Chinesische Neustädte I: Panjin Hafen Neustadt

Chinas Stadtentwicklung boomt. Doch wie können wir im Westen die neuen Metropolen des Ostens verstehen? Dieter Hassenpflug, Autor des Buches “Der Urbane Code Chinas” (Birkhäuser), behandelt in einer fünfteiligen Serie im Baumeister-Blog diese Urbanisierungsprozesse in interkultureller Perspektive. Im ersten Teil betrachtet er die neue Hafenstadt von Panjin an der Liaodong-Bucht in Nordchina. Es folgen ein Beitrag zur selben Planstadt vom chinesischen Architekten Lingling Zhang und anschließend drei Betrachtungen von Hassenpflug zu Planstädten deutscher Entwerfer in Shanghai und Qingdao.

China denkt groß – und das nicht nur im Städtebau. Die mit der bereits weit in das digitale Zeitalter vorstoßenden Modernisierung des Landes einhergehende Hyperurbanisierung giert geradezu nach extensivem Städtebau. So kommt es, dass viele Provinzhauptstädte in den vergangenen Jahrzehnten problemlos um 200 – 300 Tausend Einwohner pro Jahr wachsen konnten und wo immer sich die Gelegenheit dazu bot, wurden und werden ganze Städte mit bis zu 1 Millionen Einwohner aus dem Boden gestampft. Als Treiber der Entwicklung erweist sich zudem, dass die Baubranche in Verbindung mit der Kreditvergabe-Politik als Instrument der nationalen Konjunktursteuerung eingesetzt wird.

Ein in der westlichen Welt viel beachtetes Beispiel einer auf etwa eine Millionen Einwohner ausgelegten Retortenstadt ist Kangbashi unweit des vormaligen Dongsheng, bekannt unter dem Namen Ordos. Ausgelöst wurde der Bau der Planstadt durch die Entdeckung gewaltiger Kohlevorräte. Mit der Kohle war erhoffte man sich einen vielversprechenden wirtschaftlichen Aufschwung in der strukturschwachen Region der Inneren Mongolei. Zuerst wurden Versorgungs-, Entsorgungs- und Verkehrsinfrastrukturen gebaut. Später kamen dann öffentliche Gebäude, Schulen, Regierungsgebäude, Kultureinrichtungen aller Art und schließlich Wohngebäude hinzu. Heute firmiert Ordos mit seinen teils spektakulär gestalteten öffentlichen Gebäuden, seinen überbreiten, vielstreifigen Stadtstraßen und vor allen mit seinem atemberaubenden Wohnungsleerstand als die berüchtigtste “Geisterstadt”, die China seit der Öffnung hervorgebracht hat.

Die Stadt, die wir im Folgenden betrachten, “Panjin Harbour New Town”, weist in mancherlei Hinsicht Parallelen zu der Neustadt Ordos auf. Das gilt beispielsweise für den Anlass ihrer Erbauung: Auch in Panjin, einer Stadt von circa 1,4 Millionen Einwohner spielte ein Rohstoff eine entscheidende Rolle: nämlich Öl. Zwar wurde dieses schon vor längerer Zeit entdeckt und gefördert, doch die Stadtoberen von Panjin sahen im Abtransport des schwarzen Goldes von einem stadteigenen Hafen eine wirtschaftliche Entwicklungschance, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Obschon mit der unmittelbar an Panjin angrenzenden Millionenstadt Yingkou bereits ein leistungsfähiger Hafen in der Region vorhanden ist (immerhin der zweitgrößte Hafen Liaonings – nach Dalian), will man das eigene Öl auch im eigenen Hafen verschiffen. Doch damit nicht genug. Um den Hafen herum soll eine Stadt entstehen, die zeigt, dass Panjin in der oberen Liga der chinesischen Modernisierer mitzuspielen vermag.

Öl, Strandsoden und Reisfelder

Neben dem Öl existiert in Panjin noch eine weitere Ressource, deren Entwicklungspotenzial aus Sicht der Stadtoberen bislang nicht hinreichend ausgeschöpft wurde: Es handelt sich um eine kleine Strandpflanze, deren sukkulenten Blätter im Sommer und Herbst in ein einem leuchtenden Rot erstrahlen. Diese in deutscher Sprache Strandsode bzw. Salzmelde (suaeda salsa) genannte Pflanze kommt dort, wo der Fluss Shuangtaizi im Westen Panjins in die Liaodong Bucht mündet, in gewaltigen Massen vor und formt auf diese Weise bis an den Horizont eine spektakuläre Küstenlandschaft. Mit ihrer geradezu surrealen Färbung und ihrem außergewöhnlichen Artenreichtum zieht diese nicht nur Chinesen in ihren Bann. Bei Naturliebhabern rund um den Globus gilt die Marsch von Panjin als ein zu schützendes Naturwunder. Den Schatz desselben gilt es touristisch zu heben. So soll Panjins neue Hafenstadt nicht nur der Vermarktung des eigenen Öls, sondern auch der Erschließung des Strandsoden-Küstenpanoramas einen Ausgangspunkt bieten.

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Strandsode an der Küste Panjins.

 

Im Herbst 2017 waren 10 Jahre vergangen, als die Präfektur Panjin entschied, die auf 600 Tausend Einwohnern ausgelegte Neustadt in der Nähe der Mündung des östlich verlaufenden Flusses Liao He zu bauen. Dieser Fluss trennt als natürliche Grenze die Gebietskörperschaften von Panjin und Yingkou voneinander. Das renommierte Studio des Centre for Architecture and Urban Planning (CAUP) an der Tongji Universität Shanghai wurde bereits zuvor mit der Fertigung eines strategischen Entwicklungsplans beauftragt. Kurz nach Zugang und Präsentation der Studie beauftragte die Stadt Panjin den Dekan der School of Architecture der Shenyang Jianzhu University Prof. Dr. Lingling Zhang und sein an die Architekturfakultät angegliedertes Tianzuo Designstudio mit der Überarbeitung der CAUP-Pläne und deren Konkretisierung in einem Masterplan und darauf aufbauenden Rahmenplänen.

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Grünraumplan von Panjin Neustadt

 

Zu jener Zeit hielt sich der Autor dieser Schrift auf Einladung des Dekans der Architektur-Fakultät häufiger als Gast an der Shenyang Jianzhu Universität auf. So bot sich ihm die Chance, an der Umsetzung des Planungsauftrags aus Panjin mitzuwirken. Dies betraf insbesondere die Erarbeitung der konzeptionellen und strategischen Grundlagen des Masterplans. Die Kooperation fand ihren Niederschlag  in einem 20 Punkte umfassenden Papier mit dem Titel „Compilation of basic assumptions for Plan 1“.

In Plan 1 wurden (im Unterschied zu Plan 2) bereits vorzeitig durch die Präfektur Panjin veranlasste Verkäufe von Landnutzungsrechten und auf diese Weise ausgelöste Bauaktivitäten ignoriert. Gestützt auf Forschungsergebnisse, die kurze Zeit später in dem Buch “Der urbane Code Chinas” publiziert wurden, schlug der Gast unter anderem folgendes vor: 1. eine Verlegung des vom CAUP vorgeschlagenen Hafengeländes an der Mündung des Liao He weiter nach Westen und im Gegenzug eine Verlagerung der im Westen vorgesehenen städtischen Zentralachse nach Osten. Und während der Plan der Tongji-Universität Shanghai vorsah, die Zentralachse in dominanter Weise mit pittoresken Gärten auszustatten, plädierte er für einen markant urbanen, durch eine hierarchische Ordnung öffentlicher Gebäude charakterisierten Boulevard.

Im September 2017, zehn Jahre nachdem die Entscheidung der Stadt Panjin für die Entwicklung der neuen Hafenstadt erging, luden Panjin und das Tianzuo Studio gemeinsam zu einer Jubiläumsveranstaltung in die neue Stadt “Liaodong Bay New Area” (Panjin Harbour New Town) ein. Die Mitwirkung an dieser Veranstaltung bot ihm die einmalige Chance, zu besichtigen, was in den verflossenen zehn Jahren an der Küste der Liaodong Bucht geschehen ist – und darüber zu berichten.

Es lohnt sich aus folgenden Gründen: Panjin Harbour New Town repräsentiert als am Reißbrett entworfene Planstadt mittlerer Größe die städtebaulichen Visionen Chinas auf eine idealtypische Weise. Hinzu kommt, dass die Planungen für diese Hafenstadt nicht nur weitestgehend außerhalb der Wahrnehmungsschwelle der fachkompetenten westlichen Öffentlichkeit liegt, sondern eine westliche Beteiligung, wie sie häufig bei anderen chinesischen Neustadtprojekten festzustellen ist, hier nicht nachgewiesen werden kann – sieht man einmal von meinen marginalen, zudem an chinesischen Leitbildern orientierten Anregungen ab. In Panjin Harbour New Town ist China gewissermaßen ganz bei sich und gerade dieser Umstand verdient unser auf die sozialen und kulturellen Dimensionen des chinesischen Städtebaus gerichtetes Erkenntnisinteresse. An diesem Ort können wir auf exemplarische Weise beobachten, was Städtebau im heutigen China aktuell ausmacht.

Der „Architektenkönig“ des Dongbei

Die Einbettung der rasterförmigen Grundstruktur in die vorgegebene Topografie und das vorhandene Erschließungssystem, die Lage des Hafens, der Verlauf und die Bestückung der etwa 12 Kilometer langen Zentralachse, die räumliche Verteilung der Flächennutzungen, die Lage von Naturschutzgebieten, Naherholungs- und Grünräumen, der Verlauf der zahlreichen Kanäle, die die Stadt am Wasser durchziehen und vor allem die Entwürfe der öffentlichen Gebäude tragen die Handschrift des Tianzuo Studios und dort insbesondere des Chefs. Lingling Zhang ist in Nordchina eine bekannte und geachtete Architektenpersönlichkeit. Hinter vorgehaltener Hand wird er mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Augenzwinkern schon einmal “der Architektenkönig des Dongbei” genannt. Diesem Titel wird er mit seinem Architektenteam in Panjin Harbour New Town vollauf gerecht. Selbst im boomenden China kann man wohl kein zweites Mal ein Stadtentwicklungsprojekt besichtigen, wo ein einzelner Architekt so viele Entwürfe auf einmal verwirklichen konnte – und durfte.

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Petroleum Exhibition Hall

 

Neben dem Rahmenplan, dem Masterplan, dem Flächennutzungsplan und vielen Detailplänen zählen dazu die Freiraumgestaltung und die Landschaftsarchitektur, die Integration der Kanäle und Wasserflächen in den zukünftigen Stadtraum und die Uferverläufe. Mit Blick auf die Gebäude gehören dazu die zackige Skulptur, die den Stadteingang markiert, die unweit des “Stadttores” angesiedelte Verwaltungsakademie und der riesige Universitätscampus, ein auf Disziplinen rund um die landwirtschaftliche Erzeugung fokussierter Zweig der Technischen Universität von Dalian.

Zu nennen sind die drei öffentlichen Sportarenen, die Klinik, das Cuicia See Luxushotel und zahlreiche Brückenbauwerke. Schließlich sind noch jene öffentlichen Gebäude zu nennen, die die Zentralachse der Planstadt flankieren und auf diese Weise Struktur verleihen. Zu diesen zählen unter anderem das Gebäude der Stadtregierung, das Theatergebäude, das Museum für Innovation, das Museum für Wissenschaft und Technik, das Maritime Museum, die öffentliche Bücherei und das Aktivitätszentrum für Kinder. Direkt auf der Achse liegend und diese damit zusätzlich betonend, finden wir die Ausstellungshalle der Stadt, im Folgenden “Stadtgalerie” genannt, und das lokale Gründerzentrum.

Insgesamt umfasst der Beitrag des Tianzuo Studios über 80 Projekte, von denen Anfang 2018 etwa 40 vollendet waren. So ist es nahezu unvermeidbar, dass die Begutachtung des Neustadtprojektes zu einer Evaluation der Architektur von Lingling Zhang und seiner Architektencrew gerät. Panjin Harbour New Town ist beim jetzigen Realsierungsstand mehr oder weniger eine Open-Air-Ausstellung des Tianzuo Studios – dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund eines noch in allerersten Anfängen verharrenden Wohnungsbaus.

Die Gestaltungshegemonie des Studios bedarf einer kurzen Erklärung, bevor wir uns den indikativen, ikonischen und symbolischen Botschaften seiner Bauten zuwenden. China ist in sozialer Hinsicht eine von Familie und Gemeinschaft und entsprechenden personalen Hierarchien stark geprägte Gesellschaft. Dies entspricht dem niemals vollständig erloschenen, tief in der Gesellschaft verwurzelten Einfluss des konfuzianischen Gedankenguts. Kein Wunder also, dass das Dispositiv des Familiären sich auch innerhalb von öffentlichen Institutionen bemerkbar macht. Auch an Universitäten finden wir nicht selten clanähnlich strukturierte Gebilde, die als Hybride formaler Institutionen (Institut, Abteilung) und informeller Sozialstrukturen (clanähnliche Gemeinschaft mit einem ‘pater familias’ an der Spitze) gedeutet werden sollten. In den formalen öffentlichen Institutionen ringen diese informellen (“privaten”) Clans um Rang und Einfluss.

An der Jianzhu Universität Shenyang ist der Architekt Zhang formal akademischer Dekan und ‘informell’ ein unternehmerisch agierender Chef des Tianzuo Studios. Seine Stellung ist offenbar stark genug, um das Vertrauen der Präfektur Panjin in einem Umfang zu erringen, wie dies Architekten in China nur selten zuteil wird. Das Maß an architektonischer Selbstverwirklichung einer Architektenpersönlichkeit in Panjin Harbour New Town erinnert ein wenig an die von den Bauten Oscar Niemeyers geprägte brasilianische Hauptstadt Brasilia – mit dem Unterschied, dass in der Provinzstadt Panjin Lingling Zhang auch noch den Part des Stadtplaners Lúcio Costa mit übernommen hat.

Der Stadtgrundriss von Panjin Harbour New Town

Kommen wir zum Stadtgrundriss von Panjin Harbour New Town. Für diesen sind vier landschaftlich-topografische Bereiche prägend:

Zum einen eine starke Krümmung des Liao He im Osten, wo der Fluss seine Fließrichtung vollständig ändert, von west-ost nach ost-west. Dadurch entsteht ein schwanenhalsartiger, weit nach Osten auskragender Landfortsatz, der sich bestens als Naherholungsraum eignet – auch für die angrenzende Großstadt Yingkou. Die landschaftliche Hochwertigkeit des Areals weckt allerdings – und keineswegs überraschend – Begehrlichkeiten der Stadtoberen von Panjin, der die lukrative Vergabe von Landnutzungsrechten obliegt. Kein Wunder daher, dass große Teile der attraktiven Flussbiegung für noble Siedlungen und, bedauerlicherweise, für Einzelhandelsflächen ausgewiesen wurden.

Das Hauptmotiv für die Ansiedlung von Einzelhandelsflächen an dieser Stelle ist die Nähe zum Zentrum der Stadt Yingkou. Von dieser soll Kaufkraft in Richtung Panjin abgezogen werden. Dass derlei Überlegungen kurzsichtig sein könnten, dürfte sich an der zu erwartenden Kannibalisierung der für das Stadtzentrum von Panjin Harbour New Town vorgesehenen Einzelhandelsstandorte zeigen. Hinzu kommt die Programmierung von Nutzungskonflikten durch die Emissionen eines erhöhten Verkehrsaufkommens in Gebieten, die sich für Naherholung und hochwertiges Wohnen anbieten.

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Der Tiefseehafen von Panjin Harbour New Town

 

Zum zweiten die Kernzone der Stadt, räumlich zusammengehalten durch die markante Zentralachse, mittels derer eine hierarchische Raumfolge öffentlicher Einrichtungen organisiert wird. In diesem Bereich, der durch zwei vorgelagerte künstliche Inseln erweitert wird, konzentrieren sich die politisch-administrativen, kommerziellen, kulturellen, sozialen und bildungsbezogenen Funktionen der Neustadt. Allen diesen Gebäude, Quartieren und Flächen wird Platz und Rang durch die in Nord-Süd-Richtung verlaufende Zentralachse zugewiesen. Die Magie der Achse ist Teil der städtebaulichen Tradition Chinas. Sie gründet in kosmologischer Weltdeutung und erinnert insofern an die römische Anlage von Cardo und Decumanus. In jüngster Zeit wird die Achse, teils auch als urbaner Korridor (zum Beispiel der “Goldene Korridor” von Shenyang), wiederentdeckt, um ganz im Sinne der Zeichenlehre von Kevin Lynch Form und Lesbarkeit der riesigen, hoch verdichteten, vertikalen Städte zu verbessern.

Für Panjin Harbour New Town zitieren die Autoren des Masterplans explizit das große Vorbild des historischen Beijing mit seiner nord-südlich ausgerichteten Drachenachse. Zudem verankern sie Position und Form der Achse in einer umfassenden Reflexion der auf den Standort angewandten Regeln des Feng Shui: die Beziehung von Wasser und Erde, von lastendem Berg und fließendem Strom, das Verhältnis von nodalem und axialem Zentrum, die Strömung des Windes, die Energie-Zirkulation von Mensch und Mobilitätstechnik in der Stadt, die Zahlensymbolik (etwa der Zauber der kaiserlichen Zahl neun) und vieles mehr werden abgehandelt, um Lage, Ausdehnung und Form der Neustadt fest in chinesischen Traditionen der Produktion des Raums zu verankern.

Zum dritten der vollständig neu errichtete Ölhafen mit all seinen Kais, Piers und Kränen an einer Stelle, wo zuvor kein Hafen war. Auch hier wurde in konkurrenzieller Absicht auf die Nachbarstadt Yingkou mit ihrem umtriebigen Hafen geschaut. Um denen “das Wasser abzugraben”, wurde ein veritabler Tiefseehafen gebaut. Dazu mußte den seichten Gewässern in der Nähe der Flussmündung in großem Stil Land abgerungen werden. So schieben sich die Kais und Hafenbecken, geschützt von zwei den Hafen zangenartig umschließenden Molen, weit in das Meer hinaus. Dem Hafen landseitig vorgelagert befindet sich ein großflächiges Gewerbegebiet, das plausibel erscheinen lässt, weshalb Panjin Harbour New Town auf 600 Tausend Einwohner ausgelegt ist.

Schließlich, zum vierten, die einzigartige Strandsoden-Küstenlandschaft. Dieses zu Recht als großes Naturwunder gewürdigte Gebiet soll nicht nur dem Tourismus in der Region auf die Sprünge helfen, sondern zur Imagebildung der Neustadt an der Küste beitragen, ihr ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen. Inzwischen ist das Strandsoden-Marschland für den Massentourismus schon so weit erschlossen, dass man sich schon einmal besorgt fragt, wieviel Eingriffe mit Zufahrtsstraßen, Busparkplätzen, Aussichtsplattformen, Beobachtungstürmen, endlosen Stegen, Brücken, geschützten Aufenthaltsflächen etc. diese Küste noch erträgt. Es ist davon auszugehen, dass der westliche Abschluss der Neustadt zukünftig durch Hotels, Themenparks und Vergnügungseinrichtungen aller Art geprägt sein wird.

Architektonische Beiträge des Studios Tianzuo

Kommen wir nun zu den architektonischen Beiträgen des Studios Tianzuo. Wir beginnen unsere Auswahl mit der erwähnten Stadttor-Skulptur, die der bekannten Siegerpose des Sprintstars Usain Bolt nachempfunden zu sein scheint. Die leicht verständliche ikonische Botschaft des Baus lautet: Panjin Harbour New Town reimt sich auf Wachstum und Erfolg, ist eine Stadt mit Gewinnerpotenzial. Mit der Farbgebung des innen begehbaren Gebäudes wird bereits der Brückenschlag zur spektakulär roten Färbung der Strandsode hergestellt. In der folgenden Betrachtung einzelner Bauten wird uns diese Farbe immer wieder begegnen. Zhang, so wurde mir mitgeteilt, habe großen Wert darauf gelegt, dass für Zwecke der Fassadengestaltung, jedoch auch für Innendekorationen, eigens ein neuer Rot-Ton kreiert wird, der mit demjenigen der herbstlichen Strandsode vollständig übereinstimmt.

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Skulptur am Stadteingang

 

Geht man davon aus, dass das wichtigste Gebäude der neuen Stadt seinen Platz ungefähr dort einnimmt, wo zu Kaisers Zeiten die verbotene Stadt (der Palast des Kaisers) oder der Sitz der Mandarine beziehungsweise Gouverneure zu finden war, dann erhält diesen Platz nun die Stadtgalerie. In diesem Gebäude werden Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Stadt in Text, Bild, Video, Modell, Fundstück und Medien aller nur denkbaren Art umfassend ausgestellt. Was den Standort dieses Ausstellungsgebäudes betrifft, ist Panjin Neustadt alles andere als eine Ausnahme. Auch die Megametropole Shanghai wählte für ihre ‘Exhibition Hall’ die überaus prominente Nachbarschaft zum Platz des Volkes. In westlicher Wahrnehmung ist die Ortswahl für die Stadtgalerie allerdings verblüffend.

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Stadtgalerie von Panjin Neustadt

 

Die Position des Gebäudes wird jedoch etwas verständlicher, wenn man weiß, dass in seinen Gemäuern die Stadt nicht nur sich selbst medial inszeniert und feiert, sondern zugleich eine Brücke zu allen anderen chinesischen Städten schlägt. So wird die Stadtgalerie zu einem Ort nationaler Selbstvergewisserung, zu einem Symbol der Einheit des Reiches. Sie übernimmt damit eine Funktion, die im alten China die Stadtmauer als Symbol der Anwesenheit und Allmacht des Kaisers innehatte. Dass auf diese Weise der Stadtplanung und dem Städtebau geradezu ein Tempel errichtet wird, bezeugt und bestätigt zugleich den hohen gesellschaftlichen Rang dieser Disziplinen. Im Verhältnis von Politikern (Provinzgouverneuren, Bürgermeistern, Parteisekretären) einerseits und Stadtplanern und Architekten andererseits perpetuiert sich zumindest partiell die chinesische Tradition der literarischen, lernenden Gesellschaft.

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Spiel von Licht und Schatten

 

Das Gebäude selbst thront inmitten der Zentralachse auf einem horizontal weit ausladenden dreistufigen Sockel. Durch diesen wird das Galeriegebäude auf eine Bühne emporgehoben, was dessen Bedeutung zusätzlich steigert. Zweierlei fällt darüber hinaus sofort ins Auge: Gemeint sind Form und Farbe der Stadtgalerie. Die Form des Gebäudes ist aus zwei geometrischen Figuren komponiert, einem Quader und einen in diesen eingelassenen Zylinder. Diese Figur verweist zunächst einmal auf zwei Grundformen der chinesischen Mythologie, auf das Quadrat und den Kreis. Das Quadrat indiziert darin die Erde und der Kreis den Himmel. Auf diese Weise wird einer der bekanntesten Weltschöpfungsmythen Chinas für die Erschaffung der Neustadt in Anspruch genommen.

Die Fassadenvorhänge beider Gebäudeteile leuchten, wie kann es anders sein, in der Farbe der Suaeda Salsa. Aufgetragen ist die Farbe auf Aluminiumplatten. Jede Einzelne hat unterschiedliche Ausstanzungen, die sie zum Unikat machen. Ort und Größe der Öffnungen ergeben sich dabei aus Bildvorlagen, die mittels der einzelnen Aluminiumplatten an den Fassaden reproduziert werden. Die Fassaden verwandeln sich derart in “Gemälde” des von der Strandsode über- und von Prielen durchzogenen Wattlandes.

Im Inneren des doppelwandigen Zylinders führt eine Treppe bis in die Nähe des oberen, mit einem runden Podest ausgestatteten Randes. Der Besuch da oben erlaubt eine grandiose Aussicht über die entstehende Stadt. Insbesondere wenn man auf die Zentralachse mit ihren flankierenden Bauwerk-Unikaten, Brücken, Grünanlagen und Plätzen blickt. Der Blick nach innen, in das Rund des Zylinders, gestattet Beobachtungen des hinreißenden Lichtspiels das durch die kreisrunde Öffnung von oben in den Zylinder fällt.

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Fassadendetail der Stadtgalerie

 

Die ganz überwiegenden Teile der Stadtausstellung sind im Sockelbereich untergebracht. Da der Zylinder sich als architektonische Form auch in diesen hinein fortsetzt, entsteht ein großer kreisförmiger Raum. In diesem beansprucht ein gigantisches Stadtmodell nahezu die komplette Bodenfläche. Während der Öffnungszeiten ist darüber hinaus ein 360°-Film des Stadtentwicklungsprozesses zu bewundern. Man erfährt, wie sich eine durch Reisfelder, kleine Dörfer und Marschland charakterisierte Landschaft Stück für Stück in eine Großstadt verwandelt. Unerwähnt bleibt in der mit einem euphorisch vorgetragenen Kommentar unterlegten Animation allerdings, dass die Urbanisierung keineswegs immer reibungslos verlief. Manche Reisbauern protestierten mit zum Teil drastischen Mitteln gegen Landverlust und als unzureichend wahrgenommene Entschädigungen.

Universitätscampus

Weiter zum Universitätscampus. Dieser wirkt durch seine Dimensionen wie eine Stadt in der Stadt. Der Campus beherbergt neben den obligatorischen Gebäuden für Lehre, Forschung und Administration die Wohnungen des Lehr- und Dienstpersonals und die Dormitorien tausender Studierender. Es gibt Mensen, Cafeterias, kleine Läden aller Art, Sport- Kunst- und Freizeitflächen, soziale und medizinische Versorgungseinrichtungen und vieles mehr. Im Grunde handelt es sich bei dem Campus um einen Danwei. Bei diesen handelt es sich um städtische Produktionsgenossenschaften (eine “comprehensive urban unit”), wie sie in der Zeit Mao Zedongs für chinesische Städte prägend wurden. Als Ausdruck einer Politik, die zum Ziel hatte, die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Hierarchie zwischen Stadt und Land vollständig zu beseitigen, also das Land zu urbanisieren und die Stadt zu ruralisieren, lassen sich die Danwei auch als “urbane Dörfer” bezeichnen.

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Blick auf den Universitätscampus

 

Der Besucher betritt den “akademischen Danwei” durch ein imposantes Tor, das den Blick auf das Hauptgebäude freigibt, das unter anderem das Audimax, Arbeits- und Seminarräume beherbergt. Davor ein weitläufiger Platz, der keineswegs nur der ästhetischen Inszenierung des Hauptgebäudes, sondern auch den Versammlungen und Appellen der zahlreichen Studierenden gilt. Das Gebäude ist ziegelrot, enthält jedoch etliche Elemente (Turm, Pavillon), die in dem nun schon häufiger erwähnten Rot der Strandsode eingefärbt sind. Auf der Rückseite nähert sich dem Hauptgebäude in tangentialer Krümmung ein winterfest eingehauster gläserner Gehsteig. Dieser endlos wirkende Korridor durchzieht den Campus auf einer Länge von circa 900 Metern.

Im nordöstlichen Bereich des orthogonal gegliederten Universitätsgeländes befindet sich eine große artifizielle Wasserfläche, in die drei nierenförmige Gebäude eingefügt sind. Diese von Wasser umschlossenen Gebäude (Bibliothek, Informationszentrum und Studentenclub) sind mit einer klimatisierenden Glashülle umschlossen, deren warmer Gelbton die – neben der Strandsode – ebenfalls das Landschaftsbild prägende Farbe der Reisfelder reflektiert. Auch hier also wieder die Intention Zhangs, den Zeichen- und Farbvorrat der Region in seiner Architektur, dazu zählen vor Ort auch die sogennante ‘Creative Exhibition Hall’ und die ‘Petroleum Exhibition Hall’ aufscheinen zu lassen. Gestützt wird der Bezug zu den Reisfeldern insbesondere dadurch, dass nach Ansicht vieler Chinesen der Reis aus der Region zu den besten Chinas zählt.

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Bibliothek und Studentenclub

 

Erwähnenswert sind auch die ziegelroten Laborgebäude. Hier haben sich die Architekten frei nach dem Motto “was du nicht verstecken kannst (oder willst), das sollst du zeigen” entschieden, die Abluftrohre in stark kontrastierendem Weiß an die Fassaden zu heften. Dort zeigen sie sich nun wie seltsame, zum Trocknen über das Dach gelegte Beutestücke.

Verlässt man den Campus wieder durch das Haupttor, erreicht man in wenigen Schritten das  Sportzentrum, das auf vier Stadien ausgelegt ist. Die drei realisierten Arenen zeichnen sich durch eine leichte und schwungvolle, ja schwebende Gestaltung aus. Der Grund für diese Anmutung liegt darin, dass die Außenhäute der Stadien mit – natürlich in der Farbe der Strandsode gehaltenen – Stoffbahnen überzogen sind. Beim Fußballstadium ziehen diese mit sich vergrößernden Abständen spiralförmig nach oben. Dabei geben sie den Blick auf die elegante, durch ineinander verschlungene Ovale geformte Tragkonstruktion frei. Die wohlproportionierten Stadien liegen allerdings in einem für die Erhaltung der Bausubstanz bedrohlichen Dornröschenschlaf und warten noch auf regelmäßige Nutzer.

Chinesische Architekturtraditionen

Während der Jubiläumskonferenz, waren die Teilnehmer in dem bereits erwähnten Cuicia See Luxushotel untergebracht. Es handelt sich dabei um ein vom Tianzuo Studio überarbeitetes und saniertes Gebäude. Es gab also Vorgaben, die sich nicht ohne weiteres ändern ließen. Dazu gehört die Sequenz von flachen, ineinander verschachtelten Walm- und Satteldächern. Zhang, der sich über die Bedeutung des Daches und seiner Konstruktion in der chinesischen Architekturtradition vollständig bewusst ist, stand vor der Aufgabe, den behäbig-drückenden Dächern etwas von der visuellen Leichtigkeit zu applizieren, die das klassische chinesische Dach mit seinen schwungvollen und mit Dachreitern versehenen Firstenden charakterisiert.

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Fußballstadion

 

Die Lösung? Er versah die Firste in einem Abstand von circa 10 Zentimeter mit profillosen Stahlbändern. Durch den Abstand definieren die Stahlbänder Lichtstreifen, die aus nahezu jeder Blickrichtung sichtbar sind. Sie verleihen den zunächst dunkel lastenden, stumpfwinkligen Dachaufbauten einen Anflug von Leichtigkeit. Dieser entsteht durch den Eindruck, die Lichtbänder würden die Dächern nach oben ziehen. Verstärkt wird dieser erstaunliche Effekt noch durch rund um das Dach verlaufende traufenseitige Durchbrüche, die einen begrenzten Blick auf das Untergerüst beziehungsweise die Sparren der Dächer freigeben.

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Hotel mit Bändern über dem Dachfirst

 

Kommen wir zum Abschluss der Architekturbetrachtungen zu einem Gebäude, das im hierarchischen räumlichen Gefüge der zukünftigen Neustadt einen vergleichbaren Rang besetzt, wie die Stadtgalerie. Es handelt sich um das Innovations- und Gründerzentrum. Nördlich der Stadtgalerie positioniert und durch einen Kanal von dieser getrennt, thront dieses symmetrisch-dreigliedrige Gebäude wie ein Gebirge mitten auf der Zentralachse. Inszeniert wird es mit seinen filigran gegliederten Hangfassaden durch Grünanlagen, die sich mit ihren vergleichsweise hohen Versiegelungsanteil als “typisch chinesisch” ausweisen. Im Gefüge der Neustadt besetzt das imposante Gründerzentrum einen Platz, den nach traditionellen Vorstellungen der optimalen Stadtanlage das nördliche Gebirge innehat.

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Innovationszentrum

 

In Ermangelung der Naturgunst des schützenden nördlichen Gebirges und des südlichen Flusses, muss in der flachen Reislandschaft Panjins nach Ansicht von Architekt Zhang ein Gebäude her, das diese Funktion symbolisch übernimmt. In den vorbereitenden Studien zum Entwurf des Gründerzentrums wird explizit auf die entsprechenden Regeln Bezug genommen und durch einschlägiges Bildmaterial ergänzt. Es bedarf ansonsten kaum noch einer Erwähnung, dass auch dieses artifizielle Gebirge die herbstliche Strandsode zitiert, die damit zum “roten Faden” gerät, der alle wichtigen öffentlichen Gebäude miteinander verknüpft, angefangen mit der Stadteingangsskulptur über die Stadtgalerie bis zum Sportzentrum. Das Rot der Strand-sode wird auf diese Weise zu einem gleichermaßen bild- (“image-”) und identitätsstiftenden Merkmal der Neustadt erhoben.

Masterplan von Panjin Harbour New Town

Blicken wir abschließend noch einmal auf den Masterplan von Panjin Harbour New Town und versuchen wir, die wichtigsten Charakteristika zu identifizieren. Klar ersichtlich ist eine räumliche Zonierung, die zunächst die Ansprüche einer Hafenstadt befriedigen muss, darüber hinaus jedoch auch die Ansprüche an einen Städtebau reflektiert, dem um die Vermeidung von Nutzungskonflikten und zugleich um möglichst kurze Wege zu tun ist. Für die Vermeidung von Nutzungskonflikten, etwa zwischen Wohnen und Verkehr, hält der chinesische Städtebau m it dem Stadtbaustein der geschlossenen, introvertierten, hochverdichteten und mit eigenem Erschließungssystem ausgestatteten Wohnsiedlung ein Pfund in der Hand, auf das hier selbstverständlich nicht verzichtet wird. Erst im Zuge der Fertigstellung der Neustadt wird man erkennen können, dass sich “die Stadt der kurzen Wege” auch auf das intelligente Verhältnis von bevölkerungsreicher Nachbarschaft und Nahversorgungszeilen als Mauerersatz reimt.

Zhang und seine Mitstreiter haben jedoch auch darauf geachtet, dass Nutzungen wie Bildung, Verwaltung, Einzelhandel, Kultur, Wirtschaft und soziale Dienste soweit es die jeweiligen Funktionen zulassen, um die Zentralachse herum organisiert werden. Auf diese Weise wird ein Optimum an funktionsgemischter (linearer) Zentralität gewährleistet ohne die Ansprüche an Nutzungshierarchien grundsätzlich in Frage zu stellen.

Aus dem Masterplan lässt sich noch ein weiteres Bemühen herauslesen. Gemeint ist die räumliche Organisation in ästhetischer und symbolischer Hinsicht. So ist die Orientierung an den überkommenen Grundsätzen des chinesischen Städtebaus Programm – und entsprechend klar erkennbar. Dies betrifft die Harmonie gegensätzlicher raumrelevanter Kategorien und Gestaltungskonzepte, zum Beispiel das Verhältnis von Wasser und Erde, von Stein und Pflanze, von barock-geometrisch und pittoresk, von orthogonal und organisch, von privat und öffentlich. Wie ernsthaft dieses harmonistische, Polarisierungen vermeidende Gestaltungskonzept verfolgt wird, unterstreicht ein großformatiges, von einer flachen Wasserdecke überzogenes Yin-Yang-Zeichen, das in emblematischer Weise mitten auf die Zentralachse platziert wurde.

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Theater im Bau

 

Es fällt allerdings auch auf, dass mit den Regeln der städtebaulichen Tradition Chinas vergleichsweise kreativ umgegangen wird. Die Regeln sind einerseits entwurfsleitend, werden jedoch zugleich so frei interpretiert, dass sie sich den lokalen Gegebenheiten anpassen können. Wenn ein Berg fehlt, dann baut man eben einen, um den Grundsätzen des Zusammenspiels von Berg und Fluss zu genügen. Dabei kommt es gar nicht darauf an, ob es sich um eine Nachbildung, einen künstlich erzeugten Hügel, oder ob es sich um ein ‘bergartiges’ Gebäude handelt. Wichtig ist, dass das Gebirge symbolisch wirksam anwesend ist, um dem Fluss (dem Wasser, dem Kanal) ein Gegenbild im harmonischen Universum von Yin und Yang anzubieten.

Einen weiteren Beleg für diese chinesische Auffassung vom versöhnlichen, reflexiven Umgang mit Gegensätzen zeigt auch das Design der Zentralachse, deren axiale Strenge und dominant orthogonale und steinerne (marmorne) Gestaltung immer wieder durch organische Interventionen kontrastiert wird, beispielsweise durch einen Kanal, der im Bereich des gegenwärtig noch im Bau befindlichen Theaters einen eleganten Bogen in Richtung der Achse zeichnet und dadurch den zwischen Kanal und Achse befindlichen Flächen herausfordernde Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Die Regeln des Feng Shui werden im Sinne ästhetischer Strategien gedeutet. Durch ihre Ergänzung mit dem mythologischen und tradierten Zeichenvorrat aus der chinesischen Geschichte entsteht die zeitgemäße räumliche Grammatik einer auch in ihren Details durch und durch chinesischen Großstadt.

Mit Panjin Harbour New Town haben sich Lingling Zhang und sein Team ein beeindruckendes Denkmal gesetzt. Allerdings gibt es zwei Probleme, die dem Studio nicht zugerechnet werden können, von deren Lösung gleichwohl einiges für die Zukunft der Neustadt abhängt. Zum einen ist es aus verschiedenen Gründen bisher noch nicht gelungen, den Wohnungsbau hinreichend zu aktivieren um die Stadt auf diese Weise zu einem vitalen Ort zu machen. Bau und Betrieb einer großen Universität, eines Regierungsgebäudes oder einer Stadtgalerie, reichen dafür offenbar nicht aus. Es scheint, als fehlen derzeit noch die Anreize für Investoren und Entwickler, in den Wohnungsbau zu investieren – und sei es zunächst auch nur für Zwecke der Wohnungsspekulation, die der Wohnungsnutzung in China in der Regel vorausgeht oder diese begleitet.

Vitalisierung der Neustadt

Ein wirksamer Anreiz für Investitionen in den Wohnungsbau könnte eine optimistische Einschätzung der Entwicklung des neuen Tiefseehafens sein. Wegen der vorhandenen Kapazitäten für die Verladung von Öl im Umkreis der Liaodong-Bucht, insbesondere wegen des gut angebundenen und seit Jahrzehnten funktionierenden Großhafens in Dalian, dürfte dies eine schwer zu stemmende Herausforderung sein. Welche Rolle der aufstrebende Naturtourismus bei der Vitalisierung der Neustadt spielen kann und wird, bleibt vorerst abzuwarten.

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Stadtmodell in der Stadtgalerie

 

Es gibt allerdings noch ein Problem, eigentlich eher eine Gefahr, die sich durch bauliche Inaktivität und Leerstände noch erhöhen könnte. Gemeint ist die oft unzureichende Material- und Bauqualität. Im Luxushotel beispielsweise fehlen in einigen der marmornen Hi-Tech-Baderäume Bodenabflüsse für das Duschwasser, an den Treppengeländern im Aussenbereichen der neuen Stadtgalerie blättert hier und da bereits die Farbe ab, auf einigen Stahlträgern des Fußballstadiums zeigen sich jetzt schon kleinere Rostflecken. In den vortrefflich entworfenen Bibliotheken der lokalen Universität wölben sich die Bodenbeläge im Foyer, auf Gehwegen brechen hier und da die Platten, Müllbehälter in den Parks wackeln im Wind, da Schrauben fehlen.

Diese allenthalben feststellbaren Qualitätsprobleme sind nicht nur Folge administrativ verursachter Fehlallokationen oder mangelhafter Bauaufsicht und Bauabnahme, sondern insbesondere auch eine Konsequenz der Verwendung unzureichender qualifizierter Arbeitskraft. Um Geld zu sparen, wird Arbeit am Bau nicht selten und immer noch schlecht bezahlten, oft ungelernten Wanderarbeitern überantwortet. Man fragt sich, ob man in China die Arbeit von Polierern, Maurern, Klempnern, Schlossern, Streichern, Fliesenlegern, Elektrikern, Schreinern oder Stahlbauern der gebührende Respekt entgegenbringt.

Immerhin hat die Zentralregierung in Beijing jüngst erste Konsequenzen aus den allseits bekannten Qualitätsdefiziten im Städtebau gezogen. So wurde ein neues Städtebaugesetz auf den Weg gebracht. Ziel desselben ist es unter anderem die Stellung von Planern und Architekten im Planungs- und Bauprozess zu stärken, die Vergabeverfahren durchsichtiger und wettbewerbsorientierter zu gestalten und die Qualitätskontrolle zu verbessern.

Im folgenden Beitrag stellt der Architekt und Planer Lingling Zhang die “Grundsätze eines chinesischen Städtebaus mit regionalem Bezug” am Beispiel der von ihm entworfenen Neustadt “Liaodong Bay New Town” vor.