Architekturquartett: Welches Bauen fordert die Geschichte?

München, eine Stadt, die sich den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit ungern stellt? Oft wird das behauptet. Unser Architekturquartett am vergangenen Freitag im Museum Ägyptischer Kunst spricht dagegen. Genauer gesagt das Zuschauerinteresse. „Architektur und Erinnerung“ hatten wir mit unserem Partner Heidelberger Beton die Diskussion kurz und eindeutig benannt. Der Schriftsteller Axel Hacke saß auf dem Podium neben dem Architekten der Moderne-Pinakothek Stephan Braunfels und der BauNetz-Chefredakteurin Jeanette Kunsmann. Und der randvolle Saal signalisierte: Die Münchner wollen sich der Frage stellen, wie man architektonisch sinnvoll mit den Schatten der Vergangenheit umgeht.

Ein Weg zwangsläufig: Die Materialität. Drei Betonbauten waren es, die wir uns vorgenommen hatten. Offenbar eignet sich das Material Beton zur Konstruktion architektonischer Vielschichtigkeit. Und es waren deutlich verschiedene Akzente, die unsere Diskussionsobjekte setzten. Einerseits das NS-Dokumentationszentrum des Büros Georg Scheel Wetzel, das strahlend weiß auf dem Grundstück des früheren „Braunen Hauses“ sitzt, fast könnte man sagen „posiert“. Andererseits etwa das Ägyptische Museum Peter Böhms, der, wie er selber sagt, eine Materialanmutung schaffen wollte, die „felsig“ daher kommt. Das passt symbolisch, denn sowohl wird im Umfeld eines Museums für altägyptische Kunst natürlich immer in Felsen gegraben, in den Felsen der Ausgrabungsorte wie im Gebirge der Geschichte. Und auch eine Filmhochschule lässt sich in gewisser Hinsicht als „kreativer Steinbruch“ verstehen.

Eine wiederum ganz andere Ausstrahlung entwickelt das Material Beton in der wohl deprimierendsten Bautypologie der Welt: dem Bunker. Einen umgebauten Hochbunker hatten wir uns ebenfalls auf unserer Nachmittagstour angeschaut, um sie abends zu diskutieren. Vielleicht das prägnanteste Element an dem Umbau von Raumstation Architekten: die Offenlegung der meterdicken Wände, in die die Architekten großzügige Fensterreihen geschnitten haben. So kommt nicht nur Licht ins Innere. So hat der Bewohner vor allem die Gelegenheit, quasi „in der Wand“ zu sitzen. Das Material entwickelt so eine ungemein schützende Atmosphäre – und das ist ja, auf welch tragische Weise auch immer, die Funktion eines Bunkers. Die Architekten machen also die Typologie selber räumlich erfahrbar.

So zahlreich wie die Facetten des Baustoffes Beton sind auch die Gesichter des metaphorischen Stoffes, um das sich die Diskussion am vergangenen Donnerstag drehte – des Materials Geschichte. Den klugen Umgang mit der Historie des Bunkers etwa lobte unser Gaststar Axel Hacke ausdrücklich. „Es ist nicht zu übersehen: Die Architekten haben sich ungemein viele Gedanken über den Ort und seine historischen Bezüge gemacht“, so der Schriftsteller. Wohnen wolle er in dem Bunker im Norden Schwabings dennoch nicht. Was auch die Frage aufwirft, ob ein solcher Umbau wirklich ein Vorbild sein kann für die vielen anderen Hochbunker in München, die Katharina Matzig in ihrer kurzen Einführung zu dem Projekt gezeigt hatte.

Die Dinge haben eben zwei Seiten. Auf sehr viel direktere Weise gilt dies auch für den Museumsbau Peter Böhms, der das Museumsquartier nach Süden hin reichlich demonstrativ begrenzt. „Die Fassadenlösung und die städtebauliche Geste zu den Pinakotheken hin ist natürlich grandios“, votierte Stephan Braunfels. Demgegenüber stifte die Rückseite des langgestreckten Riegels nur eines: Banalität.

Die Vermutung der zu großen Banalität herrscht bei einem Bau wie dem NS-Dokumentationszentrum, quasi dem Nachfolgerbau der im Krieg zerstörten NS-Parteizentrale, durch den hier extrem langen Schatten der Vorgeschichte zwangsläufig. Die Berliner Architekten setzen einen konsequent modernen Würfelbau aus weißem Sichtbeton dagegen. Durch die Vielzahl an Lamellenfenstern will dieser Sichtbeziehungen zum Außenraum ermöglichen. Dass das reizvoll sein kann, „kann man sich natürlich vorstellen“, so Jeanette Kunsmann. Definitives zur Wirkung von innen ließ sich nicht sagen, weil der Bauherr vor Eröffnung eine Kurzbesichtigung durch vier Kritiker nicht für realisierbar hielt. (Eine etwas eigentümliche Einstellung angesichts eines Gebäudes, das ja gerade Öffentlichkeit – für mehr Geschichtsbewusstsein – herzustellen soll.)

So stand die städtebauliche Geste des Gebäudes im Zentrum der Diskussion. Diese erschien Jeanette Kunsmann „fast etwas zu freundlich“. Stephan Braunfels hielt die Form für gelungen, störte sich aber an den schmal gegliederten Lamellenfenstern. Axel Hacke zitierte einen Magazinbericht, der den Bau mit den Bürowelten westlich entlang der Bahnstrecke im Stadtzentrum verglichen hatte. Zu eigen machen wollte der Kolumnist sich diese Fundamentalkritik aber nicht.

So blieb bis zum Schluss der Eindruck, dass es die eine architektonisch richtige Haltung zur Geschichte kaum geben kann. Es geht darum, sich an der Wahrnehmung des Vergangenen abzuarbeiten und dieses lebendig zu halten, aber dennoch zeitgemäße Antworten auf die Herausforderungen des Früheren zu formulieren. Wie pressierend diese sind – und zwar immer –lässt sich gut mit einem Zitat Walter Benjamins formulieren, das auch das Entrée zur abendlichen Geschichtsstunde im Museum für Ägyptische Kunst bildete. Benjamin schreibt, bezogen auf die von ihm etablierte Denkfigur des „Engels der Geschichte“:
„Ein Engel … der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. … Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. …Ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“