Architektur und Trauma?

Heinz Emigholz setzte sich mit der Villa Cargnacco des italienischen Nationaldichters Gabriele d‘Annunzio filmisch auseinander. Die vom Dichter persönlich gestalteten Räume traumatisierten den Filmemacher. Vollgestopft mit Gegenständen, die für d‘Annunzio eine perfekte Kulisse für die dichterische Existenz liefern sollten, erlebte Emigholz sie während der Dreharbeiten als Alptraumszenario.

24. März 1997, ein Montag in Gardone am Gardasee. Wir filmen in den fünfzehn Räumen der 1921 von Gabriele d‘Annunzio bezogenen und bis zu seinem Tod 1938 bewohnten Villa Cargnacco. Sie ist Bestandteil des Vittoriale, eines musealen Themenparks zu Ehren d‘Annunzios, mit dessen Gestaltung und Ausstattung d‘Annunzio selbst zusammen mit seinem Leibarchitekten Giancarlo Maroni fast zwei Jahrzehnte lang befasst war.

Immer wieder hatte mich dieser Ort ob seiner schrillen Opulenz angezogen, aber nie zuvor hatte ich dort gefilmt. Dreharbeiten sind analytische Akte. Dinge und Sachverhalte werden in ihrem Verlauf durchschaut. Die von Gabriele d’Annunzio errichtete Welt besteht aus Projektionen, die ohne mitgelieferte Interpretationen ihr Dasein als Kulissen offenbarten.

Durch innenarchitektonische Maßnahmen versuchte er, die ideale Umgebung für einen Schriftsteller zu erschaffen. Die Konzentration des Schreibens sollte sich dabei in einer Sammlung von Büchern, Objekten, Kultgegenständen und Fetischen objektivieren. Wie kleine Schocks sollten diese Gegenstände den ständigen Fluss der Erinnerungen und die Aktualität von Kultur wachhalten. Diese Repräsentation des menschlichen Geistes ist dabei nicht als eine private gedacht, sondern steht für eine politische Offensive in die Welt der zu Erleuchtenden.

D’Annunzios Privatheit wird so zu einem politischen Raum und zum Propagandavehikel eines bestimmten Seins, das sich von einer politischen Machtsphäre ableitet – einer eindeutigen Interpretation des Wirklichen, die sich der Gewalt verdankt und darin übergeht. Die Kameraarbeit an diesem Ort führte zu Konsequenzen. Ich habe den Drehtag als Albtraum wahrgenommen und bin traumatisiert worden.

Die düsteren und verwinkelt vollgestopften Räume ermöglichten nur wenige Einstellungen mit unserer schweren 35mm-Filmkamera. Die Aufnahmen gelangen nur in den wenigen Ecken, in denen das Tageslicht den Set seiner Drogenhöhle durchdringen konnte. Ihr Inventar, der Staub auf den Schichten kulturellen Gerümpels und die mit Maschendraht versperrten Regale mit Tausenden von Büchern begannen mich anzuekeln. Am Abend stellten wir die Arbeiten ein und reisten ab, mein Projekt war gestorben.

Gardone, 24. Juni 2002, wieder ein Montag in der Villa Cargnacco. Ich hatte mein Trauma überwunden, und wir setzen zu einer kinematografischen Jam-Session an. Wir, das sind Irene von Alberti, Elfi Mikesch, Klaus Wyborny und ich, und wir haben in jeweils sehr spezifischen Kamerastilen die Räume der Villa und ihr Inventar mit unseren leichten, lichtempfindlichen Kameras zeitlich versetzt gleichzeitig dokumentiert. Aus der Fülle des so gewonnenen Materials wird der Film „D‘Annunzios Höhle“ entstehen.

„Unbehagen“– mehr über Heinz Emigholz filmischen Auseinandersetzung mit der Villa des italienischen Nationaldichters im Baumeister 2/2015.

Fotos: Giovanni Vanoglio, Augusto Rizza