28.11.2014

Portrait

Hans Op de Beeck

von Barbara Teichelmann

Hans Op de Beeck bei der Arbeit an seiner Installation “The Settlement”

Er erfindet und inszeniert Räume, um 
unsere Wahrnehmung von Architektur zu 
hinterfragen. Er ersetzt Realität durch Fiktion und kommentiert 
so unser Verhältnis 
zur Illusion. Er befreit Bauten von ihrer 
Funktion, um uns vom Funktionieren zu 
befreien. Der belgische Künstler Hans Op de Beeck nähert sich 
der Welt, indem er sie erfindet.

Hans Op de Beeck bei der Arbeit an seiner Installation "The Settlement"
Installation "The Garret" (der Dachboden)
"My favorite five small buildings", eine Skulptur von 2008

Op de Beeck, 1969 in Turnhout im Norden Belgiens geboren, lebt und arbeitet heute in der Nähe von Brüssel. Von 1992 bis 96 studierte er Freie Kunst an der Kunsthochschule, Institut Saint-Luc, in Brüssel. Anschließend wechselte er an das Higher Institute for Fine Arts (HISK) in Antwerpen und für ein weiteres Jahr an die Rijksakademie in Amsterdam. 2001 gewann er den „Prix Jeune Peinture Belge“ und wurde von 2002 bis 2003 in das „MoMA-P.S.1 Studio Program“ in New York eingeladen.

Von so jemandem lässt man sich gerne aus der Welt kippen. Er kann das, er macht das smart und subtil, indem er Räume erfindet, Räume ohne Funktion. Und diese inszenierte Abwesenheit von Funktion wiederum bringt jegliche Funktioniererei in uns zum Erliegen. Reset. Op de Beeck: „Es interessiert mich nicht, Realität zu simulieren, sonst wäre ich wahrscheinlich als Setdesigner beim Film gelandet. Ich möchte die Welt interpretieren, indem ich fiktive Umgebungen erschaffe, in denen wir das Echo der Realität wahrnehmen können. Ich habe keine Vorlagen wie etwa Fotos, an denen ich mich orientiere. Ich befrage meine Erinnerungen und meine Fantasie.“ Also sind die Arbeiten des 44-Jährigen konsequenterweise auch keine Ready-mades. Jedes Detail, vom Baum bis zur Seerose, ist künstlich, eigens angefertigt in seinem Atelier in Anderlecht bei Brüssel.

Für die skulpturale Arbeit „My favorite five small buildings“ (2008) erfand Op de Beeck fünf Gebäude: eine öffentliche Toilette, einen Kiosk, einen Wachturm, eine Bushaltestelle und eine Tankstelle. Diese kleinformatigen Holzmodelle, alle in abstraktes Grau getaucht, zitieren Gebrauchsarchitektur zwischen 1920 und 1960, die laut Op de Beeck ausschließlich dafür entworfen wurde, eine bestimmte Funktion zu erfüllen: „Sie sind plump und träge in ihrem Aussehen, fast skulptural. Das Design ist ungeschickt, unbeholfen und auch ein bisschen absurd. Dennoch haben diese pragmatischen Bauten einen starken Einfluss auf Körper und Geist und darauf, wie wir auf das Gebäude reagieren.“ Es ist so einfach wie wirksam: Eine Gruppe geschrumpfter Zweckbauten, gerade richtig klein, um die Idee hinter der Funktion sichtbar zu machen.

Um reflektieren zu können, muss das Abstrakte fühl- und erfahrbar werden. Und eben das versucht Op de Beeck mit seiner Kunst, egal ob er zeichnet, Filme macht, Kurzgeschichten schreibt, fotografiert, Skulpturen entwirft, Installationen baut oder Räume inszeniert.

Nicht über den Kopf, nicht über die Ratio will er sein Publikum erreichen, sondern unmittelbar, über die Sinne: „Meine Arbeiten stehen für sich und beschäftigen sich in erster Linie mit unserem Alltag. Es geht mir nicht darum, mich selbstreferentiell an Zitaten und Gedanken anderer Künstler abzuarbeiten.“ Keine Konzeptkunst und keine pseudointellektuellen Barrieren. Mit seinen Räumen schafft er offene Bühnen, die wir betreten können, teils mit unseren Füßen, immer mit unseren Gedanken.

Mehr dazu gibt es ab dem 1. Dezember im Baumeister 12/2014.

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