05.04.2022

Architektur Wohnen

Berliner Wohnhaus von Bolles + Wilson

von Fabian Peters
Bolles + Wilson

Bolles + Wilson

Im Berliner Ortsteil Schöneberg hat das Architekturbüro Bolles + Wilson aus Münster ein sechsgeschossiges Wohnhaus errichtet, das einen ganz eigene Zugang zur Berliner Bautradition sucht.

 

Bolles + Wilson
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni

 

Kaum eine Straße im ehemaligen Westberlin durchläuft derzeit einen solchen Wandel wie die Kurfürstenstraße. Der Name steht seit Jahrzehnten für Straßenprostitution, Drogen, Kriminalität. Die käuflichen Damen sind nach wie vor da, doch derzeit drängt eine ganz neue Klientel in das Quartier. Immobilienentwickler und private Investoren bebauen inzwischen die Kriegsbrachen, die hier länger als anderswo in der Innenstadt-West liegengeblieben sind. Offenbar hat der Straßenstrich seine abschreckende Wirkung verloren und es entstehen Luxuswohnungen, nach denen die Nachfrage ungebrochen scheint. Präkere Lebensverhältnisse treffen nun unmittelbar auf ostentativen Wohlstand. Noch. Doch nicht alle Neubauprojekte im Kiez fallen unter diese Kategorie. Das Münsteraner Architekturbüro Bolles + Wilson hat ein Wohnhaus realisiert, das sich ausdrücklich in die Umgebung einfügen will.

 

Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni

Bolles + Wilson kombinieren Nachkriegsmoderne mit Kranzgesimsen

 

Die Reminiszenzen an die Architektur der Wiederaufbauzeit der Fünfzigerjahre sind unübersehbar. Das fängt bei der Farbgebung des Außenbaus an. Hier entschied sich das Büro Bolles + Wilson für ein Blaugrau bei der Straßenfassade und ein Hellrosa für die Rückseite sowie die Brandmauer zum Nachbargrundstück. Dort hat eine Kita ihre Freifläche. Zur Straße haben die Architekten eine Fassadenaufteilung entwickelt, die einerseits Elemente der achsial gegliederten Lochfassade besitzt. Andererseits finden sich dort auch drei unregelmäßig angeordnete, mehr als stockwerkshohe Fensterausschnitte, die Bolles + Wilson im Zentrum der Fassadenfläche platziert haben.

 

Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni

 

Aber auch die scheinbare Achsialität ist bei näherem Hinsehen gebrochen. Die Fenstertüren sind leicht gegeneinander versetzt und besitzen unterschiedliche Größen. Dem ersten Obergeschoß haben die Architekten einen schmalen durchlaufenden Balkon vorgelegt. Er soll die „Beletage“ auszeichnen. Zudem verstärkt er auch die gestalterischen Bezüge zum Wohnbau der Nachkriegsmoderne. Das oberste Geschoss der Gebäudes belichtet ein fast gebäudebreites Fensterband. Bolles + Wilon lassen es in der Art eines überdimensionalen Blumenfensters deutlich aus der Wandfläche vorspringen. Den oberen Abschluss der Fassade bildet etwas überraschend ein kräftiges Gesims. Hier zeigt sich, dass die Münsteraner Architekten nicht allein auf die Nachkriegsmoderne verweisen, sondern epochenübergreifende Bezüge zum Typus des Berliner Wohnhauses herstellen wollen.

 

Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni

Fensterformate als Spielwiese

 

Auf der Rückseite öffnen sich vier der fünf Obergeschosse mit großen Glasschiebetürelementen zum Garten. Bolles + Wilson fassen die Fensterelement stockwerksübergreifend in zwei deutlich eingetieften Fassadenrücksprüngen zusammen. Der Rücksprung entspricht den vorgelagerten Balkonen, die jedoch etwa auf halber Breite deutlich darüber hinaus auskragen, so dass großzügige Freisitze entstehen. Zwischen den beiden Fassadeneintiefungen befindet sich das Treppenhaus des als Dreispänner konzipierten Gebäudes. Auch hier spielen die Architekten wieder mit unterschiedlichen Fensterformaten. Wie bereits bei der Straßenfassade unterscheidet sich auch auf der Rückseite die Gestaltung des obersten Geschosses von der darunterliegenden Wandfäche. Hier nun stellen die Architekten vier Fenstertüren auf der einen Seite einen großen Wandausschnitt gegenüber, der den Durchblick auf eine Dachterrasse freigibt.

 

Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni

 

Im Inneren dominiert Beton den Raumeindruck. Ein Gegengewicht schaffen Bolles + Wilson mit unlackierten Holzfenstern, geometrisch gefließten Böden in schwarz und weiß sowie gezielt eingesetzten Wandfarben in den Erschließungsbereichen des Hauses. Das Haus bietet eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Wohnungsschnitte, wobei die auffälligsten Grundrisse im Zusammenhang mit den großen Fassadenfenster zur Straßenseite stehen. Hier haben die Architekten als Split-Levels anderthalb-geschossige Wohnräume realisiert, die durch Innentreppen Emporenbereiche erschließen.

Ganz anderer Maßstab: In Luxemburg haben Bolles + Wilson die neue Nationalbibliothek erbaut.

 

Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Foto: Aya Schamoni
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, EG, Zeichnung: Bolles + Wilson
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, 1. OG, Zeichnung: Bolles + Wilson
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, 2. OG, Zeichnung: Bolles + Wilson
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, 3. OG, Zeichnung: Bolles + Wilson
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, 4. OG, Zeichnung: Bolles + Wilson
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, 5. OG, Zeichnung: Bolles + Wilson
Bolles + Wilson, Wohnhaus Frobenstraße, Berlin, Schnitt, Zeichnung: Bolles + Wilson

 

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