Endlich weniger!

Der gerade zu Ende gegangene Supersalone war deutlich kleiner als der traditionelle Salone del Mobile, den er dieses Jahr ersetzt. Auch die Anzahl der Neuheiten war überschaubar. Über die Qualität sagt das jedoch nichts. Wir haben und einige der wichtigsten Neuheiten aus den Messehallen angeschaut.

 

 

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In den letzten Jahren wurde es zur gut eingeübten Praxis: Nach jeder Messesaison beschwerten sich Journalisten und Hersteller gleichermaßen über die Lawine von Produktneuheiten, die präsentiert wurde. Die einen nervte das Überangebot, dass eine erschöpfende Berichterstattung zunehmend unmöglich machte. Die anderen litten unter dem Druck, Neues zu präsentieren, um medial überhaupt stattzufinden. Und beiden Gruppen gemeinsam war klar, dass es im Sinne nachhaltigen Handels so nicht weitergehen kann. Jetzt hat die Pandemie den Kreislauf durchbrochen, den alle Beteiligten nicht verlassen konnten.

Noch etwas brachte die Pandemie durcheinander: den Messekalender. 2020 fielen praktisch alle Möbel- und Designmessen aus. Nun wagt der Branchenprimus, der Mailänder Salone del Mobile, mit dem „Supersalone“ eine vorsichtige Rückkehr. Jedoch pandemiebedingt nicht wie üblich im April, sondern im September. Der Termin spät im Jahr hat dazu geführt, dass viele Neuheiten bereits zuvor präsentiert wurden. Das in den letzten Jahren boomende Outdoor-Segment spielte deshalb 2021 praktisch keine Rolle in den Messehallen.

 

 

Gesessen wir immer – auch auf dem Supersalone

Die reduzierte Zahl der Neuheiten auf dem Supersalone ging glücklicherweise nicht mit einem Qualitätsverlust einher. Die italienische Möbelmanufaktur Mattiazzi etwa, die schon mit fast jedem bedeutenden zeitgenössischen Designer zusammengearbeitet hat, stellt mit „Filo“ einen der besten Entwürfe seit Jahren vor. Der Stuhl von Erwan und Ronan Bouroullec ist Ergebnis der schon länger andauernden Auseinandersetzung der beiden Designer mit Seilen und Schnüren. Beim „Rope“-Stuhl für Artek bilden kräftige Seile Rücken- und Seitenlehnen. „Filo“ dagegen ist ein schön proportionierter Holzrahmenstuhl mit einer Schnurbespannung. Die Schnüre nehmen dabei die Farbe des Gestells auf. Das wirkt besonders gelungen bei dem warmen Gelbton, den Mattiazzi als eine von vier Farben anbietet.

 

 

Für Knoll hat Piero Lissoni die Stuhlreihe „KN“ erweitert, die das Unternehmen auf seinem Stand auf dem Supersalone zeigt. KN06 und KN07 sind Sessel mit Standfuß, entweder mit oder ohne Armlehne. Mit „Ombra“ hat Piero Lissoni einen weiteren Stuhl entworfen, diesmal für Lema. Das hervorstechende Designmerkmal von „Ombra“ ist seine Sitzschale. Sie wirkt auf den ersten Blick wie eine lediglich an zwei Seiten aufgehängte Ledermatte. In Wahrheit handelt es sich um eine steife Polypropylenfolie, die mit Leder beklebt wird. Sie erlaubt die fließende Form der Sitzschale. Ebenfalls neu bei Lema und ebenfalls aus der Feder von Lissoni ist der Tisch „Sesto“, dessen Platte scheinbar labil auf den oben zusammenlaufenden Beinpaaren und der von ihnen getragenen Traverse aufliegt.

 

 

Neu bei Pedrali ist der Beistelltisch „Caementum“, ein kleines Betonmöbel, dass auf einem kräftigen Fuß steht, dem eine vertikale Mittelnaht Struktur verleiht. Abgerundete Formen zwischen Rechteck und Oval bestimmen den Gesamteindruck des Entwurfes von Marco Merendi und Diego Vencato. Neben dieser Neuheit zeigt Pedrali auf dem Supersalone Ergänzungen der  Sitzmöbelserien „Blume“ von Sebastian Herkner und „Ila“ von Patrick Jouin.

 

 

BIG in Milan

Allein Artemide war unter den großen Leuchtenherstellern dieses Jahr mit einem Stand auf Supersalone vertreten – hatte dafür aber gleich einige sehenswerte Neuheiten im Gepäck. So etwa „Katà Métron“ von Mario Cucinella, ein Beleuchtungssystem, das im Kern aus einer modularen LED-Leiste besteht. Dadurch lässt es sich wie ein Anlegespiel von Modul zu Modul geradeaus, links, rechts oder auch diagonal fortsetzen. So kann sich das LED-Band in wilden Zuckungen unter der Decke herziehen. Die sechs lieferbaren Farben blau, gelb, grün, rot, weiß und schwarz, die auch kombiniert werden können, unterstreichen den spielerischen Eindruck des Systems.

 

 

„Funiva“ von Carlotta de Bevilacqua ist ein weiteres neues Beleuchtungssystem von Artemide. Es ähnelt in der Funktionsweise Stefan Diez‘ System „Plusminus“ für Vibia. Allerdings werden die Spots hier nicht wie bei Diez auf ein Textilband aufgezogen, sondern auf ein Seilsystem. Wie bei „Plusminus“ dient dieses zugleich der Stromzufuhr und kann mittels Verankerungen im Raum verspannt werden.

Das dänische Architekturbüro BIG und seine Tochter BIG Ideas sind inzwischen zu den wichtigsten Designern von Artemide aufgestiegen. Neu ist etwa die Leuchte „Vine Light“. Sie besteht aus einem rechteckigen Rohr aus dem Fuß, Schaft und Kopf geformt sind. In den zur Kreisform gebogenen Leuchtenkopf sind LEDs eingelassen. Neben Standvarianten sind auch Varianten zur Wandhängung im Angebot. Des Weiteren stammt die Outdoorleuchte „Slicing“ aus dem Studios von BIG. „Stella Nebula“, ebenfalls von BIG, scheint wie eine schillernde Seifenblase zu schweben. BIG ist nicht der einzige große Architektenname am Artemide-Stand auf dem Supersalone. Foster+Partners haben mit „Takku“ eine kleine Mehrzweckleuchte entworfen, die den wachsenden Markt der Akkuleuchten um ein schlichtes und gutgestaltetes Produkt ergänzt.

 

 

Superflache Angelegenheit

Nicht nur Produkte von sondern auch in erster Linie für Architekten waren auf dem Supersalone zu sehen. So zeigte Olivari, der traditionsreicher Beschlagshersteller, unter anderem die neue Klinke „Paddle“ des britischen Designerduos Barber&Osgerby. Der Name kommt nicht von ungefähr: Paddle ist im Bereich der Grifffläche als flacher, abgerundeter Körper gestaltet, der nur im Bereich der Drehachse mehr Körper besitzt.

 

 

Noch eine Premiere: Der deutsche Badspezialist Kaldewei zeigte auf dem Supersalone erstmals seinen neuen Duschboden „Superplan Zero“. Dieser wurde in Zusammenarbeit mit dem international renommierten Designer Werner Aisslinger entwickelt. Weil der Duschboden aus Stahlemaille besteht, ist er voll kreislauffähig. Durch seine extrem flache Bauweise verbindet „Superplan Zero“ die Vorteile einer klassischen Duschtasse mit denen einen bodengleichen Dusche.

 

Am Konzept des Supersalone scheiden sich die Geister. Was wir davon halten, lesen sie hier.