Der Post-Postmoderne Mensch

Im Editorial von B9 sprach Alexander Gutzmer vom „unfreiwillig stets öffentlichen post-postmodernen Menschen“, der da frei nach Peter Sloterdijk „zwischen dünnen Wänden“ hause. Musste ich bei dieser Semantik schon schlucken, so legte ich das Heft nach Lektüre des ersten Artikels erst einmal zur Seite. Dort wurde in Zusammenhang mit „Teepee“, dem Berliner „Indianerdorf“ und „Cuvry“, einer viel deutlicheren „dorfartigen Agglomeration auf urbanem Grund“ – auch neudeutsch „Slum“ genannt u.a. von „Favela-Projekten“ und „sozialen Zeltstädten“ zwischen „Armut und Alternativvision“ gesprochen. Es entwickelte sich eine kurze Mailkommunikation, an deren Ende Herr Gutzmer anfragte, ob ich denn einen Blog-Beitrag dazu verfassen wolle.

Diesem sei hiermit Genüge getan:

Postmoderne_Globalisierung_Kapitalismus

Auch der in Berlin-Weißensee lehrende, aus Südkorea stammende Philosoph Byung-Chul Han beschreibt in seinen Worten den heutigen „post-postmodernen Menschen“ als in einem „Räderwerk der „Alternativlosigkeit“ gefangen, mit der der „Homo Oeconomicus“ da von „systemerhaltender Macht“ verführt wird. An Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ in „freiwilliger Selbsausbeutung“ gegeißelt – und natürlich – Flagellarius seiner selbst. Im Tal der Heimat- und immer mehr auch – der Hoffnungslosigkeit geradezu auf ewig gefangen – so scheint es.

Der „Post-Postmoderne Mensch“ – und – die „Moderne“ per se als europäisch/ westlich dominierte Epoche und die damit verbundene Denkschule wird also auch von einem Menschen aus Südostasien als übermächtig – und als „alternativlos“ dargestellt.

1989 – fiel die alte Weltordnung nach dem zweiten Weltkrieg in sich zusammen. Zumindest das Haus auf der östlichen Seite des eisernen Vorhangs kollabierte. Europa schien einmal mehr aus Ruinen aufzuerstehen. 2001 dann fielen einige andere Häuser zusammen.

„The Medium is the Message“ sagte Marshall McLuhan in den „Magischen Kanälen“ zur Nachrichtenübermittlung im von ihm so bezeichneten „Globalen Dorf“. 2014 leben über 52 % der Menschen in Städten. Handelt es sich immer noch um ein „Globales Dorf“? Und – was treibt „die Selbst-Verführten“ in die Städte?

Als ich Ende 2011 bis April 2012 in China arbeitete wusste ich von der gewaltigen Immobilienblase dort. Ich hatte ja selbst 2,2 Quadratkilometer neue Stadt zu entwickeln und zwischen chinesischen und deutschem Partnern zu vermitteln. Die Partei wusste auch von der Sprengkraft der Blase. 64 Mio. leerstehende Neubau-Wohneinheiten (Mai 2011), unzählige Billionen Quadratmeter Büro- und Gewerbeflächen: Man wusste über die Gefahren. 
Man wusste auch von jener seltsamen Abhängigkeit, die Mike Davis die „perverse Abhängigkeit“ Chinas Reichtums vom US-Außenhandelsdefizit nennt.

Der 12. Fünfjahresplan der Volksrepublik China, im Frühjahr 2011 eingesetzt ist quasi das visionärste Politik-/ Wirtschaftskonzept einer Großmacht seit sicher mehr als 30 Jahren. Man wusste von den Gefahren, dass die gewaltige, eigentlich vorrevolutionäre, also vor 1949 entsprechende „feudalstaatliche Armut“ das Reich der Mitte zerreißen könnte. Wer chinesische Geschichte und das „kollektive Gedächtnis“ dort etwas studiert hat, der weiß, was das bedeutet.

Drastische Maßnahmen waren erforderlich. Ein harter Kampf – zwischen Peking und den Provinzen und in Peking selbst. „Guangxi“ – das chinesische System der Verhandlungen – der „Dankbarkeit“ – das endet natürlich wie alles in solchen Zeiten in massiver Korruption und „Günstlingswirtschaft“.

Aber 2011 sah man: Steuerung hin zu mehr „sozialem Ausgleich“ – das war klar und deutlich in dem Plan festzuschreiben. „Wandel, Fortschritt, Glück und Grün“ und Sätze wie: „Die Wirtschaftsentwicklung dient grundsätzlich dem Glück des Volkes.“ – die galt es in der Not auch mit aller Härte auch gegen einflussreiche Widerstände umzusetzen. 
Da musste auch manch erfolgreicher Kader dran glauben.

Asien_Globalisierung_Kapitalismus

1,34 Milliarden Menschen sind kein Pappenstiel.

In der chinesischen Presse wurde über die Blase – und die Gefahren des Aufplatzens berichtet. Auch die steigenden Zahlen von Anti-Korruptionsverfahren wurden kommentiert. Auf CCTV gab es Programme wie „Crossover“, wo es darum ging, wie man am klügsten im Alltag durch Belohnungssysteme „die Wirtschaft“ belebt.

Beim Sturz von Bo Xilai – Bürgermeister von Chungquing  (mit 32 Mio. Menschen die größte Stadt der Welt) gab es Putschgerüchte. „Quüquü“ – das chinesische Pendant zu „Facebook“ und Forum auch für hunderte Millionen „Mikroblogger“ – war teilweise blockiert.

Da wir diese Plattform für allen Datenaustausch im Büro nutzten waren meine Kollegen etwas irritiert. Durch das Lesen westlicher Webnews war mir bald mehr klar als den „aus Gründen der inneren Sicherheit“ blockierten Kollegen. Bald aber hatte sich alles wieder normalisiert. Auch der Luftraum über Hangzhou war dann kaum noch mit Tiefflugmanövern angefüllt – wie sonst beim israelisch-iranischen Säbelrasseln jener Zeit.

Als ich in Düsseldorf im März 2012 einen Vortrag mit VHS und der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft zum Thema „Chinas Boom – Reich ohne Mitte oder hin zu einem nachhaltigen Zivilisationsprozess?“ hielt, da wurde in der Folge, der zweite, für den Sommer anberaumte Vortrag zum selben Thema gestrichen.

Natürlich hatte ich westliches Demokratieverständnis – die Ausschließlichkeit der Terminologie der „Moderne“, die sich eben auch im heutigen Sprachgebrauch der „Post-Postmoderne“ ausdrückt in Frage gestellt. Welche Steuerungsmechanismen gibt es noch im „europäischen Haus“ – im „westlichen Haus“? Wo steht der Einzelwille – und die „Volonté generale?

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2014 geht erneut ein Riss durch Europa.

„Das europäische Haus“ erscheint schon länger mehr als baufällig – ein Haus, in dessen Gemäuer sich viele Risse zeigen. Diese Risse sind gewichtig und  man scheint da nicht an Reparatur und Sanierung interessiert zu sein. Beide Seiten bezichtigen die andere Seite, Mauern zu bauen.

Paradoxerweise ist der neue Grenzverlauf viel weiter gen Osten verschoben. Deutschland liegt jetzt eher im „Hinterland“ und ist kein „Frontstaat des Kalten Krieges 2.01_“. 2014 nimmt auch die Macht der BRICS zu mit China als Kern – aber auch die von Indien mit fast genauso vielen Menschen.

Vertreter der ersten „Postmoderne“ – in personam  Jean Beaudrillard behaupteten einmal, dass der erste Golfkrieg 1991 gar nicht stattfand.  Eine interessante, aber auch höchst missverständliche These –  während unser Kollege Paul Virilio „Krieg und Fernsehen“ schrieb und damit einen  großartigen Selbstversuch in Anbetracht von „klinischen Bombardierungen“  machte. „Klinische Bombardierungen“, die massenhaftes Sterben auch von Zivilisten verschleiern. Eine Tatsache, der Virilio als jemand, der die Bunkeranlagen der Normandie als Archetypen untersucht hat denn auch in seiner Bezeichnung dieses Krieges als „kleiner 3. Weltkrieg“ gerecht wird. „The Medium is the Message“. Damals das Fernsehen – heute das WWW.

Was geschieht dabei mit der gebauten Wirklichkeit der „Globalen Stadt“?

Nachdem ich 2013 für mehrere Monate in der indischen „Wirtschaftsmetropole“ Mumbai gelebt und gearbeitet habe sah ich dann auf Zwischenstop in Dhaka, um Familie weiter östlich im ost-bengalischen Ganges-Delta zu besuchen einen CNN-Trailer, der vom „Investitionspotential Indiens mit seiner neuen, 300 Mio. Menschen starken Mittelklasse“ sprach. Schnelles Geld für Investoren wird da versprochen – Immobiliengeschäfte ohne urbane Infrastruktur sind die Folge.

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In und um Mumbai leben 6 Mio. der ca. 20 Mio. Einwohner teilweise schon seit Jahren in „dorfartigen Agglomerationen auf urbanem Grund“ – also in „immobilientechnischen Vorzugslagen“. Entsprechend werden auch täglich viele „herausgebulldozert“ aus ihren Slums.

Ähnlich etwa in Kabul, wo ich 2009 / 10 ein Slum-Regenerationsprojekt in der Altstadt leitete.
Die am schnellsten wachsende Stadt Zentralasiens – wobei dorthin ja auch Milliarden Steuergelder flossen, um da ein Land zu „befrieden“, von dem der Westen nicht die geringste Ahnung hatte – von den Menschen wie von „nachhaltigen Strategien zur Befriedung“. Der Wille, das Land wirklich zu befrieden war ja auch gar nicht wirklich vorhanden.

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Warum indes kommen trotz allem immer mehr Menschen in solche Megacities? Alles „selbst verführte“ Menschen?

Die schiere Wucht der Dimensionen sprengt alle Maßstäbe im Bewusstsein des „post-postmodernen Menschen“. Dennoch – uns bleibt nichts anderes, als Formen der Dämpfung dieser ungebremsten Dynamiken auszuarbeiten.

Ist das „post-postmoderne Bewusstsein“ also überfordert mit den Realitäten in der „Globalen Stadt“? Und – schottet es sich dagegen in Räumen mit immer dünneren Wänden ab?

Das mangelnde Interesse von 40 +% an den „öffentlichen Angelegenheiten“ – sprich von „verdrossenen Nichtwählern“ – wird dann in „Wahlstudien“ als „nicht repräsentativ“ bezeichnet. (Siehe das Fazit hier unten auf der „Wahlstudie“ zur Bundestagswahl 2013 in Düsseldorf). Wie in Sachsen, als fast die Hälfte der Bürger nicht wählte. Ist also diese Hälfte der Bevölkerung „sozial nicht repräsentativ“?

„Soziale Segregation“ in der „Post-fordistischen Stadt“, um es mit den Worten Hartmut Häußermanns zu sagen – mangelnde Fähigkeit  zur Integration und Inklusion, die mittels „post-postmoderner Semantik“ eher dazu neigt, diese Fakten zu verschleiern? Was geschieht mit der Idee von Stadt – unserer Stadt als sozialer Lebensraum – der (mittel-)europäischen Stadt?

Ist die westliche „post-postmoderne“ Definition von „Demokratie“ also allein gültig, oder muss sie sich gefallen lassen, dass sie den Bedürfnissen des Gros der Menschen nicht (mehr) gerecht werden kann? Sind „Chancengleichheit“ und andere Termini, die zwischen „Austerität“ und Neoliberalismus für das Gros der „Homines Oeconomices“ in den Kampfstätten der „Märkte“ eher zerrieben werden, nicht viel mehr Ausdruck einer „alternativlosen Sozialromantik“? Und vermögen „der Westen“ wie auch „der Osten“ da eine friedliche Kooperation am Ende der höchstens noch 50 % der Epoche charakterisierenden „Post-Postmoderne“ zu erreichen?

Post Postmoderne_Globalisierung_Kapitalismus

Nichtsdestotrotz, ich habe viele unglaublich kluge, stolze und für sich betrachtet sehr freie Menschen in Slums getroffen. Beschönigen sollte man die teilweise „alternativlosen Lebensumständen“, in die diese Menschen gezwängt werden, jedoch nicht so leichtfertig mit „post-postmoderner Semantik“.

Höchstens 1-2 % können jemals dem Dreck dort entkommen. Und – die härtesten Verteilungskämpfe finden sich eben dort, auf dem Boden der Tatsachen. Von „selbst bestimmten Lebensentwürfen“ kann in den seltensten Fällen auf Dauer die Rede sein.

Mit solcherlei „Sozialromantik“ hält man die Menschen dort fest. Als „europäische Erben der Moderne“  sollten wir eher an größtmöglicher Transparenz – im Sinne etwa des Mies’schen Barcelona-Pavillon’s – interessiert sein. Nicht an schleierhaften Vordergründigkeiten, im ideellen wie im materiellen Sinne – formal wie sinnlich.

Am „Ende der Geschichte“, der ja auch ein Anfang ist – am Ende des „Kampfes der Kulturen“ und seinen immer mehr ausufernden „Kriegen gegen den Terror“ – vielleicht zu Beginn der Epoche der „strukturierten Archaik“, die vielleicht auch nur eine Zwischenepoche ist, aber sicher mehr erfasst als eine solche Wortschöpfung wie die „Post-Postmoderne“ sollte man darüber nachdenken, wie man die „globale Stadt“ um- und weiterbaut. Und – wie sie ein gesunder Lebensraum werden kann.

Letztlich sollte es darum gehen, die Systeme umzubauen. Dazu bedarf es der Infragestellung tradierter und überholter Vorstellungen. „Post-Postmodernismus“ ist so etwas. Um- und Weiterbau geht nur von mehreren Seiten. Nicht mit Fassadenmakulatur, die Risse nur einseitig kittet und die Verantwortung für andere Risse immer per Fingerzeig auf andere regeln will.

Genau deswegen bezeichnet der Terminus des „Post-Postmodernismus“ in seinem westlichen Alleinvertretungsanspruch etwas, was auf Dauer keinen Bestand haben kann – ein sehr dünnhäutiges Konstrukt – vielleicht gar immer mehr in der Ausklammerung vieler Themen – ein „Haus der Lüge“, wie die Einstürzenden Neubauten ihr grandioses Album von 1989 nannten? (Der Titelsong hat auch für Architekten ein Geschoss in diesem Haus parat).

In jedem Fall bedarf dieses seltsame semantische Konstrukt einer Erweiterung – wie vielleicht auch der gesamte Architekturbegriff. Unter gegebenen Vorzeichen ist die Frage, wo wir uns eher hin bewegen – zum „Planeten der Slums“, wie eben der in LA lehrende Stadtsoziologe Mike Davis in Berufung auf die große UN-Habitat-Studie 2003 und mit vielen anderen Berichten darstellt – oder zum „Siegeszug der Stadt“, wie Harvard Stadtökonom Edward Glaeser es euphorisch schreibt, eigentlich so schon entschieden.

Und – „der post-postmoderne Mensch“ wäre klug, würde er endlich beginnen zu überlegen, ob der „Demokratiebegriff“ so in seinem Haus noch wirklich funktioniert. Dann wären wir endlich einen Schritt weiter – beim „Rasenden Stillstand“ des auf der Stelle Tretens – um hier nochmals ein Bild von Paul Virilio zu zitieren.

Die Zeit ist wirklich reif dafür, dem „post-postmodernen Menschen“ einen Partner zur Seite zu stellen, der ihm zeigt, dass er mit seiner bedingungslosen Gegnerschaft so nicht weiter kommt.
 Am fulminanten Ende einer Geschichte, die ja auch den Anfang einer neuen erfordert.

Fotos: Stefan Frischauf