10.07.2019

Öffentlich

Unter Spannung: Die neue Politik der Archive

Architektinnen und Architekten unterliegen Auflagen, Regeln, Normen und Gesetzen. Doch sie unterliegen scheinbar keiner kulturellen Beweispflicht. Die erhabene Sphäre der Kultur gilt manchen als der vermeintlich letzte wirkliche Freiraum der Architektur. Doch was einfach klingt, entpuppt sich häufig als die viel größere Herausforderung. Während Normen bestmöglich umgesetzt und Gesetze befolgt werden können, ist es mit der Kultur so eine Sache. Die Frage, was gemeint ist, wenn von Kultur die Rede ist, hat sich in den letzten Jahren (wieder) zunehmend in eine intellektuelle Kampfzone verwandelt, in der Architektur eine zentrale Rolle spielt. Zwischen Rekonstruktionsdebatte und Identitätspolitik, Ethnofuturismus und technologischer Singularität, „postcolonial“ und „posthumanism“ – es scheint, als wären wir auf der 
Suche nach klar definierbaren Selbstbildnissen und Wertebeschreibungen in einer sich grundlegend wandelnden Gesellschaft.

Die Frage mag verwegen klingen und vielleicht auch ein wenig altmodisch, doch sie ist legitim: Was bedeutet heute Kultur? Wie immer man diese Frage zu beantworten versucht, das Nachdenken über Kultur entpuppt sich als eine bisweilen kritische Auseinandersetzung mit Praktiken und Verfahren des Sammelns und der Speicherung. Es ist deshalb kein Zufall, dass zunächst in Archiven der Zugang zur Frage der Kultur und damit zum Materiellen der Geschichte schlechthin vermutet wird. Dies ist umso bemerkenswerter, als dass die Entstehung von Archiven mediengeschichtlich betrachtet eng mit der Entstehung der Schrift verbunden ist. Schreiben bedeutet immer auch archi­vieren, selbst wenn es nur um das Verfassen eines 
Verzeichnisses ist. Eine schriftlose Gesellschaft ist also gewissermaßen auch eine archivlose Gesellschaft.

Bis heute gelten Archive – so jedenfalls eine populäre Vorstellung – als Räume des Faktischen, in denen das symbolische Rohmaterial einer jeweiligen Kultur auf lange Zeit wie in einem Bergwerk eingelagert wird. Ganz verkehrt ist diese geologische Metapher nicht, denn auch das Archivieren ließe sich, räumlich betrachtet, als ein Prozess der fortwährenden Schichtung beziehungsweise Umschichtung von Daten verstehen.

Jetzt wissen wir allerdings inzwischen, dass durch die digitalen Speichermöglichkeiten auch das Verhältnis von Schrift und Archiv eine neue Qualität gewonnen hat. An die Stelle der tradierten Suche nach einem möglichst dauerhaften materiellen Datenträger ist eine archivtechnische Praxis getreten, in der Schrift und Archiv zu einem dynamischen System flüssiger Daten verschmolzen sind. Es ist das große Versprechen von unbegrenzten Speicherkapazitäten, das 
unsere heutigen gedächtnistheoretischen Vorstellungen bestimmt.
Der Begriff des Speicherns ist hierbei zu einem Synonym für das automatisierte Ansammeln und Aus­werten von gewaltigen, von uns selbst produzierten Datenmengen geworden. Es wird fortwährend generiert, gespeichert, wieder abgerufen, aktualisiert, überschrieben und erneut gespeichert – ein scheinbar endloser Kreislauf des Codierens und Umcodierens von Geschichte und Gegenwart und damit auch von Kultur. An welche Erlebnisse und Ereignisse wir uns in Zukunft erinnern werden, ist somit nicht nur davon abhängig, wer die Speichermedien organisiert und kontrolliert, sondern auch, in welchem Medium unsere Erlebnisse transportiert und tradiert werden. Es geht also um eine neue Politik des Archivs. Was also, so der Computerwissenschaftler Georg Trogemann, auf „Tausenden von Computern übertragen, kopiert und durch ständige Wiederholung Teil unserer Alltagwelt wird, stabilisiert sich selbst und wird schließlich zu 
einem kulturellen Sediment des Systems“.

So verstanden, würden Archive Geschichte nicht wiedergeben, sondern Geschichte machen. Das mag provokant klingen, insbesondere für ein so träges 
Medium wie die Architektur. So führen uns etwa die medienarchäologischen Projekte von „Forensic 
Architecture“ vor Augen [siehe Baumeister 9/2018], welche neuen Spielräume und welches enorme poli­tische Potenzial Archive in Zeiten der Verdatung eröffnen können. Die Frage der Kultur ist aktuell eine Frage nach der technologischen Unruhe der Gegenwart.

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