Das Bild der Architektur

Das Arbeiten mit Referenzen hat seit jeher eine große Bedeutung für entwerfende Architekten, denn Worte allein sind oft nicht präzise genug um das auszudrücken, was Architektur ausmacht. Erst das Zusammenspiel aus Wort und Bild vermittelt einen Eindruck von dem, was hinter einer Idee, hinter einer Inspiration steckt.

Valerio Olgiati ging von dieser Beobachtung aus, als er für die Biennale 2012 über 40 namhafte Kollegen nach den Bildern fragte, die als Grundlage für ihre Arbeit dienen – Bilder, die ihnen in den Sinn kommen, wenn sie an Architektur denken. Aus dieser Sammlung entstand die erste – mittlerweile vergriffene – Ausgabe von „The Images of Architects“, die 2013 im Quart Verlag erschien und nun vom noch jungen Schweizer Verlag „The Name Books“ einer Verjüngungskur unterzogen wurde.

In Zeiten, in denen Bilder im Minutentakt auf Instagram hochgeladen werden und nach wenigen Sekunden bei Snapchat wieder verschwinden, mutet es geradezu antiquiert an, wenn jemand ein Buch herausgibt, das nicht weniger als ein Musées Imaginaires sein soll und auf 432 Seiten 350 Bilder zeigt – denn die Weiten des Internets erlauben das Anlegen eigener Galerien in Windeseile, in denen das Medium Bild zu einem beliebig reproduzierbaren Massenmedium wird.

Insofern ist die Idee eines imaginären Museums verlockend, da durch die ordnende Hand des Herausgebers eine präzise Sammlung entsteht, die zudem etwas sehr Persönliches transmittiert. Und es kommt auch nicht so oft vor, dass Architekten ihre eigenen Inspirationsquellen preisgeben. Die veröffentlichte Sammlung ermöglicht dem Leser jedenfalls Einblicke in die bewusste und unbewusste Gefühlswelt des jeweiligen Architekten.

Jeder Architekt darf bis zu zehn Bilder zeigen, welche der Autor als Erklärungen, Metaphern, Grundlagen, Erinnerungen und Absichten deutet. Die Konzeption des Buches vollzieht sich also auf zwei Ebenen: Auf der  ersten Ebene wählt Olgiati diejenigen Kollegen aus, deren Werke seiner Meinung nach einen wesentlichen Beitrag zur zeitgenössischen Architekturgeschichte leisten. Auf einer zweiten Ebene überlässt er diesen Kollegen die Bühne, indem er sich als Herausgeber und Autor zurücknimmt. Lediglich in einem kurzen Vorwort wendet er sich direkt an den Leser und erklärt die Absichten hinter dem Buch. Was folgt ist ein sehr unaufdringliches Layout, eine Art Dreiklang aus Überschrift, Bild und Bildunterschrift, eingeleitet von einer selbstverfassten kurzen Biographie des jeweiligen Architekten.

Neben Abbildungen wie Peter Märklis Proportionenstudien antiker ägyptischer Reliefskulpturen oder griechischer Tempel, gibt es bei einigen Referenzen auch Parallelen: wie etwa bei Valerio Olgiatis Wahl für das Borthwick Castle in Schottland und Aires Mateus’ Wahl für das Clara Castle in Irland.

Das Verzahnen der Bilderspektren eröffnet ganz neue Narrative in Bezug auf die Produktion von Architektur. Da weitergehende Erklärungen zu den Bildern ausbleiben, obliegt es dem Leser kontemplative Bildanalysen zu betreiben und nach ikonographischen Spuren realisierter Bauwerke der jeweiligen Architekten zu suchen.

The Images of Architects
Herausgegeben von Valerio Olgiati
The Name Books, Chur 2015
432 Seiten, 350 Fotos

www.thenamebooks.com