20.07.2018

Öffentlich

Atmosphärische Klärung, gestalterische Konzentration

Die Veitskrypta nach der Renovierung.


Leere und Konzentration

Wenn die Moderne aus pessimistischer Sicht zu einem Verlust an Eigenschaften, aus optimistischer Sicht zu einer Befreiung von ebendiesen Eigenschaften beigetragen hat, dann stellen Sakralbauten insbesondere Sinnbilder dieser Entwicklung dar. Das Unerklärliche, Magische und bisweilen Sakrale des traditionellen Lebens wurde im Lauf dieser Entwicklung zu erklärbaren Variablen des modernen Maschinenkosmos dekonstruiert. Breschen, die das Göttliche nach seiner Entzauberung in der Welt hinterlassen hat, sind uns in der Gestalt sakraler Räume geblieben.

 

Es bedarf besonderer Sorgfalt, um sinnvoll und sinnstiftend in das architektonische Gleichgewicht zwischen damals, heute und morgen einzugreifen. So auch im Fall der Veitskrypta, unter dem Chorraum der mittelalterlichen Pfarrkirche St. Jodok in Landshut gelegen. Die aus dem 14. Jahrhundert stammende Krypta wurde bisher vielfältig genutzt, etwa für Messen, Taufen und Konzerte. Eine Erneuerung des Raums war jedoch dringend notwendig geworden.

Das Münchener Architekturbüro Heim Kuntscher erhielt die Aufgabe, die räumliche Qualität und funktionale Diversität dieser Krypta neu zu denken. Als Gestaltungsmittel wählten sie die Leere und die Konzentration. Fast alles rückt dabei vom offenen Gewölbe ab, schmiegt sich an die Außenwände. Nahe dem Eingang ist die Figur des Namenspatrons St. Veit auf einem Sockel aufgestellt. Weitere konvexe Einbauten ordnen den Raum, überführen seine historische Geometrie in die Gegenwart. Die Möblierung aus leichten, faltbaren Stühlen kann dort aufgestellt werden, wo sie nötig ist.

Daher offenbart sich dieser sakrale Ort den Besuchern erst nach Beantwortung einer Frage: Was genau will man hier? Der Schlüssel zum Verständnis dieses weitestgehend leeren Raums ist nämlich die Bewegung, ähnlich einer Prozession, an der jeder teilnehmen kann. Es gibt jedoch einen unbeweglichen, festen Anker – den zentral angeordneten Altar. Das darüberliegende Kunstlicht ist Widerhall einer ehemaligen Öffnung zwischen der Krypta und dem Chorraum der Kirche, gleichsam vor dem Vergessen geborgen und mit neuer Bedeutung bedacht.


2017_Landshut_St.Jodok_Krypta
Vor den schlicht-weißen Wänden setzt diese Heiligenstatue einen farblichen akzent

2017_Landshut_St.Jodok_Krypta
Der Kreuzstab wird durch eine Alabasterscheibe beleuchtet.

 

Ein friedvoll Verbindendes

Einen besonderen Höhepunkt der Krypta stellt der nach Osten weisende Kreuzstab dar. Im Dialog mit dem Altar führt er den Besuchern nicht nur die räumliche Komplexität sakraler Orte vor Augen. Es ist auch die sachliche, gestalterische Eleganz, die dieser Komplexität eine räumlich-atmosphärische Kohärenz verleiht, einen architektonischen Sinn. Vor dem Hintergrund aktueller politischer Debatten über den Einsatz des Kreuzes als profan-kulturelles Symbol mit politischem Aussagewert demonstrieren Heim Kuntscher hier zudem einen brillanten Kunstgriff: Das Kreuz stellt weniger eine Verbindung separater Elemente dar. Vielmehr ist es ein kontinuierliches Artefakt, ein stählerner Stab, der ohne Unterbrechung eine Kreuzform im Raum nachzeichnet. Dieses Kreuz gewinnt somit dank seiner skulpturalen Eigenschaften an spiritueller Strahlkraft – ein friedvoll Verbindendes, auf das der sakrale Raum fokussiert.

Hinter dem Kreuz und vor dem Fenster des Bestandes steht eine Scheibe aus Alabaster, die rückseitig kreisförmig ausgenommen ist. Sie lässt das Kreuz vor einer Sphäre aus Licht erstrahlen. Hier, im geografischen Osten des Raums, nimmt das Licht Präsenz an, bevor es erneut im räumlichen Zenit über dem Altar erscheint, getreu der kosmischen Dimension des Sakralen.

 

Heim Kuntscher Architekten demonstrieren in der Landshuter Veitskrypta architektonisch präzise und atmosphärisch eindrucksvoll, welche Qualität die Erneuerung eines sakralen Bestandes entfalten kann. Dahinter steckt ein Ringen um Transparenz, das zur Klärung des Raums beiträgt. Mit gestalterischer Konsequenz wurde eine Balance geschaffen, die den sakralen Raum zwischen gegenständlichem Diesseits und dem, was sich unserem weltlichen Begriffsvermögen entzieht, oszillieren lässt. Die historische Substanz wird wie ein Resonanzkörper zum Klingen gebracht, um gegenwärtige, gemeinschaftliche Nutzungen anzuregen. Solche Sakralräume, die versöhnen und nicht ausgrenzen, die vielfältig bespielt werden können, besucht man als moderner Mensch mit traditionellen Wurzeln gerne.

Die Erneuerung der Veitskrypta in der Landshuter St.-Jodok-Kirche beschreiben wir auch in unserem August-Heft zum Thema Denkmalschutz – im Handel ab 25. Juli.

 

Alle Bilder: Achim Bunz, München.

 

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