Patrik Schumacher

 

Patrik Schumacher macht es niemandem leicht – weder den Diskurstreibern in der Architektur, noch sich selbst. Im November 2016 sorgte er mit einer Rede während des World Architecture Festivals in Berlin für einen Eklat. Im März sprach er auf der Konferenz „Architecture Matters“ in München. Dort trafen wir ihn und unter­hielten uns über Politik, Neoliberalismus und die Zukunft von Zaha Hadid Architects.

Baumeister: Herr Schumacher, wie hat sich Ihre Rolle im Büro seit dem Tod von Zaha Hadid verändert?

Patrik Schumacher: Zunächst hat sich für mich nicht viel verändert. Ich war ja vor Zahas Tod auch schon in der Öffentlichkeit unterwegs – sei es durch Diskussionen, Vorträge, Veröffentlichungen und generell durch die Teilnahme am architektonischen Diskurs. Innerhalb des Büros war ich schon vor ihrem Tod der Second Principal. Die Prozesse im Büro laufen jetzt ähnlich weiter. Was sich allerdings sehr verändert hat, und was ich auch sehr vermisse, ist die Auseinandersetzung mit ihr.

 

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Patrick Schumacher auf der Konferenz "Architecture Matters" in München, Foto: Tanja Kernweiss

 

B: Sie stehen jetzt aber auch intensiver im Fokus der Medien.

P S: Stimmt, das Interesse der Massenmedien an meiner Person wie zum Beispiel des Guardian oder der New York Times hat zugenommen. Die mediale Wirkung meiner Berlin-Rede während des World Architecture Festivals hat mich dabei doch überrascht. Das war definitiv neu, denn ich hatte ähnliche Sachen zuvor schon gesagt, ohne solche Reaktionen zu bekommen.

B: Während des World Architecture Festivals haben Sie sich unter anderem für eine Abschaffung des sozialen Wohnungsbaus und für die Privatisierung von öffentlichen Plätzen ausgesprochen, was eine Welle der Empörung auslöste. In der Folge gab es Proteste von Aktivisten vor Ihrem Büro. Außerdem wurde eine Ihrer internen Mails geleakt und öffentlich gemacht. Halten Sie sich jetzt stärker zurück?

P S: Ich bin dadurch sicher vorsichtiger geworden und versuche, die Positionen, die ich als Architekturtheoretiker und als politisch denkender Mensch vertrete, stärker von Zaha Hadid Architects zu trennen. Das Büro bin ja nicht nur ich. Es gibt auch andere Direktoren, die nicht mit womöglich umstrittenen Positionen assoziiert und dadurch belastet werden wollen. Damit wurde ich nach meiner Berlin-Rede konfrontiert – und das habe ich natürlich auch angenommen.

B: Wobei Sie jetzt ja Chef sind. Können Sie uns die Hierarchie des Büros erläutern?

P S: Wir haben ein Board of Directors, innerhalb dessen wir sehr kollegial agieren. Ich selbst nenne mich Principal und habe eine Art letzte Entscheidungsbefugnis. Die Machtfrage stellt sich aber nicht, da die Leute, die in gewisse Positionen gekommen sind, sich das immer erarbeitet haben. Das hat auch etwas mit Charisma zu tun. Wir sind also eine Meritokratie, was eine Form der Herrschaftsordnung ist, die sich in ständiger Bewegung befindet. Ich würde jedenfalls nicht auf einer Macht­position bestehen, wenn sie nicht mehr glaubhaft wäre – sei es intern oder extern. So war das auch im Zusammenspiel mit Zaha: Ihr hat das Büro zwar gehört, und es stand auch ihr Name darauf. Trotzdem hätte sie nie etwas durchgesetzt, mit dem ich nicht einverstanden gewesen wäre. So funktioniert das Büro heute noch.

B: Damit stellt sich auch die Frage nach der Autorenschaft. Das Büro lief ja früher unter dem Label „Dekonstruktivismus“, das ganz stark mit Zaha Hadid assoziiert wird. Später kam dann der „Parametrismus“ dazu, den man eher mit Ihrer Person in Verbindung bringt.

P S: Autorenschaft und Co-Autorenschaft waren mir immer sehr wichtig. Ich habe mich nie als Wasserträger gesehen, sondern mich immer mit den Größen meiner Disziplin verglichen.

B: Ihr Selbstbewusstsein hat unter den jüngsten Diskussionen nicht gelitten.

P S: Warum auch. Das Recht auf die Co-Autorenschaft habe ich mir erarbeitet: Zahas Genie mitzutragen, aber auch auszuweiten, fand ich spannend. Die Reorientierung vom Dekonstruktivismus hin zum Parametrismus hat sie unterstützt, was dem Büro auch sehr gut getan hat. Das war ja das Tolle an Zaha, dass sie offen war und Freiräume zugelassen hat.

B: Das eine ist die interne Struktur, das andere das Image des Büros, das ja oft als Architektur-Marke bezeichnet wird, ähnlich einem Modelabel.

P S: Ich habe mit der Bezeichnung kein Problem, genauso wenig wie mit dem 
Begriff „kommerziell“, da ich Markterfolg wichtig finde. Das allein reicht natürlich nicht aus. Genauso wichtig ist es, eine Avantgarde-Position zu haben, die klar ausformuliert ist. Das beinhaltet aber auch die Möglichkeit der sozialen Akzeptanz: Avantgarde muss Mainstream werden wollen! Nur wenn sie das schafft, war sie auch wirklich Avantgarde. Es gibt viele Strömungen, die als Avantgarde bezeichnet werden, aber in Wirklichkeit nur skurrile Abzweigungen sind. Der kommerzielle Erfolg ist wichtig, um an Einfluss zu gewinnen und dem Bauen eine neue Richtung geben zu können – ähnlich wie bei den Heroen der Moderne.

B: Sind Sie demnach noch Avantgarde oder bereits Mainstream?

P S: Ich glaube, dass wir eine Mainstream-Kapazität haben und unsere Gebäude eine Mainstream-Kompetenz besitzen, was aber nicht überall wahrgenommen wird. Wir sind ähnlich wie Skidmore Owings & Merrill zu Zeiten der Moderne als große Firma trotzdem innovativ. Das bedeutet konkret, dass wir zweigleisig unterwegs sind: Es gibt zum einen die Lehre und eine Forschungsgruppe, die sich mit 
kleinen und experimentellen Projekten beschäftigt. Zum anderen gibt es Großprojekte, die wir tatsächlich realisieren. Ich kann das aber nicht als Mainstream bezeichnen, weil unsere Reichweite dafür noch zu gering ist – ich würde mir das aber wünschen. Wir sind auch auf dem Weg 
dahin.

B: Was fehlt?

P S: Wäre die Finanzkrise nicht gewesen, dann hätte der Parametrismus mittlerweile eine Hegemonialposition innerhalb der Architektur inne, ähnlich wie die Moderne. Die wirtschaftliche Stagnation ist auch der Grund für meine Politisierung: Würde mehr gebaut, gäbe es für den Parametrismus mehr Möglichkeiten, sich zu beweisen.

 

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Patrick Schumacher auf der Konferenz "Architecture Matters" in München, Foto: Tanja Kernweiss

 

B: Sie bezeichnen sich als libertär und halten den Neoliberalismus für nicht radikal genug.

P S: Neoliberalismus ist auf jeden Fall besser als Sozialismus oder eine staatliche Regulierung. Die neunziger und frühen nuller Jahre waren meiner Meinung nach nicht liberal genug. Die Wirtschaftskrise hatte ihre Ursache nicht in der Deregulierung, sondern in einer falschen politischen Weichenstellung. Deshalb bezeichne ich mich als libertär und sympathisiere mit dem Anarcho-Kapitalismus, der Staatlichkeit und Zwangssolidarität in Frage stellt. Ich bin auch dafür, dass die EU wieder 
in kleinere Staaten zerfällt. Das gleiche gilt für Großbritannien und Deutschland – dann funktioniert Politik vielleicht auch wieder besser. Mich stören diese riesigen Staatsbürokratien.

B: Widerspricht das nicht der Idee der Globalisierung, von der gerade Ihr Büro ja stark profitiert hat?

P S: Nein. Nehmen Sie Länder wie Singapur. Die sind sehr welt- und handelsoffen. Im Bezug auf den „Index of Economic Freedom“ ist das eines der freiheitlichsten Länder der Welt. Weil sie aber klein sind, haben sie auch einen kleinen Staat. In der Schweiz ist es ähnlich mit den Kantonen. Diese Dezentralisierung finde ich gut.

B: Nun gut, die Freiheitlichkeit Singapurs ist sicher diskutabel. Aber mal grundsätzlich gefragt: Sie bewegen sich ja eher in einem links-liberalen Milieu. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie es mit dieser Haltung nicht gerade leicht haben.

P S: Ja, das stimmt. Ich habe aber eine dicke Haut. Es ist natürlich unangenehm, wenn ich als Faschist bezeichnet werde – was wirklich absurd ist. Natürlich kritisiere ich die Demokratie. Das heißt aber nicht, dass ich für einen autoritären Staat bin, sondern dass ich Staatlichkeit generell in Frage stelle. Und das heißt auch nicht, dass ich die Demokratie als Staatsform ablehne, sondern dass ich bestimmte demokratische Prozesse in Frage stelle.

B: Ich habe anfangs Ihre geleakte Mail erwähnt. Darin sagen Sie unter anderem: „Politics and Professional Service don’t mix“. Was meinen Sie damit?

P S: Das bedeutet, dass ich bei meiner Arbeit als Architekt die politischen Rahmenbedingungen akzeptieren muss, wie sie sind. Wenn ich an einem Symposium teilnehme, ist das etwas anderes, denn hier kann man diskutieren, wie Rahmenbedingungen verändert werden können. Wenn ich in diesem Symposium dafür plädiere, dass die Macht der Planungsbehörden eingeschränkt wird und Investoren mehr Entscheidungsfreiheit erhalten sollen, dann heißt das nicht, dass ich die Legitimität der Planungsbehörde in meinem Architektenalltag anzweifle. Trotzdem stelle ich mir die Frage, wie diese Legitimität 
in zehn Jahren aussehen soll. Diese zwei Bereiche trenne ich strikt. Das wird aber schwierig, wenn andere anfangen, das zu vermischen. Dadurch werde ich angreifbar und muss aufpassen, was ich sage – was schade ist, weil das schlussendlich bedeutet, dass ich aus Rücksicht auf das Büro und unsere Bauherren nicht mehr am politischen Diskurs teilnehmen kann.

B: Wie haben Ihre Bauherren auf die Situation nach Ihrer Berlin-Rede reagiert?

P S: Die Bauherren haben zu uns gehalten. Es sind sogar neue dazugekommen. Insofern war die Situation nicht ganz so dramatisch. Ich gebe zu, dass mich das beruhigt hat, weil ich es schwierig fände, mich komplett aus dem Diskurs herauszuhalten. Ich muss in Zukunft aber trotzdem vorsichtiger agieren.

Interview: Alexander Russ