Geoffrey Bawa (1919–2003)

„Es liegt in der Familie“ heißt das grandios-komische Buch des Bestsellerautors holländisch-tamilisch-singhalesischer Abstammung Michael Ondaatje, in dem er das exzentrische Leben der ceylonesischen Upperclass beschreibt. Auch die Bawas gehörten dazu: Benjamin Bawa reüssierte als Anwalt, seine Frau kümmerte sich um das angemessene gesellschaftli- che Leben. 1909 kam Sohn Bevis auf die Welt, er wurde Gartenarchitekt, Künstler, Adjutant und lebte in „Brief Garden“ im Südwesten Sri Lankas, einer ehemaligen Kautschukplantage voller homoerotischer Kunst mit einem staunenswert modernen, räumlich und baulich offenen Haus inmitten eines fantastischen Gartens. König Edward VIII. kam ebenso gern zu Besuch wie der Künstler Donald Friend und der Schauspieler Laurence Olivier mit seiner Frau Vivien Leigh. Fotos von den feucht-fröhlichen Festen hängen im Flur gegenüber der Galerie der Lieblingsautos, darunter ein Rolls-Royce Phantom I, ein Austin 8 und ein Humber.

Ein Bild von Bevis’ Bruder Geoffrey fehlt, „sie haben sich nicht gemocht“, bestätigt der ehemalige Chefgärtner und jetzige Besitzer von Brief Garden, Dooland de Silva. Doch es liegt in der Familie: Es war Bevis Bawas architektonische und landschaftsplanerische Gestaltung, die den zehn Jahre jüngeren Geoffrey dazu inspirierte, sich professionell mit dem Planen und Bauen zu beschäftigen. Er hängte seinen Beruf als Anwalt an den Nagel, ging zum Architekturstudium nach London, wo er vor allem durch exzentrische Kleidung und teure Autos auffiel, kam zurück, kaufte die Plantage „Lunuganga“, etwa 15 Kilometer von Brief Garden entfernt, und wurde Sri Lankas bedeutendster Architekt. 2001 hat man ihm den Aga Khan Chairman’s Award for Architecture für das Lebenswerk verliehen und 2004 mit einer Retrospektive im Deutschen Architekturmuseum geehrt.

Eine Büste erinnert an den Pionier des ortsgemäßen und ökologischen Bauens – sie steht in Geoffrey Bawas ehemaligem Büro in der Alfred House Road Nummer 2 in Colombo. Noch zu seinen Lebzeiten, 1998, als „Gallery Café“ eröffnet, lockt es seither die srilankische Jeunesse dorée und Architekturtouristen aus aller Welt in das großzügige Hofhaus. Auf dem gewaltigen Betonschreibtisch entstanden Skizzen und Pläne für über 90 Projekte, davon mehr als 30 Hotelanlagen, von denen 13 in Sri Lanka realisiert wurden. Heute gehören sie zur Deko des Restaurants.

 

Hotels und ein Parlament

Viele Bawa-Bauten wurden inzwischen umgebaut, verändert, doch einige Hotels sind sich der Attraktivität, die sie ihrer Architektur verdanken, bewusst: etwa das 1992 fertiggestellte Kandalama-Hotel, mitten im Dschungel von Dambulla, das an die Klippen geschmiegte Lighthouse-Hotel in Galle oder das Blue-Water-Hotel in der Nähe der Hauptstadt. Auch der zum Gangarama-Tempel gehörende buddhistische Versammlungssaal im Beira-See in Colombo ist gut und mehr oder weniger original erhalten. Und noch immer kommt das Parlament des Inselstaats in den Regierungsbauten aus den 1980er-Jahren in Kotte zusammen.

Die touristische Entwicklung der Insel sah der Architekt bereits in den 1960er-Jahren voraus und entwarf den Masterplan für „Bentota Tourist Village“: Billigflüge nach Sri Lanka gab es damals natürlich noch nicht, so ging Bawa davon aus, dass Touristen mit dem Schiff nach Colombo und dann in eineinhalb Stunden mit dem Zug an den Strand von Bentota reisen. Von fünf geplanten Hotels baute er zwei. Zudem den Bahnhof, der über eine Fußgängerbrücke mit dem Strand verbunden war, die Polizeistation, ein Bank- und Postgebäude, Arkaden mit Läden; die meisten Bauten davon gibt es heute noch. Konzentration auf einen Ort, an dem für jeden Geschmack und zu jeder Zeit etwas geboten ist, dieses Konzept erschien ihm richtig. Und fragt man Bawas langjährigen Mitarbeiter Channa Daswatte, der unweit von Bentota nach Bawas Plänen im letzten Jahr posthum das Hotel Anantara Kalutara fertiggestellt hat, dann hätte die Einhaltung und Weiterentwicklung des Masterplans die endlosen unattraktiven Bandsiedlungen, die sich heute entlang der Straßen durch das Land ziehen, verhindern können. „Look back to look forward“ – in diesem Punkt waren sich die beiden immer einig.

Geoffrey Bawa wuchs im kolonialen Ceylon auf und starb im unabhängigen Sri Lanka. Zeit seines Lebens liebte der Halbeuropäer-Halbasiate das Reisen. Doch er wusste um die Schätze seiner Heimat: Landschaft, Kultur, Tradition. Den International Style hatte er studiert. Doch es erschien ihm unsinnig, in Colombo so zu bauen wie in Chicago, denn Flachdächer sind nun einmal keine Lösung bei Monsunregen. Sowohl nachhaltig als auch regional plante Bawa – er entwickelte und prägte so den „Tropical Modernism“.

 

Vermächtnis Lunuganga

Nirgendwo ist diese kluge und weitsichtige Haltung intensiver zu erleben als in Lunuganga. Insgesamt zwölf Gebäude verteilen sich auf dem acht Hektar großen Gelände: Eines beherbergt eine Galerie mit wechselnden Ausstellungen, sechs geräumige Zimmer werden als Gästezimmer vermietet und finanzieren den Erhalt der ehemaligen Plantage, die heute dem Geoffrey-Bawa-Trust gehört und im Gegensatz zu Brief Garden nur im Rahmen einer Führung erkundet werden kann. (…)

Das komplette Porträt des Architekten Goeffrey Bawa finden Sie in der Juli-Ausgabe des Baumeister B07/18.