Welche Sorte Tourist bist du?

 

Der Juli 2017 wird der dänischen Bevölkerung als ziemlich trüber Monat in Erinnerung bleiben, zumindest was das Wetter betrifft. Der erste Tag, an dem die Temperaturen die 25 Grad-Marke überschritten, war der 30. Juli. Zuvor hatte es nicht einen einzigen warmen Tag gegeben. Ohne diesen einen Sommertag am Monatsende wäre der Juli 2017 der kälteste, regenreichste und windigste Juli der letzten 38 Jahren gewesen. Rückblickend ist es daher wenig verwunderlich, dass die Reiseagenturen ein fantastisches Sommergeschäft mit vielen Last-Minute-Buchungen bei hohen Preisen verzeichnen konnten, da viele Dänen vor dem Herbst noch unbedingt etwas Sonne tanken wollten. Die Schlussfolgerung, dass die Strände, Museen und Straßen Dänemarks gähnend leer sein würden, lag also mehr als nahe – was allerdings mitnichten der Fall war. Stattdessen kamen wie immer jede Menge Touristen aus dem Ausland, die sich vom schlechten Wetter nicht abhalten ließen und dafür sorgten, dass ein neuer Besucher- und Touristenrekord aufgestellt wurde.

 

Canal Tours by Nyhavn

 

Das Kopenhagener Modell

Der Sommer 2017 wird auch als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem es in vielen klassischen Touristenzielen Europas, darunter Barcelona, Venedig, Paris, Palma de Mallorca und sogar Oxford, zu erheblichen Protesten durch Einheimische kam, die sich gegen den unablässigen Touristenstrom und die Auswirkungen auf ihr Alltagsleben wehrten. In Kopenhagen hatte „Wonderful Copenhagen“, der städtische Tourismusverband, bereits im Vorfeld Maßnahmen ergriffen, um einer vergleichbaren Entwicklung zuvorzukommen. Dafür wurde eigens eine neue Tourismusstrategie ins Leben gerufen, die überraschenderweise „das Ende des Tourismus“ proklamiert. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass keine Touristen mehr in die Stadt kommen sollen. Wie der Untertitel der Strategie deutlich macht, bezweckt sie etwas anderes: „Das Ende des Tourismus, wie wir ihn kennen“. In einem Interview erläuterte Mikkel Aarø-Hansen, Leiter von Wonderful Copenhagen, das Konzept der neuen Initiative: Angesichts einer Rekordzahl von zehn Millionen Übernachtungen in Kopenhagen im Jahr 2016, würden die  eigentlichen Herausforderungen erst noch auf die Tourismusindustrie zukommen, da mit einer weiteren Zunahme der Besucherzahlen zu rechnen sei. Wonderful Copen­hagen wolle deshalb eine Marke schaffen, die an die Bedürfnisse eines neuen Touristentyps angepasst ist und gleichzeitig potenzielle Konfliktfelder zwischen Gästen und Einheimischen beseitigt. In diesem Szenario will sich Kopenhagen als eine Stadt vermarkten, in der die Touristen in den skandinavischen Alltag eintauchen können. Die Sprache der Strategie formuliert das so: „Wir heißen Reisende der heutigen Zeit als Besucher willkommen, die vorübergehend zu Einheimischen werden. Diese Reisenden sind nicht auf der Suche nach einem perfekten Foto, sondern nach einer emotionalen Verbindung durch gemeinsame spontane Erlebnisse mit den Bürgern der Stadt. Solche Erlebnisse ent­stehen aus sich überschneidenden Interessen und im Rahmen von Beziehungen an authentischen Orten.“

Das Image des Touristen als Außenseiter und potenziellem Störfaktor für Einheimische soll dadurch beseitigt werden. Der Besucher wird dazu eingeladen, die fortschrittliche, kosmopolitische Lebensweise, für die Kopenhagen berühmt ist, zu teilen und mitzuerleben. Auf diese Weise, so die Idee, kann die Stadt von der Vielfalt und den Einnahmen, die der Tourismus in die Stadt bringt, profitieren, während sich die Touristen in das Alltagsleben der Einheimischen einfügen. Eine Situation, die dann für beide Seiten einen Gewinn darstellen soll.

Lokal und authentisch

Die Idee des Konzepts ist klar: Reisende, die trotz eines verregneten Sommers und hoher Preise ein Reiseziel wie Kopenhagen ansteuern, erhalten im Gegenzug die Möglichkeit, die hohe  Lebensqualität und die Vorzüge eines nordischen Wohlfahrtsstaates kennen zu lernen. In den Broschüren, die Wonderful Copenhagen drucken lässt, wird die Fahrradkultur der Stadt gepriesen, ebenso die sozialdemokratisch geprägte Architektur und die langeTradition der Stadtplanung. Kopen­hagen erscheint als sauber, nachhaltig und einladend. Außerdem wird betont, dass die Stadt mit ihrer Kultur (historisches Stadtzentrum und Museen), ihren Einkaufsmöglichkeiten (dänische Mode und dänisches Design) und ihrer kulinarischen Infrastruktur (die boomende neue nordische Küche) eine einzigartige Mischung zu bieten hat. Kopenhagen wird gewissermaßen als lebendes Museum dargestellt, wo eine lebendige Tradition, zum Beispiel die Monarchie, mit den Charakteristika des modernen Dänemarks, etwa dem omnipräsenten Fahrrad, einer vorbildlichen Gegenwartsarchitektur und skandinavischem Design, zusammentreffen. Die neue Strategie, die
Mikkel Aarø-Hansen aufzeigt, will vor allem mit der Betonung des Authentischen, des Lokalen und der Modernität der Stadt punkten. Seine Raffinesse liegt darin, dass sie die Touristen dazu einlädt, das Wunschbild von Kopen­hagen mitzuprägen und dabei eine tragende Rolle zu übernehmen. Was vermieden werden soll, ist eine weitere Ausdehnung einer touristischen Parallelkultur, die als überholt gilt, der Vergangenheit angehört – ein Kennzeichen des Massentourismus des 20. Jahrhunderts war.

Welche Sorte Tourist bist du?

Diese Strategie erinnert an den soziologischen Diskurs über die Entwicklungen in der Tourismusindustrie, wie er seit den 1990er Jahren stattfindet. So beschreibt der britische Soziologe John Urry Tourismus als ein kulturelles Phänomen, das sich aus dem Verhältnis zu dem erklärt, was als Heimat angesehen wird – also Alltags- und Arbeitsleben. Der Tourist verlässt die Heimat, um dorthin zu gehen, wo keine Heimat ist, bringt aber viele seiner Alltagsgewohnheiten mit sich. Urry unterscheidet im Weiteren zwischen verschiedenen Tourismus-Kategorien. Eine dieser Kategorien ist der klassische Massentourismus, der nur wenig Kontakt mit dem Leben der Einheimischen vor Ort aufnimmt. Der Massentourist will das sehen, was auch alle anderen Touristen sehen wollen, und besucht daher vorwiegend berühmte Sehenswürdigkeiten. Er ist zufrieden, wenn er „da gewesen ist“, die Sehenswürdigkeit „gesehen hat“ und ein Bild vorweisen kann, das ihn an diesem Ort zeigt.  Und er ist genau der Typ Tourist den Wonderful Copenhagen loswerden möchte.

Foto: Strömma Danmark

 

Mehr dazu im Baumeister 12/2017