Das Land ist unser

Im Jahr 1973 entstand meine erste Arbeit an einer mit Unkraut und Gräsern überwachsenen aztekischen Grabstätte – dieser Bewuchs erinnerte mich an die Zeit. Ich kaufte weiße Blumen auf dem Markt, legte mich aufs Grab und ließ mich damit zudecken. Es war, als würden sich Zeit und Geschichte über mich breiten. — Ana Mendieta

Der Martin-Gropius-Bau in Berlin zeigt, in Kooperation mit der Katherine E. Nash Gallery an der University of Minnesota, vom 20. April bis 22. Juli 2018 die Ausstellung Covered in Time and History: Die Filme von Ana Mendieta. Die Ausstellung umfasst eine Auswahl von 23 Filmen aus dem vielschichtigen Œuvre der Künstlerin, welches kürzlich in einer mehrjährigen Forschungsarbeit aufgearbeitet und digitalisiert wurde. Wir sprachen mit Stephanie Rosenthal, Kunsthistorikerin und Direktorin des Martin-Gropius-Baus, über die Arbeit der kubanisch-amerikanischen Künstlerin.

Ana Mendieta, Creek, 1974
Ana Mendieta, „Creek“, 1974 Super 8 Film, Farbe, ohne Ton Foto: The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy Galerie Lelong & Co.

Warum haben Sie und der Gropius-Bau sich für die Ausstellung der Kunst von Ana Mendieta entschieden?
Ana Mendieta ist für mich eine ganz entscheidende Künstlerin – und schon immer gewesen. Im Jahr 2014 habe ich bereits an der Londoner Hayward Gallery eine Mendieta-Schau verantwortet und damals erfahren, dass der Prozess des Digitalisierens ihrer Filme begonnen hatte. Da habe ich bereits mit dem Gedanken gespielt, ihre Kunst nach Deutschland zu holen.
Ana Mendieta arbeitet mit dem Körper, aber auch mit Natur und Land. Für uns als Gropius-Bau sind das Themen, die auch relevant für kommende Ausstellungen sind: Land im Sinne von Landschaft und Natur, Grenze im Sinne von Trennung, Teilung und Mauer. Das ist besonders spannend in Bezug auf den Standort des Gropius-Bau. Während der Teilung der Stadt lag das Gebäude auf West-Berliner Seite unmittelbar an der Berliner Mauer. An einem so geschichtsträchtigen Ort kommen immer wieder Fragen nach Zugehörigkeit und Identitätsstiftung auf. An solche Fragen knüpft Mendieta in ihren Arbeiten an.

„Ihr gelingt durch eine Art Neutralisierung, dass Werk und Körper allgemeingültig sind.“

Was sind die wesentlichen Merkmale ihrer Kunst?
Ihre Werke besitzen etwas sehr Zeitgenössisches und Zeitgemäßes. Sie dokumentierte ihre Perfomances – und sieht die Dokumentation als die eigentliche Kunst und als zentrales Werk an. Das ist für heutige Künstler ebenfalls sehr entscheidend. Generell besitzt Ana Mendieta eine gewisse Zeitlosigkeit. Zeitlos insofern, als dass sie nicht für sich selbst steht, sondern für die Menschheit. Sie schafft es, dass man ihren nackten Frauenkörper in den Performances objektiv betrachtet. Ihr gelingt durch eine Art Neutralisierung, dass Werk und Körper allgemeingültig sind. Ihre Arbeiten aus den 1970-er und 80-er Jahren sind also auch heute noch, 40 Jahre später, aktuell. Sie bieten sehr entscheidende poetische und politische, sehr starke Aussagen – vor allem in Zeiten von Fluchtbewegungen und Migration, in denen es eben um Heimat und Zugehörigkeit geht.

Welchen Hintergrund hat Mendieta, der sich in ihren Arbeiten abzeichnet?
Ana Mendieta kam aus Kuba und ist als Jugendliche nach Amerika ausgewandert. Ihr Vater war politisch aktiv und gegen die Politik Fidel Castros. Als Castro an die Macht kam, führten die USA eine Aktion mit dem Namen „Peter Pan“ durch: Kinder aus Kuba wurden nach Amerika geholt, weil man der Meinung war, dass sie in Havanna aus politischen Gründen eine schwere Zeit haben werden. So kam die junge Ana Mendieta nach Iowa, verließ ihre kubanische Familie, wuchs als foster child, gemeinsam mit ihrer Schwester, in Heimen und Pflegefamilien auf.

„Wo auch immer du bist, du kannst dich mit dem Land und Boden verbinden“

Sicher eine harte Zeit für sie, die sie nachhaltig prägte …
Ja, plötzlich war sie Ausländerin mit einer anderen Hautfarbe, sprach kaum Englisch. Deshalb lesen sich ihre Arbeiten wie eine Art Rückverbindung: Sie rückverbindet sich selbst mit der Natur, indem sie sich auf den Boden legt und mit Elementen, wie Feuer, Rauch und Pigmenten, arbeitet. Dabei ging es stets um die Rückverbindung mit der Natur, aber nicht unbedingt mit der kubanischen, sondern mit der Natur, in der sie sich gerade befindet. Sie bietet dadurch einen sehr positiven Blick: Wo auch immer du bist, du kannst dich mit dem Land und Boden verbinden.

Sie vereint verschiedene Disziplinen wie Body-Art, Performance Kunst und Land-Art. Das verbindende Element ist der Dialog mit der Natur. Wie sieht dieser Dialog aus?
Dialog bedeutet, sich selbst der Natur auszusetzen. In einer ihrer Arbeiten aus Mexiko belegte sie ihren Körper mit mittelgroßen Steinen. Der Betrachter sieht eine visuell starke Atembewegung unter diesen Steinen. Er bekommt fast das Gefühl, als atme die Natur durch die Künstlerin. Nur der Kopf und die Steine sind zu sehen, die sich hoch und herunter bewegen. Die Natur scheint zum Leben erwacht. In einer anderen Arbeit schmückt sich Mendieta mit Federn und geht baden im Meer, wodurch sich ihr Federgewand langsam auflöst. In der Arbeit „Greec“ steht sie wiederum in einem Fluss, beschmiert sich mit roter Farbe und thematisiert dadurch den Lebenszyklus und die Fruchtbarkeitsgöttin. All das tut sie in und mit der Natur. Ana Mendieta war eine Künstlerin, die sehr viel mit spirituell-rituellen Elementen spielte.

Was bedeutet das?
Sie setzte sich intensiv mit der Santería, einer synkretistischen, afroamerikanischen Hauptreligion in Kuba, auseinander. Daraus entnahm sie sicherlich einige Elemente. Es gibt Arbeiten, in denen sie Blut verwendet. Das hatte für sie etwas Mächtiges und Magisches. In „Chicken Piece“ zeigt sie ein Huhn, das geköpft und geopfert wird. In anderen Werken versieht sie ihre eigene Silhouette mit einer Flüssigkeit und lässt sie verbrennen. Sie würde aber sicherlich nicht sagen, dass sich die Arbeiten nur auf Santería-Rituale beziehen, sondern dass es sich eher um ein Gemenge aus unterschiedlichen Interessen und Einflüssen aus Büchern handelt – und daraus entwickelte sie ihre eigenen Rituale.

Ana Mendieta, Sweating Blood, 1973
Ana Mendieta, „Sweating Blood“, 1973 Super 8 Film, Farbe, ohne Ton Foto: The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy Galerie Lelong & Co.

Welche Rolle besitzen die Natur und der Körper im Schaffen von Mendieta?
Für sie ist sicherlich die Verbindung zwischen beiden entscheidend. Die Beschäftigung mit Natur, Boden und Grund hängt mit Identität und Identitätssuche, mit der Frage „Wo gehöre ich hin?“ zusammen. Der (weibliche) Körper steht, in der damaligen sowie in der heutigen Zeit, stets unter der Beobachtung der Gesellschaft und obliegt deren Rollenvorstellungen. Damit gehen auch unterschiedliche Formen der Diskriminierung einher. Ana Mendieta möchte das Anderssein ausdrücken und dafür ist der Körper – das, in was wir stecken, unsere Hülle – doch das am besten geeignete Mittel.

Durch ihr Schaffen überschreitet sie viele Grenzen, unter anderem geografische und politische Räume. Können Sie das näher erläutern?
Im metaphorischen Sinne verbindet sie sich über ihre Arbeiten und durch die Rückverbindung mit der Natur mit ihrem eigenen Land, Kuba. Ihr Statement lautet: Auch aus der Ferne, mit Distanz zur Heimat, kann man sich mit ihr verbinden. Das impliziert eine klare politische Aussage und die damit verbundene Frage „Wem gehört was?“. Sie gibt zu verstehen: Egal wo du dich befindest, es gehört dir, so wie es allen anderen auch gehört. Damit unterwandert sie auch die Frage nach der Nationalität und sagt stattdessen: Natur gehört uns allen. Wo auch immer ich stehe, besetze ich das Land. Das ist eine sehr reduzierte, ruhige Art und Weise und gleichzeitig ein starkes Statement.

„Die Arbeit verschwindet und bleibt zugleich für immer eingeschrieben“

Ihre Werke in der Natur verändern sich unwillkürlich durch den Lauf der Zeit …
So ist es. Mitte der 70er Jahre verschwindet Mendietas eigener Körper aus den Arbeiten, sie ist selbst nicht mehr Teil davon, sondern sie arbeitet mit ihrer eigenen Silhouette. Sie rekreiert strukturale Formen, die der Größe ihres eigenen Körpers entsprechen. So entstehen Formen in und aus Sand, die sie beispielsweise an der Meereskante platziert, sodass die Silhouette im Laufe des Tages vom Wasser ausgewaschen und weggewaschen wird. Die Arbeit verschwindet und bleibt zugleich für immer eingeschrieben – durch das Erinnern und letztlich durch das Medium Film.

Wollte sie mit ihren Arbeiten die Betrachter dazu bringen, die Natur wertzuschätzen?
Ich glaube nicht. So etwas wie Umweltkampagnen waren damals noch nicht weit verbreitet. Es ging ihr eher um die Frage nach Besitztum, was heutzutage im Kapitalismus ein großes Thema ist. Warum und wer hat je entschieden, dass man das Recht hat, Land zu besitzen? In Australien beispielsweise kursiert die Theorie, dass das Land allen gehört und es darum nichts zu verteilen gibt. Das Land gehört dem Land, also sich selbst. Das referiert auf das Zitat „the land owns the people, and not the people the land“. Ana Mendieta wollte also durchaus eine politische Aussage in den Diskurs einbringen – und das hält an bis heute. Sie hat immer wieder Vorbildcharakter für unterschiedliche Generationen, weil sie eben auch in dieser Einfachheit ein Stellenhalter ist für so viele Dinge, die man immer wieder fordern möchte.

„Poetisch, reduziert, intensiv“

Ana Mendieta Exhibition © Mathias_Völzke
Ausstellungsansicht „Covered in Time and History: Die Filme von Ana Mendieta“ © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy Galerie Lelong & Co., Foto: Mathias Völzke

Ana Mendieta hat eine Super-8-Kamera für die Dokumentation ihrer Performances verwendet. Die Filmlänge war abhängig von der Filmrolle. Was bedeutet das für die Ausstellung?
Jeder Film dauert nicht länger als drei Minuten und die gesamte Ausstellung hat quasi eine Feature-Filmlänge. Sie ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern thematisch. Die Ausstellung strukturiert sich anhand der unterschiedlichen Themen, mit denen sich Mendieta auseinandergesetzt hat: Erde, Feuer, Wasser. Es ist eine sehr poetische, eine sehr reduzierte und von daher eine sehr intensive Ausstellung – was auch für ihre Arbeiten spricht, die minimalistisch sind und trotzdem eine unglaubliche Intensität ausstrahlen. Für mich ist es eine Ausstellung, aus der man völlig verändert rauskommt. Als Betrachter schwimmt man durch eine Welt von Bildern.

Covered in Time and History: Die Filme von Ana Mendieta – 20. April bis 22. Juli 2018 im Martin-Gropius-Bau Berlin.