06.09.2019

Event

Wie man die Moderne modernisiert

von Inge Pett

Berlin feiert vom 31. August bis 8. September mit der bauhauswoche berlin das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum. Foto: von rechts nach links: Weimar

Berlin feiert noch bis 8. September mit der bauhauswoche berlin das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum. Ausgangspunkt des stadtweiten Festivals ist das bauhaus reuse, ein gläserner Pavillon aus wiederverwendeten Fensterelementen des Bauhausgebäudes in Dessau, auf der Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes – seit kurzem als Stadtlabor betrieben. Unter der Überschrift „bauhaus – praxis – gegenwart“ beleuchtet hier eine Vortragsreihe architektonische, künstlerische und kreative Aspekte der Kunst- und Designschule. Architekt Winfried Brenne sprach über die Sanierung des Bauhauses  (2. September, 19 Uhr). 

Kann man die Moderne modernisieren? In den hundert Jahren seines Bestehens war das Bauhaus vielen Witterungen ausgesetzt, ideologischen, klimatischen oder auch modischen. Sie alle haben den Ikonen des Bauhauses erheblich zugesetzt. Kaum jemand weiß darüber so gut Bescheid wie Architekt Winfried Brenne. Anlässlich der Bauhauswoche in Berlin referierte der Experte am 2. September unter anderem über die Restaurierung des Bauhaus Dessau, der baudenkmal bundesschule bernau sowie der Dessauer Meisterhäuser Für seine Präsentation hätte Brenne sich keinen besseren Genius Loci wünschen können: Ein gläserner Pavillon auf der weiten, kreisrunden Mittelinsel des Berliner Ernst-Reuter-Platzes, errichtet aus Fensterelementen, die bei der denkmalgerechten Sanierung und Modernisierung des Bauhaus Dessau ausgemustert wurden – bauhaus reuse.

Die Nationalsozialisten hatten das von Walter Gropius 1925–26 erbaute Gebäude 1932 geschlossen und als Schulgebäude der NSDAP genutzt; nach dem Krieg diente es als Berufsschule. Beauftragt mit einer energetischen Sanierung, hatte Brenne das Fensterkonstrukt aus DDR-Zeiten im Jahr 2011 ersetzen lassen. „Unser Konflikt war es, dem ursprünglichen Geist möglichst nahe zu kommen, dabei aber auch die Spielräume für eine langfristige Nutzung zu ertasten“, erklärte der Architekt. All dies vor dem Hintergrund klarer Vorgaben durch den Denkmalschutz – der Gebäudekomplex ist in der Welterbeliste der UNESCO verzeichnet – und durch ein strikt determiniertes Budget.

Nach einer sorgfältiger Marktrecherche hat Brenne Architekten schließlich eine Lösung für die Fensterfront gefunden, die allen Interessen gerecht wurde. Brenne ließ die Fensterelemente an Nordflügel, Brücke, Wohnateliers und Werkstattflügel – anstelle der ursprünglichen Stahlprofile –unter Verwendung verstärkter Aluminiumprofile nachbauen. Diese Maßnahme in Verbindung mit einem photovoltaikischen Dach als „fünfte Fassade“ und gut abgedichteten Türen habe sich ausgezahlt. Die erfreuliche Bilanz: Eine Energieersparnis von immerhin 72 Prozent.

Ebenso wie in Dessau brauchte es auch bei der baudenkmal bundesschule bernau einer methodischen Herangehensweise unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse und des historischen Kontextes. Der Schul- und Internatsbau mit Turnhalle und Lehrerhäusern war 1928-30 unter Leitung des zweiten Bauhaus-Direktors Hannes Meyer realisiert worden. Brennes erster Eindruck des vorgefundenen Zustand war so ernüchternd, dass er sich fragte: „Wo ist eigentlich das Gebäude?“ Die bauzeitliche Bildsprache, die auf die pädagogischen Theorien Pestalozzis referenzierte, sei angesichts von Jahrzehnten der „Überformung und Überforderung“ des Gebäudes kaum noch zu erahnen gewesen. „Wir mussten uns dem Gebäude behutsam nähern, um die Qualität erkennen zu können.“

Dabei entdeckte sein Team erstaunliche Details: So befanden sich auf dem Dach noch originale Kupferbleche, die im Laufe der Zeit immer wieder neu überteert worden waren. Es gelang, die Fassaden wieder freizulegen, so dass Beton, Ziegel und sogar Mörtel weitgehend original erhalten blieben. Die zentrale Frage während der Restaurierung sei immer gewesen: „Was wollen wir mit dem Gebäude erreichen?“. Sollte die zukünftige Nutzung im Vordergrund stehen oder der Charakter des Baudenkmals? Und wo waren gegebenenfalls pragmatische Kompromisse zu schließen?

Heute hat die Schule, befreit von den Um- und Anbauten aus DDR-Zeiten, wieder ihre ursprüngliche Gestalt: Die Turnhalle verbindet sich durch ihre lichte Front mit der Gartenanlage und die Glasbausteindecke der Aula, in der Bauhäusler in den 1920iger-Jahren rauschende Feste feierten, ist rekonstruiert. Lediglich die energetischen Probleme des Gebäudekomplexes konnten nicht alle gelöst werden.

Bauzeitliche Architektur und heutige Bauvorschriften vertragen sich nicht immer. Umso mehr ist Kreativität gefragt. In dem Gebäudeteil mit den Wohn-„Zellen“, in denen einst die Bauhausschüler untergebracht waren, zum Beispiel sieht der Brandschutz eine zweite Fluchttür vor. Alle Varianten, sie nachträglich einzubauen, erwiesen sich allerdings als eine nicht vertretbare Beschädigung von Konzept und Ästhetik. Für das Dilemma der Rettungswege im Brandfall fand der Architekt eine denkbar einfache Lösung. Sie befindet sich nun neben jedem Fenster: ein Hammer.

Die bauhauswoche berlin ist Teil der bundesweiten Aktivitäten unter dem Dach von 100 jahre bauhaus und nähert sich gemeinsam mit zahlreichen Berliner Kulturinstitutionen, Museen und Projekten unter der Überschrift 100 jahre bauhaus in berlin dem Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven.

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