Balkrishna Doshi ist Pritzker-Preisträger des Jahres 2018

Der Pritzker-Preisträger des Jahres 2018 ist Balkrishna Doshi, ein 90-jähriger Architekt aus Indien, der am Anfang seiner beachtlichen Karriere bei und mit Le Corbusier und Louis Kahn gearbeitet hat. Seine Arbeit verbindet auf sensible Weise die westliche Architekturmoderne mit der Kultur und dem Kontext Indiens. Doshis Ansatz besteht darin, ethische und spirituelle Empfindungen auf zeitgenössische Weise architektonisch umzusetzen. Das Ergebnis sind nachhaltige Strukturen mit regionaler Ausprägung, die sowohl Lebensweise, als auch Lebensfreude ausdrücken. Als Architekt, Stadtplaner und Universitätsprofessor kann er auf eine 70-jährige Karriere zurückblicken.

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Der indische Architekt Balkrishna Doshi (geboren 1928).

 

Moderne Lehrer, lokale Adaption

Im indischen Pune im Jahr 1927 geboren, studierte Doshi Architektur und arbeitete ab 1951 im Atelier von Le Corbusier in Paris. Nach Indien zurückgekehrt, war er an Le Corbusiers Projekten in Chandigarh und Ahmedabad beteiligt. In den 1960er-Jahren war er für Louis I. Kahn am Indian Institute of Management in Ahmedabad tätig. An Corbu und Kahn erinnern Doshis frühe Bauten mit ihren robusten Betonformen. Seine mehr als 100 Projekte sollen Moderne und Tradition versöhnen, unter Berücksichtigung von Kontext und Kultur, Nutzung und Klima, Raum und Material. Das Ergebnis sind herausragende private und öffentliche Bauten, darunter viele Bildungseinrichtungen. Zu seinen Projekten zählt auch der Campus der Universität CEPT („Centre for Environmental Planning and Technology“), die er vor 40 Jahren als Architekturschule mitbegründete.

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Das Centre for Environmental Planning & Technology in Ahmedabad.

Doshi leistete ab den 1950er-Jahren Pionierarbeit im Bereich des günstigen Wohnungsbaus in Indien. Für das 1989 errichtete Aranya Low Cost Housing in Indore erhielt er den Aga-Khan-Preis für Architektur. Der Wohnkomplex wird von schmalen Gassen durchzogen und ist durch Innenhöfe räumlich aufgelockert. Der Entwurf interpretiert traditionelle indische Städte auf moderne Weise und erinnert dabei an deren charakteristische Elemente: Dorfplatz und Bazaar, Gassen und Innenhöfe. Im Aranya-Komplex können die 80.000 Bewohner ihre eigenen Erweiterungen und Anpassungen an den Wohnungen vornehmen.

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Das Aranya-Wohnbauprojekt in Indore.
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Gassen, Höfe und Treppenaufgänge gestalten den urbanen Raum.

Sein eigenes Studio in Ahmedabad, gebaut im Jahr 1980, trägt den Namen „Sangath“ – ein Wort aus dem Sanskrit, das „begleiten“ oder „sich gemeinschaftlich bewegen“ bedeutet oder etwas kennzeichnet, das „relevant“ oder „angemessen“ ist. Der Begriff versinnbildlicht Doshis architektonische Vorstellungen exemplarisch: Terrassen bilden ineinander fließende Freiräume mit Wasserbecken und landschaftlichen Elementen, während Innenräume von luftigen Tonnengewölben aus Stahlbeton überspannt werden, die Schutz vor Hitze, Staub und Stürmen bieten. Die Innenräume sind vielfältig nutzbar, durch die Materialwahl gestalterisch verknüpft und zu einem harmonischen Ganzen verflochten.

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Der Innenraum des Indian Institute of Management, Bangalore.. Foto VSF.

 

Konsequente Entscheidung

In seiner Urteilsbegründung stellte die Jury des Pritzker-Preises fest, dass Doshis Architektur „immer ernsthaft ist, niemals schrill oder gar Trends hinterher läuft.“ Seine Arbeit werde höchsten Ansprüchen gerecht und zeuge von einem tiefen Verantwortungsgefühl wie auch dem Wunsch, für Land und Leute eine authentische und qualitativ hochwertige Architektur zu schaffen. Dass diese Kriterien den Ausschlag für die Vergabe des Preises gegeben haben, ist konsequent. Dem Anspruch nach soll der 1979 gestiftete Pritzkerpreis nämlich Architektenpersönlichkeiten ehren, in denen sich Talent, Vision und Engagement verbinden, um mit den Mitteln der Architektur für eine praktische und ästhetische Bereicherung ihrer Umwelt einzutreten.

Gewürdigt wurde Balkrishna Doshi von langjährigen Jurymitgliedern wie auch von Neulingen, allesamt in der Architektur als herausragende Persönlichkeiten anerkannt: Glenn Murcutt, Richard Rogers, Kazuyo Sejima, Benedetta Tagliabue, und der Preisträger des Jahres 2012, Wang Shu. Im Mai dieses Jahres wird Doshi im Aga Khan Museum in Toronto der Preis überreicht, zusammen mit einem Preisgeld in Höhe von $100.000 und – nicht zu vergessen – einer Medaille mit den eingravierten Worten firmitas, utilitas und venustas, den vitruvschen architektonischen Grundsätzen.

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Studio des Architekten "Sangath".
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Kamala-Wohnhaus.

 

Milieu statt Starruhm

Mit der Auszeichnung eines Architekten, dessen Oeuvre in Indien entstanden ist, setzt das Pritzker-Preiskomitee seinen Kurs der letzten Jahre fort: Während die ersten 25 Pritzker-Laureaten allesamt männlich, über 50 und zumeist aus westlichen Ländern waren, ehrte die Jury im Jahr 2004 mit Zaha Hadid erstmalig eine Architektin; und hatten vorher die internationalen Stararchitekten mit ihren Hinguckerbauten im Fokus gestanden, richtete sie den Blick jetzt zunehmend auf lokale Akteure in Schwellen- und Entwicklungsländern. Auch ein stärkerer Bezug auf Architekturen, die humanitäre Belange berücksichtigen oder sogar in den Mittelpunkt stellen, wurde spürbar – verknüpft mit einer politischen Botschaft, die die Rolle der Architektur und der ArchitektInnen in der modernen globalisierten Welt betrifft.

Statt spektakulären Hinguckern richtet sich der Blick nun auf spezifische, kontextbedingte Milieuarchitekturen. Das lässt ganz neue Protagonisten hervortreten, die für die Auszeichnung in Betracht gezogen werden – wie jetzt Balkrishna Doshi. Auch dagegen regt sich allerdings Widerspruch. So haben Kritiker den Laudatoren in diesem Zusammenhang inhaltliche Verwirrung, schlechtes Gewissen oder mangelndes Selbstbewusstsein vorgeworfen. Wer aber einer Architektur mit sozialem Anspruch lediglich Gutmenschentum unterstellt, vergisst, dass es ein Grundzug der räumlichen Planung ist, bestehende Lebensverhältnisse zu verbessern.

 

Alle Fotos: VSF.