Frühe Moderne in der Tschechoslowakei

Die Gründung der Tschechoslowakei vor 100 Jahren leutete im alten österreichischen Kronland Böhmen auch eine Phase der florierenden modernen Baukunst ein. Zahlreiche Bauten abseits der Hauptstadt Prag sind bis heute wenig bekannt. Zeit für einen Besuch in der Provinz.

„Es scheint ein neuer Stolz auf die Eigenständigkeit der tschechischen Baukunst zwischen 1918 und 1938 zu erwachen“, berichtet Matej Bekera, Historiker am Ostböhmischen Museum in Pardubice/Pardubitz, nördlich von Prag. Doch wer kennt schon Bauten in der nordböhmischen Provinz – etwa in Pardubice oder Hradec Kralove? Die Historikerin und Kuratorin Jitka Sosova erklärt dazu: „Die junge tschechoslowakische Republik wollte eine identitätsstiftende National- oder Staatsarchitektur. Anfang des vorigen Jahrhunderts kamen über die Malerei französische Einflüsse in Form des Kubismus in die künstlerische Architektenszene Tschechiens. Sie entwickelte daraus den Kubismus als eigenständige Architekturform, die nur hier in Tschechien zu finden.“

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Das Krematorium der Stadt Pardubice von Pavel Janak.

Allerdings ist der Baustil – „spitze Kanten, geometrische Formen, kristalline Strukturen“, so das Zitat aus einer Tourismus-Broschüre – bei architektonischen Laien nicht so beliebt, wie es sich die Entwickler dieser kubistischen Architektur, der Theoretiker Pavel Janak und sein Freund, der Visionär Josef Gocar (1880 bis 1945) erhofften. Letzter gilt als der geistige Übervater der tschechischen Moderne.

Ein exemplarisches Beispiel des frühen kubistischen Stils steht im elf Kilometer entfernten, an der Elbe gelegenen Pardubice: Das zwischen 1921 und 1923 errichtete Krematorium der Stadt ist ein weiterer Meilenstein der Entwicklung hin zu einer eigenständigen, nicht mehr von der Österreichischen Bautradition geprägten Architektur. Es wurde 2010 zum Nationalen Kulturdenkmal erklärt und besitzt damit die höchste Schutzstufe des Landes. Diese Ikone des tschechischen „Nationalen Stils“ erhielt zwischen 2005 und 2009 eine Fassadenrestaurierung. Die repräsentative Treppe wurde saniert und gleichzeitig neuer Raum für die Trauergäste eingeplant.

Matej Bekera meint dazu: „Erst nach der Gründung der Republik war es gesetzlich überhaupt gestattet, Krematorien zu errichten. Pavel Janak gewann den Wettbewerb 1918 mit einem zweiten Platz, weil unter anderem sein Freund Gocar für ihn zurücktrat. Janak wendet sich hier mit seiner Farbigkeit, seinem geometrischen Dekor dem Nationalen Stil des Rondokubismus zu. Wir nennen diesen gefälligen Stil heute eher Nationaler Dekorativismus.“

Die Republik und ihre Architekten erhofften sich von dieser Zitat-Architektur der „Böhmischen Hütten“, so der in Tschechien verwendete kunsthistorische Begriff, dem Geschmack des „Volkes“ näher zu kommen.

Die an der Elbe gelegene Stadt Hradec Kralove ist ein überregional bedeutendes Handels-und Industriezentrum. Das ehemalige Königgrätz wird von Josef Gocars Entwicklungsplan der „Neuen Stadt“ und seinen Bauten geprägt. Er trug maßgeblich dazu bei, dass Hradec Kralove den Beinamen „Salon der Republik“ erhielt: heute ein einmaliges, lebendiges Museum der Moderne – unzerstört und weitestgehend intakt. „Selbst in Zeiten des sozialistischen Regimes wurden die Architekten, allen voran Gocar, so verehrt, dass sich niemand an die Bauten heranwagte“, meint Jan Jakl, ebenfalls Historiker des hiesigen Ostböhmischen Museums. Ein wichtiges Beispiel ist etwa sein Gymnasium für die Stadt.

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Das Gymnasium in Hradec Kraloce (Königgrätz) von Josef Gocar..

„Durch das Schleifen der barocken Festungsanlagen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Hradec Kralove große Freiflächen. Damals bereits entschied die Stadt unter ihrem charismatischen Bürgermeister Frantisek Ulrich, dass die historische Altstadt, heute als Flächendenkmal deklariert, erhalten bleiben solle. Eine neue Stadt sollte westlich davon entstehen.“

Anders als in Prag, wurde hier bereits um 1900 die innovative Idee des Denkmalschutzes im damals noch österreichischen Nord-Böhmen entwickelt. Nach der Gründung der Republik richtete der Magistrat sogar eine Art Stadtentwicklungsbüro ein. „Den dann in der Folge realisierten Master-Plan entwarf Josef Gocar 1928. Zwei Ringstraßen wurden um die barock-gotische Altstadt angelegt. Große Boulevards verbinden sie. Dazwischen ist Platz für ruhige Wohnviertel. Und das Wichtigste: die Durchgrünung der ‚Neuen Stadt‘“, so Jakl.

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Masaryk-Platz in Hradec Kralove von Josef Gocar, 1922.

Ein Plan, der bis heute gut funktioniert und Hradec Kralove bis heute zu einem der lebenswertesten Städte Tschechiens macht. „Die Sanierungen fanden zwischen 1996 und 2002 statt, einschließlich der neu gestalteten Fußgängerzone rund um den halbrunden Masaryk-Platz mit Gocars kubistischer, ehemaliger Anglo-Banka von 1923. Heute ist es der beliebteste Platz der Einwohner.“

Der erste Bau der Moderne in Königgrätz war allerdings das von Jan Kotera, dem Lehrer Gocars, 1913 am Elbufer errichtete Ostböhmische Museum, das heute auch als Nationales Kulturdenkmal Tschechiens gewürdigt wird. Völlig neu war dabei die Idee, dass es nicht nur die Kunstsammlung, sondern auch eine Bibliothek und Hörsäle für öffentliche Veranstaltungen beherbergen sollte. Auch dieser Bau ist heute als Nationales Kulturdenkmal die höchste Schutzstufe Tschechiens. Das Gebäude ist allerdings noch für mindestens ein Jahr wegen Sanierung geschlossen und leider nicht zum 100-Jahr-Jubiläum fertig geworden. Hierbei werden Gelder der Stadt und vom Staat eingesetzt, der dafür wiederum Unterstützung durch das ProRegio-Programm der EU in Anspruch nehmen konnte.

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Das Ostböhmische Museum in Hradec Kralove von Jan Kotera, 1913.

Die eigenständige tschechische Moderne der ersten Republik steht in einer Reihe mit der österreichischen Avantgarde dieser Zeit, aber auch der Neuen Sachlichkeit der deutschen Bauhaus-Tradition. Gut, dass sie mit dem Jubiläumsjahr wieder neue Anerkennung findet und weiterhin (denkmal-)gepflegt wird.

 

Alle Fotos: Tschechischer Tourismusverband.