01.12.2014

Gewerbe

Wie in der Oper

von Eike Becker

Die Rennaissance der Innenstädte ist zu einem guten Teil auch der Erfolg der damit befassten öffentlichen Institutionen. Heute regieren politisch und architektonisch versierte Stadtbauräte. Sie sind die Supermen und Wonderwomen der Immobilienbranche und stehen ganz oben auf der Kommandobrücke. Über Wettbewerbe und Bebauungspläne mit städtebaulichen Verträgen sorgen sie dafür, dass kein Bauherr mehr machen kann, was nur er will.

Auch die Architektenkammern fordern Wettbewerbe. Die Gründe sind nachvollziehbar und vielfach wiederholt worden:

Qualitätssicherung! Gerechteres Vergabesystem! Keine Mauscheleien! Junge Büros beteiligen! Etc.

Vor allem führen sie durch eine Machtverschiebung vom Bauherrn zur Stadt zurück zu einer städtischen Kontrolle über das Baugeschehen. Wettbewerbe sind also sinnvoll und richtig. Aber für die Architekten sind sie oftmals ein respektloser und wirtschaftlich gefährlicher Weg.

Bis zu 50 Prozent der Leistungen eines Architekturbüros werden nicht bezahlt. Manche nennen das Akquisition oder Reise nach Jerusalem, andere Wettbewerb. Die Architektenberufsverbände betreiben eine Politik zu Lasten und auf Kosten des eigenen Berufsstandes. Weltweit offene, unbezahlte Wettbewerbe zu fordern erscheint praxisfern und führt zu einer Verarmung und Entprofessionalisierung des eigenen Berufsstandes. Denn es sind die Architekten, die einen grossen Teil ihrer Arbeitskraft, Lebensenergie und Finanzen mit unglaublichem Idealismus in diese Art von teurer Lotterie stecken. Das alles geschieht unter unsinnig hohem Einsatz der Architekten und zu einem gigantischen Preis!

Das in Deutschland praktizierte Wettbewerbswesen ist ineffizient, nicht nachhaltig und brutal teuer für die Architekturbüros.

Die Last wird immer grösser, denn die Anforderungen sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Der Aufwand für den Erhalt und die Entwicklung unserer Innenstädte kann nicht mehr allein von den Architekten getragen werden. Deutschland ist stolz auf seine Wettbewerbskultur. Doch diese ist durch die Entwicklungen der letzten Jahre zu einer Ausbeutungskultur mutiert. Wie bei Deutschland sucht den Superstar, nur dass hier die Kandidaten die Sendung bezahlen.

Rein objektiv beste Lösungen gibt es in der Regel für eine Aufgabe nicht. Je nach Vorliebe des Baudezernenten schlägt das Pendel ziemlich unvorhersagbar für die Teilnehmer in die eine oder andere Richtung aus.

Macht wird ausgeübt durch Rollenzuschreibungen. Es geht zu wie in der Oper. Die Architekten werden zu Bittstellern, die in der Regel geköpft werden, aus Bauherren werden Ping, Pang und Pong, die bei Hofe zu Wohlstand und Baurecht gelangen, die Juroren freuen sich, dass sie überhaupt im Chor mitsingen dürfen und die Baudezernenten entscheiden wie Prinzessin Turandot.

Ziemlich anachronistisch, denn wir leben nicht mehr im Feudalismus. Heraus kommt bei alledem viel zu häufig rundherum abgestimmter Durchschnitt und passender Konsens. Im Ergebnis geht es um die Vermeidung von Ausreissern nach oben und unten.

Der Zeitaufwand für die Beteiligten pro Wettbewerb ist sehr unterschiedlich verteilt:

Baudezernent: 1 Tag.
Jury: zusammen 14 Tage
Bauherr: 1 Monat.
Architekten: jeder 3 Mannmonate, zusammen bei 10 Teilnehmern 2 1/2 Jahre.

Ein gewaltiger Hebel, eine gewaltige Leistung, die zu 90 Prozent gemacht wird, um aussortiert zu werden! Das ist eine völlig inakzeptable Situation!

Wie könnte es besser laufen?

1.Ganz oben auf der Liste: Die sogenannten Wettbewerbe sollten nicht weiter als Akquisition der Architekten diskreditiert werden, sondern müssen als urheberrechtlich geschützte Gutachten für sich auskömmlich bezahlt werden. Bei der Bemessung der Honorare sollten auch keine Studentenstundensätze zugrunde gelegt werden, sondern die von korrekt bezahlten Architekten in professionellen Büros.

2. Weiter sollten die geforderten Leistungen kritisch überprüft und radikal eingeschränkt werden. Denn wer braucht zusätzlich lauter Tiefgaragenlösungen, wenn es eigentlich um die Fassade geht.

Mir geht es dabei um Fairness unter den Planungspartnern. Die Gewichte sind deutlich zu ungunsten der Architekten verrutscht und belasten diese so stark, dass sie nur noch mit Mühe ihren eigenen Ansprüchen und ihren für die Gesellschaft so wichtigen Aufgaben gerecht werden können.

Deshalb müssen sich die Beteiligten zusammensetzen und das Zusammenspiel der Planungspartner neu justieren. Denn ein System, das den Idealismus, das Wissen und die unbedingte Leistungsbereitschaft der ambitionierten Architekten nicht respektiert und honoriert kann nicht gerecht und nachhaltig erfolgreich sein.

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