Flucht in die Abgeschiedenheit

 

Es gibt einen „touristischen Blick“ auf unsere Städte. Der britische Soziologe John Urry bezeichnet damit Erwartungen Reisender an Architektur, Städte, Landschaften und andere ortsspezifische Konstruktionen – Erwartungen, die sich durch die globalen Medien und den globalen Tourismus immer weiter verbreiten. Denn ein Ort wird nur durch das persönliche Vor-Ort-Sein als „authentisch“ und als eigene Erfahrung wahrgenommen, und der Wunsch nach Authentizität wird in einer zunehmend technologischen Welt immer stärker.

Die Evolution des touristischen Blicks ist undenkbar ohne die vorherige Entwicklung des Reisens zu einem massenkulturellen Phänomen. Historisch gesehen war Reisen ausschließlich den Oberschichten vorbehalten, beispielhaft dafür ist die aristokratische Kavaliersreise zu den antiken Stätten. Der Massentourismus ist ein Produkt der relativ neuen Modernisierung und Demokratisierung des Reisens, die im späten 19. und im 20. Jahrhundert stattfand, als Mobilität, Infrastruktur und industrielle Produktion revolutioniert wurden und die Kämpfe der Arbeiterschicht zu mehr Freizeit für die arbeitende Bevölkerung führten. Tourismus ist grundsätzlich eine moderne Erfindung, die es ohne die technologischen und sozialen Fortschritte der letzten beiden Jahrhunderte nicht geben würde. Auch die moderne Architektur, wie wir sie kennen, hätte sich ohne diese Fortschritte wahrscheinlich nie entwickelt.

Selfie-taugliche Architektur

In seinem Essay aus dem Jahr 1936 „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ beschreibt Walter Benjamin „die gespannte Aufmerksamkeit eines Reisenden vor berühmten Bauten“ im Gegensatz zum „beiläufigeren“ Berührungssinn, mit dem wir normale Gebäude im Alltag wahrnehmen. Benjamin beschreibt eine Art und Weise, Architektur optisch zu betrachten, die durch massenproduzierte Medien – besonders die Fotografie – erzeugt wird und die den Bekanntheitsgrad und die Berühmtheit von Gebäuden erhöhen kann. Urrys touristischer Blick wird ähnlich durch die Produktion und Reproduktion von bestimmten Erwartungshaltungen geschaffen, insbesondere im Hinblick auf das, was Authentizität und was ein kulturelles Erbe ausmachen.

Die meisten Baudenkmäler wurden natürlich nicht mit Hinblick auf zukünftige Reisende geplant, sondern sie entwickelten sich erst im Lauf der Zeit zu Touristenattraktionen. Dass Gebäude dazu werden, ist nichts Neues in der Geschichte, doch es war bis jetzt immer eine vereinzelte Erscheinung. Das Ausmaß heute aber ist beispielslos. Selbst das Wort „Architektur“ an sich verweist zunehmend nur noch auf extrem spektakuläre Wunder der Baukunst, die man unbedingt live gesehen haben muss. Dadurch entwickelt sich eine radikal neuartige Art und Weise, wie die gebaute Umwelt wahrgenommen wird: Fragen nach der fotogenen oder „instagramtauglichen“ Qualität von Bauwerken werden dabei zunehmend wichtiger als andere Aspekte.

In Barcelona regt sich Widerstand

Barcelona ist ein Paradebeispiel dafür, welche herausragende Rolle hier auch der zeitgenössischen Architektur für den Städtetourismus zukommt. Von der Einwohnerzahl her liegt die Stadt innerhalb von Europa auf Platz 16, doch was die Besucherzahlen betrifft, liegt sie auf Platz 4. Die politischen und ökonomisch Verantwortlichen der Stadt setzen seit Jahrzehnten moderne Architektur als strategisches Planungsmittel, einerseits, um heruntergekommene Stadtteile zu neuem Leben zu erwecken, andererseits, um die Touristen weg von den etablierten, überlaufenden Bauattraktionen breiter im Stadtraum zu „verteilen“. Relativ neue Bauten wie der Mercat dels Encants (von b720 Fermín Vázquez), der wahrscheinlich einzig Flohmarkt der Welt, der Gegenstand einer Architekturausschreibung war, der ganz in der Nähe liegende Torre Agbar (Jean Nouvel), MediaTIC (Cloud 9) und der Design Hub Barcelona (MBM) weisen alle medien- und deshalb auch touristenfreundliche Designelemente auf wie leuchtende Farben, übermäßige Auskragungen oder technische Gimmicks. Der Tourismus in Barcelona hat in den letzten 25 Jahren so zugenommen, dass viele ihn als Ursache von „Problemen“ betrachten, gegen die politisch Druck gemacht werden muss. Die Zahl der Anti-Tourismus-Demonstrationen ist im gleichen Maß gestiegen wie der Tourismus in Barcelona zugenommen hat.

Dezentralisierung als Lösung?

Spektakuläre öffentliche Gebäude wie Museen oder Markthallen richten sich vor allem an den „kollektiven Blick“ des Massentourismus, wie John Urry das Phänomen nennt. Doch daneben existiert auch ein „romantischer Blick“, der mit individuellen und exklusiven Formen des Reisens assoziiert wird. Ein gutes Beispiel dafür ist die Entwicklung der „Solo Houses“ in einer abgelegenen Berggegend in der Provinz Teruel im Nordosten Spaniens – ungefähr drei Autostunden von Barcelona entfernt. Die Solo Houses sind ein Projekt, bei dem mehr als ein Dutzend Wohnbauten nach den Entwürfen von jeweils unterschiedlichen Architekten gebaut werden. Im Jahr 2013 entstand das erste Gebäude des chilenischen Studios Pezo von Ellrichshausen, das zweite wurde von dem belgischen Office Kersten Geers David Van Severen (KGDVS) entworfen. Die Gebäude von Architekten wie Sou Fujimoto, Johnston Marklee, Christ & Gantenbein, Didier Faustino, Studio Mumbai, Anne Holtrop, Barozzi Veiga, Rintala Eggerston, MOS, Go Hasegawa, Kühn Malvezzi, Tatiana Bilbao, TNA, Smiljan Radić und Bas Smets werden nach und nach fertiggestellt werden.

Das Projekt geht auf eine Idee von Christian Bourdais zurück, einem französischen Immobilienentwickler, der zusammen mit der Kunstproduzentin Eva Albarran die Solo-Galerie in Paris führt. Die Galerie ist ein Raum für „Architekten mit einem wahrhaft künstlerischen Zugang zu ihren Arbeiten“. Solo sieht sich als „die erste zeitgenössische Kunstgalerie, die Werke von Architekten als eigenständige Kunst ausstellt“. Die Solo-Häuser werden in den Veröffentlichungen der Galerie als „ein aktuelles Projekt mit zeitgenössischen, kleinen Prototypen für ein Resort“ beschrieben, das – so ist anzunehmen – einer begrenzten Gruppe von städtischen Galeriebesuchern einen abgeschiedenen Rückzugsort bieten soll.

Die Solo Houses als Ferienhäuser, die nur zeitweise bewohnt werden, sind Teil eines wachsenden Trends, in dem Architektur als ein außergewöhnlicher „Event“ von Freizeit betrachtet wird; als die Art von Erfahrung, die wir in den sozialen Netzwerken teilen sollen. Während modernistische Architekturexperimente wahrscheinlich bei Wohngebäuden den größten Widerstand gegen ihre weit verbreitete Akzeptanz erfuhren, stellt sich dagegen die zeitlich begrenzte Touristenunterkunft immer mehr als die ideale Vermittlerin für zeitgenössische Architekturexperimente heraus, und zwar weil niemand für lange Zeit in den Bauten wohnen muss. Wenn Gebäude nur zeitweise bewohnt werden, oder besser noch, nur zeitweise in Form von ephemeren Konstruktionen existieren, dann wird experimentelle Architektur – definiert durch neue Materialien, Methoden oder Formen – bereitwilliger akzeptiert, oder sogar als etwas neuartig Originelles angenommen, das man zur Abwechslung gerne einmal ausprobiert.

Fotos Office KGDVS: Bas Princen

 

Mehr dazu im Baumeister 12/2017