Amsterdam, Hotel Amrath

Ein altes Kontorhaus im Stil der „Amsterdamer Schule“ wurde vor einigen Jahren renoviert und als Hotel Amrath eröffnet. Auch wenn uns seine Ausstattung heute ein wenig überladen und düster erscheint, erzählt das Haus doch viel über Lebensstil und Fernweh der Reeder zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende.

Wer mit der Bahn anreist, wird sich wahrscheinlich über die nicht enden wollenden Bauarbeiten am Amsterdamer Hauptbahnhof ärgern. Doch alle Beschwerlichkeiten sind schnell vergessen, nimmt man die Centraal Station einmal genauer in Augenschein: Pierre Cuypers hat sie 1889 an den Ufern des Ij errichtet. Ihr prächtiger Historismus mag zwar nicht jedermanns Sache sein, aber der Bahnhof und das kürzlich eröffnete Rijksmuseum gehören nun einmal zum kulturellen Sanktuarium der Niederlande. Das gilt ebenso für das „Scheepvaarthuis“ ganz in der Nähe des Bahnhofs, in das sich seit 2007 das Hotel Amrâth eingenistet hat.

Das Schifffahrtsgebäude direkt am Hafen wurde 1916 eingeweiht und wies damals einen gänzlich neuen Stil auf: Johan Melchior van der Mey, Michel de Klerk und Pieter Lodewijk Kramer schufen das erste Gebäude im Amsterdamer Expressionismus, der so genannten „Amsterdamer Schule“. Der Bau sollte den Reichtum der sechs Reedereien bezeugen, die als Bauherren auftraten: verschiedene Klinkertypen, Naturstein, Terrakotta und Marmor, auf jeder Etage tropische Hölzer wie Mahagoni und Makassar-Ebenholz. Der Wohlstand, den die Reeder in den südostasiatischen Kolonien erlangt haben, wird nicht nur beim Gang durch die neue Sammlung des Rijksmuseums offenkundig, sondern auch hier.

Das ehemalige Verwaltungsgebäude stand über dreißig Jahre lang leer und ist nun wieder als Gesamtkunstwerk zu bewundern: Gleich im Eingangsbereich, der im spitzen Winkel des dreieckigen Grundrisses liegt, steht dem Hotelgast noch immer die gleiche Pracht vor Augen, die vor hundert Jahren Bildhauer und Glasmaler, Kunstschmiede und Textilkünstler schufen. Trotz der beengten und kleinteiligen Räume und Gänge, die sich heute kein Luxushotel mehr leisten kann, besticht das gesamte Haus durch seine edlen Materialien wie Marmor, exotische Hölzer, wertvolle Schmiedearbeiten und schöne Bleiverglasungen. Leider darf man den alten Paternoster nicht mehr benutzen – er wird wie ein Museumsschatz streng gehütet.

Natürlich war das Hotel auf einen eigenen Stil bedacht, als es niederländische Künstler engagierte, um dem Bestand einige zeittypische Farbtupfer hinzuzufügen. Christie van der Haak wählte Textilien, die gut zum expressionistischen Stil der Architekten und der Orient-Sehnsucht der Bauherren passen. Man kann sich immer noch gut vorstellen, wie sie unter den wuchtigen Deckenlampen der Kontorräume ihrer täglichen Arbeit nachgingen, draußen vor den Fenstern die Handelsschiffe vor Anker. Mir gefiel es dagegen, des Morgens das hauseigene Schwimmbad, Dampfbad, den Whirlpool und die Sauna aufzusuchen und dabei jede Pflicht zu vergessen. Wie in den Gewässern der pazifischen Paradiese. Davon träumten ja auch die Reeder, als sie im kühl-regnerischen Amsterdam die Blicke hinaus über den Hafen schweifen ließen.

Adresse

Grand Hotel Amrâth
Prins Hendrikkade 108
1011 AK Amsterdam
Niederlande
www.amrathamsterdam.com

Fotos: Grandhotel Amrath