Holzstücken aufgebaut.

Kéré sagte dazu, dass sie mit ihrem durchlässigen Dreiecksmuster an Stoff erinnern sollen, den Kaften oder „Boubou“ Westafrikas. Die tiefblaue Farbe wird bei besonderen Gelegenheiten getragen und gilt als besonders festlich. Die Wände schaffen nach innen und außen gewandte Räume – der größte wird für Vorträge genutzt. Auch die Gemeinschaftsküche Mazi Mas – von Flüchtlingsfrauen geführt – wird hier Essen zubereiten.

Die Redner gedachten bei der Eöffnung der Opfer der Terroranschläge und des Brands im Grenfell Tower, der nur wenige Kilometer entfernt liegt. Umso mehr Bedeutung gewinnt Kérés Konzept der Gemeinschaft. An diesem Tag kommen ein schweizer Kurator, eine englische Direktorin, ein deutsch- afrikanischer Architekt mit einem europäischen Büro, die Kulturbeauftragte eines muslimischen Bürgermeisters, Presse aus aller Welt, internationale Statiker und Sponsoren zusammen, um einen Ort zu schaffen, der gleichzeitig hohe Architektur feiert und einen Gemeinschaftsort für alle bietet.