Soziale Architektur: der Zumtobel Group Award

Schon die Präsentation der Shortlists machte klar: Hier werden keine glamourösen Formspiele ausgezeichnet. Sondern eine Architektur, die sich anschickt, ernsthafte Lösungen für reale ökologische oder soziale Probleme zu liefern. Letztlich zeichnete die Jury des Zumtobel Group Awards Projekte von Arup (Deutschland), Studio Tamassociati (Italien) und Elemental (Chile) aus. Das gaben gestern Abend in der Londoner Serpentine Gallery der Juryvorsitzende Winy Maas sowie Jurymitglied Kunlé Adeyemi bekannt. Aus 356 eingereichten Projekten hatte die Jury 15 Projekte nominiert.

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In der Kategorie „Applied Innovations“ gewann die SolarLeaf-Fassade von Arup Deutschland. Dahinter verbirgt sich ein in ein Gebäude integriertes System, das CO2-Emissionen aufnimmt, um Biomasse und Wärme zu erzeugen. Die Erzeugung der regenerativen Energien basiert auf biochemischen Prozessen der Photosynthese durch das Wachstum von Mikroalgen. Die Zucht der Mikroalgen geschieht in flachen, panelförmigen Bioreaktoren, die keinen zusätzlichen Raum beanspruchen und unabhängig von den Wetterbedingungen sind. Bekannt geworden sein dürfte das System vor allem durch die Hamburger IBA, wo das blubbernde Gebilde an einem vierstöckigen Wohngebäude der von den Architekten „Splitterwerk“ wirkt.

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Gewinner in der Kategorie „Buildings“: die Architekten von Studio Tamassociati aus Venedig. Für die italienische Hilfsorganisation „Emergency“, die kostenlose medizinische Behandlung für zivile Opfer von Krieg, Landminen und Armut bietet, bauten sie ein Kinderkrankenhaus im Sudan. Die Klinik, die sich in der strategisch wichtigen Stadt Port Sudan befindet, ist einer von wenigen Orten für eine kostenlose Gesundheitsversorgung von Kindern.

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Unter extremen Konditionen – insbesondere sengender Hitze – war Einfachheit im Design das Gebot der Stunde. Die Architekten kombinierten alte und neue Technologien und entwickelten ein System, das Kühlung, Luftaufbereitung, Recycling, Umverteilung von lokalen Materialien, Landschaftsdesign sowie Energieersparnis berücksichtigt. „Das Resultat ist ein ehrgeiziges Design, in dem das Hauptaugenmerk auf dem Nutzen liegt, ohne die Architektur, die Nachhaltigkeit und die Schönheit zu vernachlässigen“, so die Jury.

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Als radikalstes Projekt muss sicher der Sieger der Kategorie „Urban Development & Initiatives“ gesehen werden: der Masterplan für den Wiederaufbau der chilenischen Stadt Constitución, für den sich das chilenische Büro Elemental verantwortlich zeichnet. 2010 wurde Chile von einem Erdbeben und einem damit einhergehenden Tsunami erschüttert. Dabei wurde Constitución von bis zu 12 Meter hohen Wellen zerstört. In nur 100 Tagen musste das Studio Elemental einen Masterplan zum Wiederaufbau entwickeln und dabei die Stadt vor zukünftigen Katastrophen – neben Tsunamis auch regelmäßige Überflutungen – schützen.

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In ihrem Konzept setzten Elemental auf eine geographische Lösung: Sie legten einen Schutzwald an, um die Stadt vor dem Wasser abzuschirmen. Dabei nutzte Elemental sowohl empirische Daten des jüngsten Tsunami sowie wissenschaftliche Berechnungen und Tests. Die Umsetzung des Bebauungsplans war politisch und gesellschaftlich eine große Herausforderung, da die Stadt privates Land am Flussufer enteignen musste.

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Elemental vertraute dabei auf den oft zwiespältig gesehenen Ansatz der Partizipation, was während der Preisverleihung in Filmen mit aufgebrachten Bewohnern der Krisenregion eindrucksvoll belegt wurde. „In einem „bottom-up“-Ansatz ist es gelungen, zu einer gemeinsamen Entscheidung zu kommen, wie die Stadt in Zukunft aussehen soll. Dies ist beispielhaft nicht nur für die Stadt Constitución, sondern für zahlreiche Gebiete weltweit, die durch Naturkatastrophen zerstört wurden“, so die Jury.

Foto 1-2: Arup Deutschland; Foto 3-4: Studio Tamassociati; Foto 4-6: Elemental