16.11.2018

Event

Typologien der Architektur

Das Foyer der TU Berlin. Foto: Lasse Rau

In dem Foyer der TU Berlin, wo sich normalerweise Architekturstudierende auf den lang ersehnten Kaffee treffen, kamen am 8. und 9. November 2018 Architekten, Wissenschaftler, Historiker und Studierende für die zweitägige Konferenz „THINK.DESIGN.BUILD.“ zusammen. Alle zwei Jahre findet am Institut für Architektur der TU Berlin die Konferenz mit einem anderen Schwerpunkt statt. Dieses Jahr widmete sich die Konferenz unter dem Titel „TYPE, TYPOLOGY AND TYPOGENESIS IN ARCHITECTURE“ Prozessen der Typenbildung in der Architektur.

Typenbildung in der Architektur – ein anachronistisches Anliegen? Wohl kaum. Vielmehr greift die Konferenz ein Thema auf, das aktueller und komplexer denn je den Architektenalltag beeinflusst. Schnelllebige Innovationen verändern rasant unseren gesellschaftlichen und kulturellen Kontext. Die Mediatisierung des Alltags, neue Kommunikationsformen und die zunehmende Verdichtung der Städte beeinflussen maßgeblich Lebensformen. Sie beeinflussen neben dem Arbeitsalltag auch die Freizeitgestaltung. Sie veranlassen die Gesellschaft dazu, gewöhnliche Wohn- und Partnerschaftsmodelle infrage zu stellen und verlangen vor allem eines: Das Denken und Entwickeln neuer Typologien in Architektur und Städtebau, die sich an die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit anpassen.

Das Foyer der TU Berlin. Foto: Lasse Rau
Eike Roswag-Klinge während seinem Vortrag. Foto: Lasse Rau
Arno Brandlhuber stellt seine Projekte vor. Foto: Lasse Rau

Think – Design – Build

Die heutige Architekturtheorie versteht den Begriff „Typologie“ dabei nicht nur als die Wissenschaft des Ordnens und Klassifizierens. Vielmehr wird „Typologie“ als Prozess der Typenbildung – oder auch „Typogenese“ – betrachtet. Welche Auswirkungen hat dieser Ansatz auf zukünftige Theoriebildung? Wie werden sich Entwurfsprozesse in der Architektur dahingehend verändern?

Im Rahmen der diesjährigen „THINK.DESIGN.BUILD.“ Konferenz haben über zwanzig international renommierte Referenten versucht, diesen Fragen mit kreativen Lösungsansätzen und Diskussionsgrundlagen zu begegnen. Dabei steckten die drei Panele „Think“, „Design“ und „Build“ den inhaltlichen Rahmen ab. Neben etablierten Figuren der Architekturszene wie den Züricher Büros EM2N, Bolthauser Architekten oder dem Berliner Architekten Arno Brandlhuber waren junge Büros wie Maio Architects aus Barcelona oder Assemble aus London dazu eingeladen, neue Perspektiven zu teilen. Durch die Mischung der Teilnehmer fielen die Ansätze überraschend und erfrischend aus. Die Diversität der vorgetragenen Positionen zeigt: Der Begriff Typologie muss vielschichtig verstanden werden. Und vor allem mit Rücksicht darauf, innerhalb welcher Realitäten er verhandelt wird.

Lokal und nachhaltig

Das Berliner Professor und Architekt Eike Roswag-Klinge vom Natural Building Lab stellte vor allem Projekte vor, die klimagerecht und im lokalen Kontext verankert sind. Das „Zentrum für tiergestützte Traumatherapie“ besteht aus neun Bauten für Ställe, Therapie- und Begegnungsräume. Die Architekten verwendeten dabei nachhaltige und lokale Materialien wie Lehm und Ziegel. Material und Form reagieren dabei auf die hohe lokale Erdbebengefahr. Den Sprung nach Berlin schafft das Projekt „Infozentrale-Vollgut“. Das Haus besteht weitgehend aus Abfallstoffen und setzt sich prototypisch mit Zukunftsfragen des ressourcen-positiven Bauens auseinander. Beide Projekte haben eins gemeinsam: Sie suchen nach Typologien, indem sie lokales Wissen mit Nachhaltigkeit und Funktion kombinieren.

Die Digitalisierung als Zukunft

Weniger „low-tech“ näherte sich der Architekt und Forscher Philipp Block von Block Research Group an der ETH Zürich dem Begriff Typologie. Er sieht die Digitalisierung als einmalige Chance, den globalen Herausforderungen unsere Zeit zu begegnen. Durch computer-gestützte Formfindung entwickelt er bautechnische Innovationen, die beispielsweise die Produktivität im Wohnungsbau deutlich steigern könnte. Ganz frisch ist das Projekt „KnitCandela“. Hierbei handelt es sich um eine dünne, mehrfach gekrümmte Beton-Schalenkonstruktion, gebaut auf einem ultra-leichten gestrickten Gewebe. Kaum zu glauben – die fünfzig Quadratmeter Oberfläche reisten von der Schweiz nach Mexiko in nur einem einzigen Koffer. Dieses Projekt versteht neue Typologie nicht als Endprodukt, sondern als einen einen Prozess der Architekturherstellung.

Digitalisierung als Gefängnis

Amica Dall, Mitgründerin des jungen Londoner Architekturkollektivs „Assemble“ sieht das anders – und von ihr stammt das Zitat „digitalisation is imprisonment“. „Assemble“ legt den Fokus auf aktuelle soziale und raumpolitische Themen. Für gerade mal 230 Euro pro Quadratmeter realisierten sie das Projekt „Yardhouse“ in London und entwarfen somit einen bezahlbaren Ort für Arbeit und sozialen Austausch. Ein aktuelleres Projekt trägt den Titel „Granby Four Streets“ in Liverpool.

Hierbei soll eine bis dato in Planungsprozessen vernachlässigte Nachbarschaft (re-)aktiviert werden. Als essenzielle Basis sieht das junge Architekturkollektiv die Nachbarschaft und das vorhandene lokale Wissen. Amica Dall entwickelt den Ansatz der „common richness“ – und wirkte dabei für ein paar Besucher zu romantisch. Und trotzdem wurden genau diese Themen leider viel zu wenig angesprochen.

Neue Typologien

Auch der Berliner Architekt Arno Brandlhuber setzt in seiner abendlichen „Keynote-Lecture“ da an. Ebenso intelligent wie humorvoll gab er einen exemplarischen Überblick darüber, welchen Handlungsspielraum Architekten und Planer haben – oder besser: haben könnten. Das kürzlich fertiggestellte Projekt Terrassenhaus in Berlin versteht sich selbst als „typologisches Update“. Das Gebäude beinhaltet gemischte Nutzungen: Büros, Ateliers und Wohnraum. Besonders interessant ist die Fluchtwegführung über den privaten Außenraum der einzelnen Geschosse. Diese bauliche Notwendigkeit zwingt den Nutzer, sich sozial mit seinem direktem Umfeld auseinander zu setzten. Bewusst ausdifferenzierte Gebäudetiefen definieren eher subtil zukünftige Nutzungen – und als logische Konsequenz auch ihre Nutzer. Brandlhubers Terrassenhaus zeigt, wie neue Typologien  programmatische und soziale Heterogenität fördern können. Und übersetzt seinen theoretischen Gedanken in gebaute Architektur.

Typologisches Update

Die Diversität der vorgetragenen Positionen zeigt, wie vielschichtig der Begriff Typologie verstanden werden muss. Und vor allem – innerhalb welcher Realitäten verhandelt wird. Dass nur wenige Referenten aus dem globalen Süden anreisten, führt zu der unbeantworteten Frage: Wer ist an der aktuellen Debatte um den Begriff Typologie beteiligt – und wer nicht? Und wie verändert sich das Denken von Typologie und Typogenese im Hinblick auf unterschiedliche geografische und gesellschaftliche Kontexte?

Auch wenn die Unschärfe des Begriffs „Typologie“ oder „Typogenese“ auch nach der Konferenz präsent bleibt, leistet die diesjährige Veranstaltung vor allem eines: Sie funktioniert als Plattform, die unterschiedlichste Perspektiven und Lösungsansätze zusammenbringt. Sie bietet Raum für einen kreativen und wissenschaftlichen Austausch in Zeiten, in denen Architekturpraxis und -theorie Grundlagen der Architektur hinterfragen müssen – und die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Architekten und Planern relevanter denn je ist.

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