Architektur ist überall

Sou Fujimoto ist ein großer Architekturträumer. Mit seinen Bauwerken lotet er immer wieder aus, was in der Architektur möglich ist. Oft fällt es schwer, seine Gebäude überhaupt zu klassifizieren. Der Betrachter reibt sich verwundert die Augen und fragt sich, ob das wirklich ein Wohnhaus oder doch eher eine räumliche Illusion ist. Selbst für japanische Verhältnisse wirken seine Bauten radikal.

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Architekturvisionär: Der Japaner Sou Fujimoto / Foto: David Vintiner

 

Dabei ist Fujimoto alles andere als der typische Architektur-Egomane. Er wirkt eher still und bescheiden. Mit spitzbübischem Charme, poetischer Leichtigkeit und einem Schuss Naivität revolutioniert er ganz nebenbei die Architektur.

Mit seinem Beitrag für die Architekturbiennale in Chicago, der den programmatischen Titel „Architecture is Everywhere“ trägt, stellt er einmal mehr unsere Sehgewohnheiten auf die Probe. Auf kleinen Holztafeln verwandelt er banale Alltagsgegenstände wie Tischtennisbälle, Kartoffelchips oder Heftklammern in Miniaturarchitekturen, indem er sie kunstvoll arrangiert und Mininaturmenschen daneben stellt.

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Eine Architektuskulptur aus Kartoffelchips / Foto: Tom Harris

 

Jedes Modell wird mit einem Satz des Architekten beschrieben. Zu einem simplen Küchenschwamm, dessen Struktur er mittels dreier Mininaturmenschen in ein Wohngebäude verwandelt, schreibt er etwa: „People live in bumps and nooks.“

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Ein Küchenschwamm als Mehrfamilienhaus / Foto: Alexander Russ

 

Beim Betrachten seines Heftklammern-Modells fragt er sich: „A house like bookshelves? Or bookshelves like a house?“

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Strukturalismus aus Heftklammern / Foto: David Vintiner

 

Ein geköpfter Federball wird kurzerhand zum Turm erklärt: „Gather towers to make new tower. Tower fades out and become the new tower. Tower becomes place, place becomes tower.“

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Ein Federball als filigraner Turm / Foto: Alexander Russ

 

Aus sechs Tischtennisbällen formt er eine schwebende Architekturskulptur und schreibt dazu: „Being enclose yet open. Individuality and continuity.“

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Schwebende Architektur aus Tischtennisbällen / Foto: Tom Harris

 

Und wie jeder große Revolutionär greift Fujimoto damit trotz allem auch auf die Vergangenheit zurück, indem er die Prinzipien der Readymades von Marcel Duchamp mit der strukturalistischen Architektur der sechziger und siebziger Jahre kreuzt und beides in der Gegenwart neu interpretiert. Man darf gespannt sein, was er sich für die Zukunft erträumt.

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Die Ausstellung im Rahmen der Architekturbiennale in Chicago / Foto: Tom Harris