Vom Provisorium zur Perle

Im kleinen Ort Würenlingen in der Schweiz haben Malte Kloes und Estrada Reichen einen Dreierkindergarten gebaut, der nicht nur gelungene Archi­tektur ist, sondern auch die städte­bauliche Situation ordnet.

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Einer der Gruppenräume mit den dienenden Raumspangen links und rechts und großen Pendelleuchten an der Decke (Foto: Lukas Murer)

Die Gemeinde Würenlingen liegt am östlichen Ufer der Aare, kurz bevor diese beim schweizerischen Koblenz in den Rhein mündet. Von Zürich aus benötigt man für die gut 30 Kilometer lange Fahrt Richtung Nordwesten gut 40 Minuten, von Baden aus eine Viertelstunde. Aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage verzeichnet der Ort seit langem einen kontinuierlichen Bevölkerungszuwachs: Zählte das einstige aargauische Bauerndorf 1900 gut 1000 Einwohner, sind es heute etwa 4500. Südlich von Würenlingen erstrecken sich grosse Gewerbegebiete, direkt an der Aaare befindet sich das dem ETH-Verbund zugehörige, als Nuklearforschungszentrum gegründete Paul Scherrer Institut, das heute in verschiedenen Feldern der Grundlagenforschung tätig ist.

Weg vom Provisorium

Ausufernde Wohnquartiere prägen das Bild, von welcher Seite auch immer man sich Würenlingen nähert, und wo die Bevölkerung wächst, müssen Schule und Betreuungseinrichtungen mitwachsen. Vor etwa 50 Jahren hatte man einen provisorischen Kindergarten neben das Gemeindehaus in der Kernzone gestellt. Doch aus dem Provisorium wurde eine Dauerlösung; schliesslich entstand in einigem Abstand ein weiteres provisorisches Gebäude. Als dieses ebenfalls an seine Kapazitätsgrenzen stiess, entschloss sich die Gemeinde zum Neubau eines Dreierkindergartens, um nach einem halben Jahrhundert endlich die Zeit der Provisorien zu überwinden.

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Das große runde Fenster mit Blick in den Gruppenraum des Kindergartens (Foto: Lukas Murer)

Als Grundstück wählte die Gemeinde eine bislang als Parkplatz genutzte Liegenschaft an der zentralen Gartenstrasse. Parkplätze aber sind in dörflichen Regionen der Schweiz – und nicht nur dort – sakrosankt, und so gab es nur eine Möglichkeit, das Bauprojekt auch realisieren zu können: Unter der Erde musste für die Parkplätze Ersatz geschaffen werden. Dadurch ergab sich ein hybrides Bauprogramm aus zwei Teilen, die gemeinhin nicht so recht zusammenpassen wollen: Eine Tiefgarage – und ein Kindergarten. Im selektiven Projektwettbewerb von 2014/15 konnte sich das Team der jungen Zürcher Architekten Malte Kloes und Christoph Estrada Reichen (MKCR) gegen eine Konkurrenz von gut 40 Mitbewerbern durchsetzen. Nach der Fertigstellung des Projekts trennten sich die beiden Architekten und gehen inzwischen mit separaten Büros eigene Wege.

Gelungener Städtebau

Eines der ausschlaggebenden Kriterien für die Kür des Siegerentwurfs war die Positionierung des Baukörpers auf dem relativ tiefen Grundstück. Während manche Teilnehmer die drei Kindergartengruppen über die Parzelle verteilten, fassten sie Kloes und Reichen zu einem orthogonalen Volumen zusammen und rückten dieses mit seiner Längsseite an die als Sackgasse ohnehin vom Durchgangsverkehr befreite Gartenstrasse heran.

Der Strassenraum wird dadurch einerseits klarer gefasst; andererseits ist auf der Rückseite, von wo aus die einzelnen Kindergärten erschlossen werden, eine grosszügige Freifläche entstanden, die sich bis zu den der Dorfstrasse zugewandten Nachbarbauten erstreckt. Diese dient als Spielfläche für die Kindergärten und sollte ursprünglich von Zäunen begrenzt werden, wie es vielfach üblich ist. Doch die ruhige dörfliche Hofsituation – der Verbindungsweg zwischen Dorf- und Gartenstrasse nutzen lediglich Fussgänger – führte schliesslich dazu, dass man auf Zäune und Tore verzichtete, so dass die Grünanlage ausserhalb der Betriebszeiten des Kindergartens Allen im Dorf zur Verfügung steht.

Kein Rapport

Die eigentliche Herausforderung bestand für die Architekten indes darin, die beiden funktional konträren Programmbestandteile mit ihren je eigenen Logiken baulich und statisch miteinander zu kombinieren sowie möglichst effizient und kostengünstig zu organisieren. Kloes und Reichen reduzierten die Breite der Tiefgarage mit Mitteldurchfahrt und insgesamt 30 Parkfeldern zu beiden Seiten auf das nötige Minimum von 18 Metern – die Erweiterung nach Norden entstand in Absprache mit den Eigentümern des Nachbargrundstücks erst im Rahmen der Ausführungsplanung – und nutzten die Wände, um darauf das Volumen des Kindergartens in Form eines Hallentragwerks zu setzten. Die Lastabtragung des oberirdischen Volumens erfolgt also lediglich über die Aussenwände.

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Das mit Titanzinkschindeln verkleidete Walmdach des Kindergartens ruht auf vorgespannten Ortbetonträgern (Foto: Lukas Murer)

Das Dach ruht auf vorgespannten Ortbetonträgern und ist als geknicktes, relativ flaches und mit Titanzinkschindeln gedecktes Walmdach ausgebildet – mit einem umlaufenden flachen Teil, welcher vorkragt und das Gebäude aus der Nahsicht wie einen eingeschossigen Pavillon erscheinen lässt. Erst aus Distanz wird der höhere Dachteil in der Mitte des Gebäudes erkennbar, der aus dem Volumen mit seinen mehreren Eingängen ein gemeinsames Haus entstehen lässt. Dieses wird subtil nobilitiert durch die Kannelurenstruktur der Fassade, die nicht aus Fertigteilen besteht, sondern mit Elastomermatrizen samt dem Sockel vor Ort gegossen wurde. Erst bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Kanneluren in der Breite leicht variieren, aber so verteilt sind, dass sich kein Rapport ergibt.

Ein gemeinsames Haus

Die Idee des gemeinsamen Hauses wird im Inneren dadurch verstärkt, dass die mit den Garderoben ausgestatteten Vorzonen vor den eigentlichen Gruppenräumen einen gemeinsamen, langgestreckten Raum bilden, der sich bei Bedarf durch Schiebetüren unterteilen lässt. Grosse Scheiben erlauben den Durchblick in die eigentlichen Kindergärten mit ihren ungefähr 100 Quadratmetern Fläche. Jedem Hauptraum ist eine seitliche Raumspange mit einem strassenseitigen Nebenraum, der Teeküche, den Toiletten und einem Abstellraum zugeordnet.

Diese Spangen sind unter den Ortbetonträgern angeordnet und daher niedriger als die Haupträume mit ihrer Überhöhe. Die unverkleideten schrägen Deckenflächen aus Sichtbeton, im Firstbereich durch einen breiten Lichtschlitz beleuchtet, lassen in den grossen Räumen den bergenden Eindruck von Zelten entstehen, eine Idee, die schon im Wettbewerbstitel «Zelthaus» zum Ausdruck kam. Um den Gedanken des gemeinsamen Hauses zu stärken, sind auch die Wände im niedrigeren Bauteil zur Strasse hin als Schiebetüren ausgebildet; bei Bedarf können also auch auf dieser Seite alle drei Kindergärten zusammengeschaltet werden.

Zusätzliche Spielräume

Eine besondere Attraktion für die Kinder stellen die Spielräume über den Spangen zwischen den Betonträgern im Obergeschoss dar. Grosse runde Durchbrüche erlauben den Blick hinunter in die Haupträume, aber auch zur Nachbargruppe. Nur der östlichste Kindergarten besitzt wegen des sich zur Gebäudestirn hin abwalmenden Dachs keinen Raum im Obergeschoss; Ersatz schufen die Architekten mit einem Spielraum, der in die zugeordnete Spange mit den Nebenräumen eingelassen ist. An der westlichen Stirnseite finden sich die Aufenthaltsräume der Kindergärtnerinnen.

Klare Materialität

Als Wandmaterial für den Innenausbau, der aufgrund der Tragwerkslogik unabhängig von der Betonstruktur ist, wählten die Architekten Platten aus Seekiefer. Diese sind mit einer Mikroperforation versehen, wodurch es gelungen ist, auf schallabsorbierende Massnamen an den Deckenuntersichten zu verzichten. Die Materialität zeigt sich pur und klar: lindgrünes Linoleum, Sichtbeton, hölzerne Wände. Kugelförmige Pendelleuchten erhellen den Raum unter den Betonzelten, so dass die Integration von Spots oder Lichtbändern in den schrägen Deckenflächen nicht nötig war. Und weil Papier an den Wänden die Schallabsorption reduziert hätte, sind Drähte über Kreuz durch die Räume gespannt, an denen die Zeichnungen der jungen Bewohnerinnen und Bewohner des Zelthauses hängen.

Dieser Beitrag erschien im B4/20: Spielräume. Das E-Paper dieser Ausgabe ist gratis verfügbar.