Butterfly Chair: Karriere eines Stuhls

Generell kann man sagen, dass Designklassiker ein eher „schlichtes“ Erscheinungsbild haben: prägnante Form, reduzierte Materialien, wenige Farben. Das Gegenteil von „modisch“ also. Die Formel klingt banal. Trotzdem schafft es unter der Vielzahl an Minimalisten auf dem Möbelmarkt natürlich nicht jeder Entwurf auch gleich in die Klassiker-Liga.

Ein Möbelstück, das es in die besagte Liga geschafft hat, ist der „Hardoy Butterfly Chair“, ebenso bekannt als „Fledermaussessel“ oder „BKF Chair“. Seinen Erfolg (und die Vielzahl an Bezeichnungen) kann man an der Zeit messen, die er bereits existiert: die Entwurfswurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Somit gilt der Stuhl also längst als Klassiker. Wir halten fest: Einen Klassiker macht aus, dass er a) ein mehr oder minder minimalistisches Design und b) viele Jahre Gültigkeit hat.

Natürlich hat sich der Butterfly Chair auf den Sprossen der Karriereleiter immer wieder verändert. Eine erste Variante, beziehungsweise der Vorgänger des Entwurfs, der schließlich den sogenannten „Durchbruch“ schaffte, war ein Campingstuhl aus den 1880ern von James B. Fenby. Damals bestand das Gestell noch aus Holz und Stahl – und hieß „Tripola“. Die Vorteile: der Stuhl war stabil und zudem leicht auf- und abbaubar. Praktikabel eben.

1938 wurde der Entwurf vom argentinischen Büro Austral Group, die unter anderem auch mit Le Corbusier arbeiteten, neu interpretiert. Die Mitarbeiter der Architekten Antonio Bonet, Juan Kurchan und Jorge Ferrari Hardy möblierten mit dem Stuhl ihren Entwurf für ein Apartmenthaus in Buenos Aires – und nannten ihn „BKF“. Nach den Erstbuchstaben ihrer Nachnamen. Kurz darauf wurde der Stuhl auf dem dritten Salon de Artistas Decoradoresinterior design exhibition in Buenos Aires präsentiert. Dort wurde er „entdeckt“ und stand von nun an in der Dauerausstellung des New Yorker MoMa sowie in Frank Lloyd Wrights „Fallingwater“.

Klingt nach einer Erfolgsstory. Und genau das kommt wahrscheinlich zu den oben genannten Faktoren a) und b), die einen Klassiker ausmachen, hinzu: die Geschichte, die das Möbelstück erzählt. Und dazu können auch „Karriereknicke“ gehören – wie auch beim Butterfly Chair: Nachdem Knoll Associates 1947 die Lizenz des Entwurfs für ihre Designlinie erhielt, wurde der Stuhl häufig kopiert. Knoll klagte erfolglos und stellte die Produktion kurze Zeit später ein.

Und trotzdem: Der Entwurf hat sich bis heute gehalten. Seit 2010 liegen die Rechte bei Weinbaum. Und die feiern nun das 75-jährige MoMA-Jubiläum mit einer Sonderedition. Mit, wer hätte es gedacht, 75 Exemplaren aus tabakfarbenem Rindslederbezug und pulverbeschichtetem Edelstahlgestell – in schwarz, versteht sich. Vielleicht aus Qualitätsgründen, bestimmt aber auch aus sentimentalen Erwägungen heraus, stammt das Leder für die Bepolsterung ausschließlich von argentinischen Rindern. Vermutlich von glücklichen.

Kein schlechter Gedanke nun von Weinbaum, den Butterfly Chair über einen Qualitätsanspruch und das Thema Nachhaltigkeit zu bewerben. Schließlich trifft das den Nerv unser Zeit. Und so war das bei der „Klassiker-Karriere“ des Butterfly Chair; er war in seiner Erfolgsstory sozusagen immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Als Tripola wurde der Stuhl für Militärcamps verwendet, weil er so leicht zusammenklappbar und trotzdem stabil war. In der BKF-Phase wurde Le Corbusier auf den Stuhl aufmerksam, der auch mit Austral Group zusammen arbeitete. Und in den 1960ern und 70ern begleitete der BKF Chair viele Hippies auf Festivals, aus eben den praktikablen Gründen wie schon beim Militär: trotz seines geringen Gewichts erwies er sich als robustes Sitzmöbel.

Der Butterfly Chair ist also mit seiner Zeit gewachsen – und zwar nicht nur im übertragenen Sinne: Die heutige Auflage ist, dem Maßstab des Menschen angepasst, in seinen Dimensionen größer geworden. Proportional versteht sich. Mit den neuen alten Proportionen und dem Augenmerk auf das Material spielt der Butterfly Chair also sicherlich noch eine Weile in der Klassiker-Liga.