Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen!

Die Ausstellung „Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen! Wohnungsbau in Bayern 1918|2018“ eröffnet am 14. März um 19 Uhr im Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne. Wir sprachen vorab mit der Kuratorin Hilde Strobl.

Baumeister: Warum eine Ausstellung zum Wohnungsbau im Bayern?

Hilde Strobl: Verfolgt man gegenwärtige Debatten und Diskussionen, sind Themen wie die Schaffung von Wohnungen und der Wohnungsbau als Bauaufgabe heute so aktuell wie vor hundert Jahren. Anlass ist das 100-jährige Jubiläum des Freistaats Bayern. Die Ausstellung geht auf eine Initiative der Obersten Baubehörde zurück und wurde im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums des Innern, für Bau und Verkehr organisiert. Dadurch waren sowohl der zeitlich weite Rahmen für einen Überblick über hundert Jahre gesteckt, als auch das räumliche Betrachtungsfeld definiert. Dabei ist die Geschichte des Wohnungsbaus immer auch im bundesweiten und internationalen Kontext zu sehen, wenn man sie allgemein als Spiegel der Lebensform, der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen versteht. Geschichte wiederholt sich nicht, aber Faktoren wie Wohnungsnöte und hohe Mieten, sowie der Bedarf an Wohnungen und an staatlichen Förderungen. Die katastophale Wohnsituation nach dem Ersten Weltkrieg machte deutlich, dass der freie Markt die Wohnungsfrage nicht regulieren wird, und die Politik sah sich in der Verantwortung: Das Recht auf eine „gesunde Wohnung“ wurde in der Weimarer Reichsverfassung verankert. Damit war der Grundstein für eine soziale Wohnungspolitik gelegt. Das heißt, dass die Zeitspanne von hundert Jahren gerade im Hinblick auf den sozialen Wohnungsbau besonders relevant ist.

B: Die Ausstellung befasst sich mit Projekten aus sehr unterschiedlichen Epochen – von der Weimarer Republik bis heute. Wie haben Sie diese Menge Material organisiert? Ist die Ausstellung chronologisch aufgebaut?

HS: Zum einen wird die Geschichte des Wohnungsbaus chronologisch erzählt – mit dem Fokus auf Umbrüchen durch historische Ereignisse, politische Umorientierungen, bautechnische Veränderungen oder inhaltliche Ausrichtungen wie zum Beispiel ökologische Aspekte oder neue Wohnformen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Bauen für eine breite Bevölkerungsschicht und der Frage nach den Ergebnissen der jeweiligen politischen Maßnahmen. Es geht nicht um die Luxusvilla der Supereichen! Zum anderen verfolgt die Ausstellung Hintergrundthemen des Wohnens wie die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur und der Haushalte im Laufe der hundert Jahre, die Rolle des Gartens oder der technischen Ausstattung beim Wohnen oder die Geschichte des sozialen und geförderten Wohnungsbaus.

 

B: Liegt der Fokus der Ausstellung auf der Architektur der einzelnen Gebäude und Ensembles oder eher auf den städtebaulichen Aspekten?

HS: Natürlich geht es um architektonische Aspekte des Bauens, es geht zum Beispiel um die Kleinwohnung als Reaktion auf die Wohnungsfrage in der Weimarer Republik – und eine daran anknüpfende Diskussion in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Gezeigt werden Wohnungsgrundrisse im Vergleich, aber auch Beispiele einer Neuorganisation des Wohnens in den Vorstädten, vor allem während der 1960er- und 1970er-Jahre. Die Neuerstellung von Wohnraum ist immer mit städtebaulichen Aspekten verknüpft.

 

B: Historisch spiegelten die unterschiedlichen Raumkonzepte und architektonischen Lösungen die jeweiligen Lebensverhältnisse der Zeit wider. Hat sich das Wohnen in Bayern im Laufe der Zeit viel geändert?

HS: Natürlich haben sich die Ansprüche des Wohnens verändert und damit auch die Größen und die Organisation der Wohnungen, aber auch die jeweiligen Ausstattungen. Gerade in den 1950er-Jahren war es eine zentrale Aufgabe Wohnraum mit einer zentralen Heizungsversorgung und mit zeitgemäß ausgestatteten Küchen für Familien mit geringen Einkommen zu schaffen, oder in den 1970er- Jahren die Zentren der Altstädte wiederzubeleben, indem die Modernisierung des Altbestands gefördert und damit angekurbelt wurde. Damit wurden Rahmenbedingungen geschaffen, die nicht nur beeinflussten wie, sondern auch wo zu wohnen attraktiv ist. Die Anforderungen an das Wohnen heute konzentrieren sich eher auf ein Leben in belebten Stadtquartieren mit ausreichender Infrastruktur, auf eine Integration verschiedener Generationen und auf inklusive Angebote.

 

B: Werden in der Ausstellung nur positive Fallbeispiele gezeigt oder auch gescheiterte oder problematische Wohnprojekte?

HS: Mehrgeschossige, einfache Zeilenbauten der Nachkriegszeit oder die Großsiedlungen an den Stadträndern wie Neuperlach oder Nürnberg-Langwasser sind Ergebnisse der Wohnungsnachfrage und der Anforderungen ihrer Zeit. Wie diese damals diskutiert wurden und deren aktuelle Position wird anhand von einzelnen Beispielen thematisiert.

 

B: Was wollen Sie den Besuchern nahebringen?

HS: In erster Linie ist es ein Anliegen der Ausstellung, Lösungen und bauliche Ergebnisse der Geschichte und der Gegenwart darzustellen. Natürlich immer nur im Ausschnitt. Dazu gehören als politische Maßnahmen Modelle wie etwa die Hauszinssteuer auf den Besitz von Eigentum bis zu sogenannten Siedlerstellen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Diese verschafften den Erwerbslosen Arbeit durch den Bau von Wohnungen. Oder eine eigene Regelung der Steuerentlastung für gemeinnützige Wohnungsunternehmen, die in den 1980er-Jahren abgeschafft wurde. Wir wollen Ansätze der Förderung des Wohnungsbaus zeigen – und damit die Diskussion anregen.