06.10.2020

Wohnen

Die “Stadthöfe” in Hamburg von David Chipperfield Architects

von Falk Jaeger

Foto: Anders Sune Berg


Von der “Hamburger Lösung” zum Luxuswohnen

David Chipperfield Architects standen beim Umbau des Hamburger “Stadthauses”, einem Konglomerat historischer Bauten, in die “Stadthöfe” vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen: Die Nutzfläche sollte erhöht, historische Bausubstanz erhalten und zudem auch noch ein überzeugender Gedenkort eingerichtet werden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, findet Falk Jaeger. 

 

Als die Hamburger Bauverwaltung 2013 die Innenstadt verließ und in das von Sauerbruch Hutton geplante neue Dienstgebäude in Wilhelmsburg bezog, wurde in der City ein Bauensemble freigezogen, das bereits eine 200-jährige Geschichte als Sitz der Stadtverwaltung erlebt hat. Das komplexe Ensemble besteht aus acht denkmalgeschützten Gebäuden, die sich um sechs Innenhöfe gruppieren und den Bleichenfleet überspannen. Ältester Bauteil ist das Görtz Palais am Neuen Wall, ab 1710 vom Johann Nikolaus Kuhn für den Gesandten von Schleswig-Holstein-Gottorf Georg Heinrich von Görtz errichtet. Das prächtige Barockpalais war das erste Bauwerk am Neuen Wall im Verlauf ehemaliger Wallanlagen und blieb typologisch und als aristokratischer Wohnsitz ein „vornehmer Fremdling“, wie es Fritz Schumacher ausdrückte.

Seine Funktion als kommunaler Verwaltungssitz geht auf Napoleon zurück, der in das Gebäude 1811 requirieren und darin die Mairie, also das Rathaus einrichten ließ. Nach Abzug der Franzosen 1814 wurde das „Stadthaus“ Sitz des Polizeiherrn. Als das Palais Görtz 1888-92 um das Eckgebäude Neuer Wall 88 und 1914 durch den legendären Baubürgermeister Fritz Schumacher um den Bauteil Stadthausbrücke über den Bleichenfleet hinweg zum Behördenzentrum erweitert worden war, wurde der Begriff „Stadthaus“ auf die neuen Bauteile übertragen.

Vom Görtz-Palais hatte der Krieg gerade mal die Fassade übrig gelassen. „Hamburger Lösung“ nannte man die Idee, hinter der dreigeschossigen historischen Kulisse sieben niedrigerer Büroetagen stapeln. 1955 bezog der Germanische Lloyd den Neubau. Die anderen Bauteile des Stadthauses wurden nach Wiederherstellung weiterhin von der Stadtverwaltung genutzt, zuletzt Hauptsächlich von der Baubehörde.

Als der Entwickler Quantum 2009 im Rahmen eines Bieterverfahrens das Ensemble übernommen hatte (später konnte auch das Görtz-Palais vom Germanischen Lloyd erworben werden), kamen David Chipperfield Architects ins Spiel, die einen Masterplan entwickelten. Behördliche Prämisse war die Erhaltung der historischen Fassaden, einiger Bauteile aus den 50er Jahren sowie des „Lichtraumprofils“ der Gebäude. Ziel von Quantum war, das Geschäfts- und Wohnquartier zwischen Große Bleichen und Neuer Wall bis zur Verkehrsachse Stadthausbrücke zu verlängern und abzuschließen. Und selbstredend das nun „Stadthöfe“ genannte Gebäudeensemble an die hochpreisige Premiumlage anzubinden und entsprechend lukrativ vermarkten zu können.

Foto: Anders Sune Berg

Öffentliche Höfe schaffen neuen Stadtraum

 

Hilfreich war der Umstand, dass Quantum bereits Zugriff auf die benachbarte Bleichenhofpassage hatte, einschließlich des Parkhauses, in dem genügend Stellplätze für das neue Quartier zur Verfügung standen. Zudem konnte die rückwärtige Passage großenteils abgerissen werden, um den Bleichenhof mit den Stadthöfen direkt zu verbinden.

Denn das Thema „Stadthöfe“ war die initiale Idee der Architekten, die vorschlugen, alle bislang betrieblich und als Parkplätze genutzten Innenhöfe nach dem Vorbild der Hackeschen Höfe in Berlin miteinander zu verbinden, öffentlich zu machen, und auf diese Weise intern und durch neue Zugänge mit der Umgebung intensiv zu vernetzen. So sollte aus der vorigen Insellage ein lebendiger, urbaner Erlebnisbereich entstehen.

Das Nutzungskonzept sah vor, die Blockrandbebauung für Büroflächen und die Blockinnentrakte mit knapp 100 Apartments dem Wohnen zu widmen. In das von Stephen Williams Associates umgebaute Haus an der Stadthausbrücke zog das Hotel Tortue.

Staffelgeschosse statt Satteldächer

Da es dem Investor gelungen war, den endgültigen Kaufpreis an die letztlich genehmigten Flächen zu koppeln, lag es nicht nur in seinem Interesse, eine maximale Nutzung anzustreben. Über die Dachzonen gab es denn auch die zähesten Verhandlungen mit der Baubehörde. Das wird deutlich, wenn man den Blick gen Himmel wendet. Es gibt keine Satteldächer mehr, stattdessen aufgetürmte Staffelgeschosse, die jedoch nach offizieller Lesart innerhalb der früheren Dachkubatur bleiben. Zweifel mögen aufkommen, doch es ist dem Geschick der Architekten zu danken, dass die Dachzonen, anders als bei so mancher monströsen Aufsattelung in Hamburg, als harmonische obere Abschlüsse der Gebäude erscheinen. Chipperfield Architects orientierten sich mit deren Gestaltung an der Achsgliederung der Fassaden und kleideten die Dachgeschosse in feine, flachformatige Petersen-Ziegel.

 

Kuehn Malvezzi und Caruso St John als Partner

Verdichtung durch Aufstockung haben die Architekten (nicht nur hier in Hamburg) zu ihrem ureigensten Thema gemacht. Nach dem Krieg waren die Trakte des Stadthauses mit einer durchgängigen Aufstockung optisch zusammengezwungen worden. Nun sind die Häuser wieder individualisiert, auch in der inneren Aufteilung, und durch eigene Erschließung getrennt nutzbar. Deshalb brachte Chipperfield auch zwei weitere Architektenteams mit ins Spiel. Kuehn Malvezzi nahmen sich des Eckhauses an. Die Dachzone mit zweigeschossigen Zwerchhäusern unterscheidet sich deutlich von den Bauten Chipperfields. Kuehn Malvezzi restaurierten die repräsentative Fassade und rekonstruierten sogar den Helm des signifikanten runden Eckturms. Die Ornamentik wurde freilich vereinfacht, was im Ergebnis etwas zeitgeistig wirkt; spätere Generationen werden möglicherweise das Originaldekor wiederhaben wollen…

Der Part von Caruso St. John ist noch in Arbeit. Nach ihren Plänen entsteht hinter der Fassade des Görtz-Palais ein neues Bürogebäude, nun wieder mit der alten Hofdurchfahrt und größeren Stockwerkshöhen.

Einzelne Gebäude im Blockinnenbereich wurden gänzlich neu errichtet. Das Denkmalamt hatte die Konstruktionssubstanz nach hinhaltendem Widerstand während der Bauarbeiten dann doch aufgeben müssen. Erhalten werden konnten die historischen Treppenhäuser und die historischen Fassaden.

Foto: Felix Krebs

So original wie möglich

 

Ein nicht unerheblicher Aufwand wurde für Denkmalpflege betrieben. Die stählerne Dachkonstruktion von Schumachers Meldehalle, sicherheitstechnisch nicht mehr tragbar, blieb in situ bestehen und wurde durch ein sekundäres Tragwerk entlastet. Mosaik- und Terrazzoböden wurden freigelegt und repariert, Kandelaber nachgebaut, Ziegel nachgebrannt. Die mühevolle Befreiung einer unscheinbaren Hoffassade von Übertünchung brachte eine wunderbare, ornamentierte Ziegelfassade zum Vorschein, die jetzt den Hof schmückt. Ziegelwände, die beim Abschälen von WDVS-Verkleidungen hervorkamen und nicht mehr gerettet werden konnten, sind mit neuen Pfeifenköpfen verkleidet. Der Stadthof erhielt auf Erdgeschossniveau ringsum Wände aus grün glasierten Ziegeln, die die unterschiedlichen Fassaden zusammenbinden und eine öffentliche Nutzung andeuten

Die untereinander mit Durchgängen verbundenen Höfe, vom Palaishof über Stadthof und Treppenhof bis zum Bleichenhof, mit ausgesuchten Läden und Restaurants besetzt, sind die neue Publikumsattraktion. Die Architekten haben ihnen jeweils individuellen Charakter gegeben. Beliebt ist insbesondere der Treppenhof, so genannt, weil er tiefer gelegt und über Treppen zugänglich ist. Mit Restaurantpavillons, Hofbäumen und stimmungsvoller Beleuchtung ausgestattet, lädt er zum Verweilen ein. Eingeladen sind jedoch auch Passanten ohne Konsumbedürfnis, denn es gibt in den Höfen auch Sitzecken ohne Verzehrzwang.

Naturgemäß ist es nicht einfach, sich in dem etwas verwinkelten Gang- und Hoflabyrinth zurecht zu finden, Adressen, Geschäfte und Firmen aufzusuchen. Für Orientierung sorgt ein von Polyform entwickeltes Leitsystem mit 300 anschaulichen Lageplänen, Wegweisern und Hinweisschildern.

Foto: Felix Krebs

Gewinne für den Investor, Gewinn für die Stadt

 

Das Revitalisierungsprojekt Stadthöfe ist Innenstadt in hoher Dosis – ein Investment, das natürlich die Lage ausnutzt, das natürlich auf stattliche Ladenmieten setzt, das natürlich hochpreisige Apartments bietet. In dieser 1A-Lage etwas Anderes zu erwarten, wäre blauäugig. Doch es wurde auch viel für den Stadtbürger und für den Flaneur getan, auch indem an mancher Stelle auf teuer vermietbare Fläche verzichtet wurde. Historische Gebäude, Situationen und Reminiszenzen wurden so weit wie möglich erhalten, aktiviert und wieder erlebbar gemacht. Bewegungsraum mit Aufenthaltsqualitäten und allgegenwärtiger Kunst am Bau wurde geschaffen, etwa der „nutzlose“, aber reizvolle Balkon zum Bleichenfleet, der geöffnete Arkadengang über die Fleetbrücke, ja sogar der Gehweg an der Stadthausbrücke, wo die Straße auf Kosten des Investors um eine Fahrspur verschmälert und mit Eichen bepflanzt wurde. Das Stadthöfe-Quartier kann man wohl als Gewinn für die Stadt bezeichnen.

Gedenkort statt Gedenktafel

Wenn das engagierte Projekt dennoch von kritischer Presse begleitet wurde, so deshalb, weil man den Beteiligten vorwarf, einen geschichtlich prekären Ort nicht angemessen zu würdigen. Von „Folterkeller im Luxusquartier“ war die Rede, denn im Stadthaus befand sich mit dem Sitz der Gestapo und der Kriminalpolizei eine Zentrale des faschistischen Terrors, in deren Kellern zahlreiche Menschen misshandelt und gefoltert wurden. Jahrzehntelang habe der Senat, der das Quartier als Behördenzentrum nutzte, diese dunkle Geschichte des Stadthauses einfach ignoriert. Lediglich die Anbringung einer Gedenktafel durch eine ÖTV-Arbeitsgruppe von Mitarbeitern der Baubehörde hatte der Senat zugestanden. Und nun habe der Senat das Gedenken „privatisiert“, indem er den Investor im Rahmen des Kaufvertrags verpflichtete, in den Stadthöfen einen Gedenk- und Lernort einzurichten und zu unterhalten. Die Presse hatte im Februar kritisiert, von anfänglich in Rede stehenden 530 Quadratmetern seien 70 Quadratmeter übrig geblieben. Und die seien zum Teil von einem Café und einer Buchhandlung in Beschlag genommen.

Inzwischen ist der Gedenkort eingerichtet. Die kleine, durchaus eindrückliche Ausstellung kommt von der Kulturbehörde, ist aber noch provisorisch, denn nach dem Streit um das „würdige Gedenken“ hat die Kulturbehörde einen Beirat eingesetzt.

 

Bedrückende Brücke

Buchhandlung, Lesecafé und Ausstellung gehen ineinander über. Die Buchhandlung präsentiert dazu themenbezogene Literatur. Eine Stelenausstellung im Arkadengang vor dem Café markiert den Ort und wendet sich an durchgehende Passanten. Zum Geschichtsort gehört zudem die öffentlich zugängliche „Seufzerbrücke“, ein gedeckter, bedrückender Gang über den Fleet mit Sichtschlitzfenstern, durch den die Delinquenten von den Arrestzellen im Palais Görtz zum Verhör geführt wurden. Originale Relikte, Details oder Oberflächen gibt es in den Räumen nach jahrzehntelanger Nutzung durch die Stadtverwaltung nicht mehr. Dennoch hätte sich die Stadt mit dem Investor verständigen können, die 1.200 Quadratmeter messende Meldehalle, später Behördengarage, die ab 1938 als Sammelpunkt für den Abtransport von Juden genutzt wurde, für eine größere Ausstellung über den Schreckensort zu nutzen.

“Spur der Zerstörung” als “Denkzeichen”

Es blieb bei der kleinen Lösung, die wenigstens mit einer geglückten Konzeption der Kombinutzung aufwartet. 2020 wird das „Denkzeichen“ der Künstlerinnen Ute Vorkoeper und Andrea Knobloch realisiert, das aus einem internationalen Kunstwettbewerb hervorgegangen ist und auf dem Gehweg vor dem Stadthaus auf die Geschichte des Gebäudes während der NS-Zeit hinweisen soll. „Spur der Zerstörung“ heißt die Arbeit: Die Künstlerinnen schlagen Wunden in den Bürgersteig, die dann mit Tartan aufgefüllt werden. So soll das wechselnde Gehgefühl irritieren und auf den Ort aufmerksam machen.

„Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler, […] sie sind durch irgendetwas gegen Aufmerksamkeit imprägniert, und diese rinnt Wassertropfen-auf-Ölbezug-artig an ihnen ab … *, schrieb Robert Musil 1935 in seinem „Nachlass zu Lebzeiten“. Der „Geschichtsort Stadthaus“ jedoch ist ein Ort, den man nicht links liegen lässt, der besucht und genutzt wird – eine gute Voraussetzung, um immer wieder ins Bewusstsein zu treten.

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