Architekturfakultät Tournai

Eingebettet in ein Konglomerat alter Gebäude liegt der Neubau der Architekturfakultät Tournai. Er setzt sich bewusst vom Bestand ab. Dennoch fügt er sich dort ein, schafft neue Verbindungen und zitiert die Kleinteiligkeit seines Umfeldes.

Die Fakultät für Architektur der Universität Leuven hat seit 2016 ein neues Gebäude. Es liegt inmitten der belgischen Stadt Tournai. Eingebettet in der Mitte einer Blockrandbebauung ist der Neubau umgeben von Strukturen verschiedener Epochen. Dazu gehören ein Kloster, Industriegebäude und ein Herrenhaus. So unterschiedlich die bestehenden Gebäude auch sind, der weiße Neubau sucht ihre Nähe, dockt an sie an und verbindet sie miteinander. Gleichzeitig setzt sich die Architekturfakultät Tournai deutlich von ihnen ab.

Die Schule und die Stadt Tournai

Inmitten der belgischen Stadt Tournai stellt die Architekturschule eine neue Attraktion dar. Noch heute stammt ein großer Teil der Studierenden aus Frankreich. Das geht auf die Wurzeln der Schule zurück. Sie lag früher in Paris und emigrierte später nach Belgien. Dort wurde die Ecole d‘architecture 2010 schließlich zur Fakultät der Katholischen Universität Leuven. Und diese Ausbildungsstätte sollte in die Mitte von Tournai ziehen. Das war schließlich ein Teil des Konzepts. Die Fakultät wurde bewusst in das Zentrum der Stadt verlegt, um der fortschreitenden Abwanderung entgegenzuwirken. Zunächst war angedacht unmittelbar neben einer mittelalterlichen Kathedrale zu bauen Doch dann wurde der Schule eine zentral gelegene Industriebrache zugesprochen. Die bot alte Industrierelikte, ein Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert und stellte die Architekten insgesamt vor Herausforderungen.

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Klares Konzept gewinnt den Wettbewerb

Im Jahr 2013 nahmen fünf Büros an einem Wettbewerb zur Neugestaltung der Architekturschule in Tournai teil. Der Bauplatz stellte sich als schwierig dar. Nur das französische Büro Lacaton & Vassal und die portugiesischen Architekten Manuel und Francisco Aires Mateus erarbeiteten überzeugende Lösungsansätze. Schließlich gewannen die jungen Portugiesen den Wettbewerb mit einem frappierend einfachen Konzept, mit Konsequenz und einer mutigen und radikalen Herangehensweise. Sie zeigten wenig Mitleid mit alten Nebengebäuden auf dem Areal, sondern ließen sie zugunsten einer zentralen Mittelachse abreißen. Damit schufen sie eine Verbindung quer durch den Block, die heute die Rue du Glategnies mit der Rue Haigne verbindet. Mit diesem Schritt schafften die Architekten auch Raum für einen Querriegel, der zwischen sich zwei alten Fabrikfassaden aufspannt. Dieser Riegel rahmt gleichzeitig einen Innenhof, der dem Hofareal einen Mittelpunkt gibt. 

 

 

Bestand und Neubau der Architekturfakultät Tournai

Die Bestandsgebäude auf beiden Seiten der neuen Mittelachse nehmen verschiedene Funktionen der Architekturschule auf. Folglich belegen die Bibliothek und das Medienarchiv die Erdgeschosse der alten Weber- und Spinnerei. In deren Obergeschossen haben Studierende zudem ihre Arbeitsplätze. Das alte Herrenhaus bietet der Verwaltung Raum und in anderen, jüngeren Gebäuden sind Seminarräume untergebracht. Einen Schlussstein für das Ensemble bildet ein Querriegel aus Beton, der sich über den westlichen Eingangsbereich spannt sowie ein Forum aufnimmt.

Während der Wettbewerb vorsah, den Eingangsbereich zum Hof wie Arkaden offen zu halten, schließt ihn heute eine feste Verglasung ab. Hinter dieser finden Entwurfskritiken, Aus­stellungen, Preisverleihungen und Feste statt, die entsprechend von innen und außen sichtbar sind. Vorlesungen, Konferenzen und Workshops hingegen finden im Audimax statt, für welches das leicht abfallende Gelände genutzt wurde. Es treppt entsprechend vom Hof großzügig zur Straßenseite ab. In den Kopfbauten des langgestreckten neuen Baukörpers liegen die Treppenhäuser. In dem einen windet sich eine doppelläufige Treppenspirale atemberaubend dem Licht entgegen. Das andere umschließt eine Treppe, die in streng parallel geführten Läufen nach oben führt. 

 

 

Leitidee des Entwurfs

Das Spannendste am Werk von Manuel und Francisco Aires Mateus ist, mit welcher Konsequenz sie ihre Entwurfsidee umsetzen. Wie geradlinig sie ihre weißen, kantigen Neubauten in das bestehende Gefüge einbinden, wie sie positive und negative Formen gegenüberstellen. Dadurch greifen sie etwas Charakteristisches der Stadt Tournai auf und interpretieren ihre Besonderheit neu. Sie kreieren komplette Räume, die dennoch durchlässig und miteinander verbunden sind. Sie schaffen neue Gebäudeformen, aus denen Ecken, Kanten und Öffnungen herausgeschnitten sind. Diese wirken wie Zitate der gewöhnlichen Häuser von Tournai. Zudem markieren und betonen diese Einschnitte Übergangssituationen: Haupt- und Nebeneingänge, Toreinfahrten, Loggien mit Terrassen und Oberlichter. Nur das Auditorium setzt bewusst einen Gegenpol. Es ist kompak, komplett und kommt ohne Aussparungen und Einschnitte aus.

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