Amsterdam, Conservatorium Hotel

Ich bin nicht allein, während ich dies schreibe. Was bemerkenswert ist, denn ich habe definitiv ein Einzelzimmer im Amsterdamer Conservatorium Hotel gebucht.

Aber wenige Meter von mir versieht eine Reinigungsfachkraft ihr fraglos wichtiges Werk – und blickt mir recht unverwandt ins Hotelzimmer. Ich glaube sogar, sie zwinkert mir zu. Nebenbei reinigt sie den Konferenztrakt, der dem gut 100 Jahre alten Gebäude im Zuge des Umbaus von einem Musik-Konservatorium zum Hotel neu hinzugefügt wurde. Dieser dunkle, massive Stahl-Glas-Block lässt die Räume in den oberen Etagen, denen gegenüber er sich positioniert, reichlich eng wirken. Auch der Versuch, aus früheren Büro- oder Übungsräumen (schmal, aber hoch) zweigeschossige Suiten zu machen, ging nicht ganz ohne räumliche Beklemmungseffekte vonstatten.

Allerdings: ein Stück weit scheint das Programm gewesen zu sein. Der italienische Innenarchitekt Piero Lissoni, der den Umbau des Gebäudes in Amsterdams Museumsviertel verantwortete, erklärt jedenfalls: „Das Gebäude hat etwas von Draculas Schloss. Die Atmosphäre ist recht düster. Ich wollte diese Dunkelheit respektieren. Allerdings habe ich das Interieur komplett und kompromisslos modern gestaltet.“

Das hat er. Kernstück seiner Neugestaltung ist der per Glasdach neu geschaffene, sechs Stockwerke überspannende Lichthof, der als Lobby dient. Dessen Wirkung ist fulminant. Und die Kontrastierung von ehedem rauen Stein mit der neuen Rauheit von schwarzen Stahl- und Lackelementen im Bereich der Brasserie im Erdgeschoss entfaltet definitiv urbanen Charme. Zumindest nachts erweckt sie gar Assoziationen an Filme wie Fifth Element oder Blade Runner. Das darf man durchaus als Adelung verstehen.

Die Glasüberdachung macht aus Außenwänden Innenräume. Das stellt in dieser Stadt, deren Fassaden oft so ungeheuer pittoresk wirken, einen konsequenten weiteren Schritt dar: die Fassade als Interior-Gestaltung. Endlich einmal kann man Backstein staubfrei anfassen.

Der Backstein wirkt in seiner neuen und trockenen Sauberkeit geradezu harmlos gegen die düsteren Stahlelemente. Das Dunkle ist hier das Neue. Vielleicht spielt Vissoni hier sogar (unbewusst?) auf die Zerrissenheit des Calvinistischen an, auf die Parallelpräsenz aus entspannter Nüchternheit und kargem Arbeitsethos.

Man möchte den Architekten des Originalgebäudes befragen, was er von Vissonis Interpretation hält. Allerdings verstarb Daniel Knuttel bereits im Jahr 1926.

Adresse

Conservatorium Hotel
Van Baerlestraat 1071
Amsterdam 1071
Niederlande
www.conservatoriumhotel.com

Fotos: Amit Geron