Zurück zur Privatsphäre

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Anlässlich der Orgatec 2014 in Köln sprach unser Redakteur Peter Gahr mit Stephan Derr, Vorstandsmitglied der Steelcase Werndl AG. Thema war die aktuell von Steelcase in Auftrag gegebene Studie zum Thema „Wohlbefinden am Arbeitsplatz“.

Baumeister: Zu Beginn eine einfache These: Architekten die Häuser bauen – ohne im Kontext zu denken – sind schlechte Architekten. Gleiches gilt für „Büromöbelhersteller“, die sich ausschließlich auf das Möbel konzentrieren?
Stephan Derr: Absolut. Wir müssen als erstes an die Bedürfnisse unserer Kunden denken und daran, wie Menschen im Büro arbeiten. Wie verhalten sie sich bei der Arbeit? Was brauchen sie? Erst dann entwickeln wir unsere Möbel. Ergonomie, gute Bedienbarkeit, Funktionalität und gutes Design sind Basis. Büros sind soziale Schmelztiegel. Wenn wir also über Funktion sprechen, dann sprechen wir zunehmend auch über soziale Anforderungen. Ein Besprechungstisch buckelt sich nicht nur für den Notizblock, sondern er kann Menschen zusammenführen, Hierarchien erzeugen, zum Gespräch einladen oder eben das Gegenteil bewirken.

B: Es geht also – salopp ausgedrückt – um das Prinzip eines Turboladers. Intelligente Produkte können katalysieren?
S D: Genau das wollen wir. Der Mensch ist geduldig und arbeitet auch in einem schlecht ausgestatteten Büro. Wir jedoch wollen eine Bürokultur verwirklichen, in der die Mitarbeiter zufrieden und hoch motiviert sind, also engagiert arbeiten – nicht weil sie vom Arbeitgeber angetrieben werden, sondern weil sie ein optimales Umfeld für ihre Arbeit vorfinden. Wir wissen, dass Raum den Unterschied machen kann. Aktuell haben wir hierzu eine breitangelegte Internationale Studie durchgeführt, zusammen mit dem Marktforschungsinstitut IPSOS. Thema war „Wohlbefinden am Arbeitsplatz“ und die Ergebnisse bestätigten unsere in den letzten Jahren gewonnen Erfahrungen.

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E-Mails können auch bequem vom Sofa aus bearbeitet werden – mit einer guten Tasse Kaffee.

 

B: Vermutlich auch Erfahrungen mit der Umsetzung von Großraumstrukturen?
S D: Ja, natürlich. Und: Wir sind mehr denn je vom Prinzip eines Großraumbüros überzeugt – gleiches gilt auch für das Einzelbüro. In den letzten Jahren stand die Kommunikation, die Teamarbeit im Vordergrund und die einfache Formel war: mehr offene, weniger geschlossene Büroflächen. Mit „mehr“ und „weniger“ haben wir schon die wichtigste Aussage getroffen: Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Es gibt keine Einheitslösung, die für jeden jederzeit passend ist. Dies mag vielleicht für die Buchhaltung gelten, wo noch viel Papier verwendet wird, ansonsten aber gleitet der Mitarbeiter nahtlos zwischen unterschiedlichen Zonen hin und her. Wir sprechen von einem Ökosystem mit unterschiedlichen offenen, abgeschirmten oder geschlossenen Räumen, wo der Mitarbeiter die Wahl hat, selbst zu entscheiden, wie er arbeiten möchte. Der Schlüssel ist die richtige Balance zwischen kollektiven Arbeitsplätzen und stillen Kämmerlein, Mitarbeiter sollten die Chance haben, einen Arbeitsplatz zu wählen, der ihren momentanen individuellen Bedürfnissen am besten entspricht. Das trägt dem Wohlbefinden und der Motivation der Mitarbeiter sowie dem wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen Rechnung.

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Im Großraum und dennoch zurückgezogen

 

B: Eine Ökolandschaft, die durch die Möbel gestaltet wird?
S D: Genau so. Denn das Bedürfnis der Mitarbeiter nach Austausch und Kooperation mit anderen oder den verschiedenen Formen von Privatsphäre schwankt im Laufe eines Arbeitstages – je nachdem, ob Routineaufgaben anstehen oder eine Arbeit, bei der man sich stark konzentrieren muss. Mit einer entsprechenden Möblierung wird diese unterstützt, teils gefördert. Nehmen Sie unseren Stuhl „Gesture“. Mit ihm haben wir einen Bürostuhl im Programm mit dem Sie regelrecht kommunizieren können. Sie können sich gerade und schräg reinsetzen, aufrecht sitzen, sich hineinlümmeln – vermutlich sogar schlafen. Sie haben einen persönlichen Mikrokosmus und bestimmen den Grad der Interaktion mit ihren Mitarbeitern allein schon durch die Haltung. Im Extremfall: 180 Grad gedreht – und die Botschaft lautet Sendepause. Eine Raumgestaltung mit entsprechender Möblierung steuert Interaktion, beeinflusst die visuelle Wahrnehmung, gestaltet die Akustik oder definiert Territorien.

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Der Bürostuhl als Mikrokosmos

 

B: Und mit Territorium sind wir wieder bei der Architektur angelangt?
S D: Absolut. Letztendlich geht es immer um Räume, um Architektur im weitesten Sinne. Eine Glastrennwand erfüllt eine ähnliche Funktion wie ein Regalsystem oder ein Materialwechsel im Bodenbelag. Wir haben die faszinierende Möglichkeit Wände in ihrer Materialität aufzulösen und dennoch Räume zu gestalten. Glasboxen, allseitig und auch oben geschlossen, sind eine praktikable Lösung. Doch zu einem lockeren Kreis aufgestellte Besprechungssofas, mit akustisch wirksamen Rückenschildern, leisten ähnliches. Sie formen einen nicht visuell wahrnehmbaren Raum, bieten die Möglichkeit zu entschwinden, ohne jedoch den Raum physisch zu verlassen. Und um dieses Feintuning geht es. Der Mitarbeiter muss die Möglichkeit haben den Grad der Interaktion selbst zu bestimmen, von der Enklave bis hin zum Großraumbüro.

B: Womit wir wieder beim Tuning und der Ökolandschaft angekommen sind. Herr Derr, ich danke für das Gespräch.