Hybride Moderne in Indien

In den 50er und 60er Jahren florierten in Indien zwei Dinge, die man so erst einmal nicht unter einen Hut bekommt: Modernismus in der Architektur und Bollywood. Beides war extrem wichtig für die indische Gesellschaft, die sich gerade aus den kolonialen Fesseln befreit hatte. Während die Architektur, genauer Köpfe wie Le Corbusier oder Louis Khan mit Bauten wie Chandigarh zeigten, dass die Tradition (in Indien damals nur ein weiterer Begriff für Unterdrückung) überflüssig ist, entwickelte sich das Kino zu einem der wichtigsten Medien der Gesellschaft – immerhin konnten große Teile der Bevölkerung weder lesen noch schreiben. Eine aktuelle Ausstellung widmet sich auf sehr ästhetische Weise dieser Medialisierung.

Erstmals entstanden also große Filmtheater in Indien, moderne Bollywood-Architekturen wie diese hier, mit unübersehbar westlichen Einflüssen. Aber auch lokale Baustile haben sich dazu gemischt: Bunte Farben, arabeske Ornamente und knuffige Statuen treffen auf die plastisch-geometrische Formsprache des Art Deco. Die südindischen Kinopaläste verbinden vieles – gerne auch Gegensätzliches – miteinander und lassen sich deshalb auch eigentlich nur unter dem Begriff der Hybridität zusammenfassen. Letzterer wurde übrigens vom indischen Literaturtheoretiker Homi Bhabha geprägt und beschreibt den sogenannten Dritten Raum, eine intermediäre Sphäre, die durch Aneignung und Durchmischung von lokalen und kolonialen Kulturmerkmalen entsteht, und substanziell für eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur sein soll.

Der Dritte Raum, die Theorie, die bei Bhabha noch etwas abstrakt klingt, ist in den Fotografien der beiden Künstlerinnen scharf zu sehen. Die plakativen Fassaden spiegeln die postkoloniale Gesellschaft Indiens in ihrer Vielschichtigkeit wieder. Die Hinwendung zum internationalen Stil bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf die heimische Kultur stehen sich hier nicht konträr gegenüber, sondern beflügeln sich gegenseitig. Auch im Inneren der Kinos lassen sich einzigartige Formatierungen finden. Da werden Ventilatoren schon mal zu rotierenden Dekorelementen oder kleinteilige Hindu-Ornamente generieren einen schummrigen Op-Art-Effekt.

Das Künstlerinnen-Duo Haubitz + Zoche zeigt seine Aufnahmen noch bis 15. November in der Münchner Galerie für zeitgenössische Kunst Nusser & Baumgart. Mehr im Baumeister 11/2014.