Salone del Mobile 2021 – Die Rückkehr

Im Jahr 2020 musste der Mailänder Salone del Mobile pandemiebedingt abgesagt werden. In diesem Jahr wurde er vom April in den September verlegt. Als „Supersalone“ hat er nun mit neuem Konzept und deutlich abgespeckt seine Tore geöffnet. Chefredakteur Fabian Peters hat den Salone del Mobile 2021 für uns besucht.

 

 

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So mancher war dann doch erstaunt, als er feststellte, dass am Eröffnungstag des „Supersalone“ lebhaftes Treiben auf dem Mailänder Messegelände herrschte. Nicht dass der Andrang mit dem regulären Salone del Mobile vergleichbar gewesen wäre, bei dem die Hersteller regelmäßig ihre Stände wegen Überfüllung schließen müssen. Aber die gähnende Leere, die viele prophezeit hatten, blieb aus. Sollte man deswegen die Veranstaltung, die die Veranstalter wohlweislich als Ausstellung und nicht als Messe tituliert wissen wollen, als Erfolg ansprechen? Viele Aussteller verstanden sie als das, was sie sein sollte. Ein Lebenszeichen der italienischen Möbel- und Designindustrie nach den für das Land traumatischen Corona-Monaten.

 

 

Auch wenn es nur vier anstatt der sonst 24 Hallen waren und auch wenn nur eine Handvoll ausländischer Aussteller teilnahm; das Signal aus Mailand war vernehmbar und das Interesse auch der internationalen Medien groß. Die große Show – sie beginnt wohl erst wieder im nächsten Jahr. Dann kehrt der Salone auf seinen regulären Termin im April zurück. Die Neugier der Presse am Salone del Mobile 2021 war aber nicht nur der Tatsache geschuldet, dass die Veranstaltung nach der Absage 2020 und der Neuterminierung 2021 endlich wieder ihre Tore öffnete. Sie galt auch dem Konzept des „Supersalone“. Es ist maßgeblich unter der Mitwirkung von Stefano Boeri, dem Architekten des bahnbrechenden Hochhauses „Bosco Verticale“ entstanden.

 

 

Messe ohne Messestände

 

Boeris Ansatz ist radikal: Keine Stände, keine Firmen-CI, keine Zonen für Händlergespräche. Stattdessen ein einheitliches Präsentationssystem, bei dem großformatige Raumteiler die Hallen gliedern. Jeder Messeteilnehmer konnte einige Meter dieses Raumteilers gestalten. Ihm stand dann ein Streifen zwischen zehn und vierzig Metern Länge, etwa vier Metern Höhe und etwa zwei Metern Tiefe zur Verfügung. Das Konzept des Salone del Mobile 2021 hatte im Vorhinein zu Recht einiges Lob erhalten, weil es den Materialschlachten der vergangenen Jahre einen Riegel vorschiebt. Da die Raumteiler wiederverwendbar sind, ist diese Messeform auch deutlich nachhaltiger. Allerdings ist mittlerweile klar, dass der Salone 2022 zum klassischen Standkonzept zurückkehrt. Was dann mit den Boeri-Wänden passiert, bleibt abzuwarten.

Die Aussteller waren erwartungsgemäß vom Ausstellungskonzept des Supersalone weniger begeistert als die Kritiker. Dem Auftritt vieler Unternehmen und Marken ist durchaus ein gewisser Widerwille anzumerken, sich mit den Anforderungen des neuen Konzeptes auseinanderzusetzen. Denn eines ließ sich auf den ersten Blick feststellen: Versuche, den Hallenstreifen wie einen ganz schmalen Messestand zu bespielen, waren zum Scheitern verurteilt. Stattdessen war Selbstbeschränkung Trumpf. Marken wie Foscarini, Magis oder Poliform hatten jeweils nur eine Neuheit ausgewählt, die dann als Exponat vor dem Raumteiler stand. Der Raumteiler selbst wird zur Leinwand, auf die Filme projiziert werden. Magis etwa zeigt hier Impressionen aus dem Entwicklungsprozess des Sofas „Costume“ von Stefan Diez, das im Zentrum des diesjährigen Unternehmensauftritts steht.

 

 

Salone del Mobile 2021: kleiner, aber innovativer

 

Noch origineller nutzt Molteni&C seine schmale Fläche. Gestaltet hat sie der Designer Ron Gilad. Er stellt Moltenis diesjährige Reedition eines Gio Ponti-Möbels, des Sessels „Round“ D.154.5 in den Mittelpunkt. Dabei schlägt er die Brücke zum Entwurfsjahr 1954 mit einer charmanten Reminiszenz an die goldenen Jahre des Fliegens. Wie in einem Flugzeug sind die Sessel in Zweiergruppen vor der Rückwand angeordnet. Wer auf ihnen sitzt, kann durch kreisrunde „Flugzeugfenster“ in einen künstlichen Himmel schauen und den Ansagen des Flugkapitäns lauschen.

Man würde sich eigentlich wünschen, dass der Salone del Mobile die innovativen Ideen, die dem Konzept des Supersalone innewohnen, nicht umgehend wieder zu dem Akten legt. Denn all die gigantomanischen Messestände und die Besuchermassen, die nach Mailand und in die Messehallen strömen sind unter Nachhaltigkeitsaspekten kaum mehr zu vertreten. Stattdessen könnte eine gutgemachte, kompakte Messe in einer Rahmenarchitektur wie der von Stefano Boeri zu den Menschen kommen. Warum nicht mit dem Supersalone auf Reisen gehen und ihn in Shanghai, Rio und St. Petersburg zeigen?

 

 

In der Stadt ist das Wetter der Star

 

Wie man mit sparsamen Mitteln und geringem Materialverbrauch viel erreichen kann, ließ sich dieses Jahr auf dem „Fuori Salone“ in der Mailänder Innenstadt beobachten. Diese „Messe außerhalb der Messe“ war für die Besucher 2021 wichtiger denn je. Denn viele Hersteller hatten den Auftritt in der Stadt der Teilnahme am offiziellen Salone del Mobile 2021 vorgezogen. Dabei hatten sie an den ersten Tagen der Messe einen kostenlosen Unterstützer – das wunderbare Spätsommerwetter. Ob bei Flos, Laufen, Kvadrat oder Occhio – die Besucher tummelten sich auf den Innen- und Hinterhöfen der Showrooms bei Espresso oder Wein.

Einige Marken, die nicht über einen eigenen Showroom in Mailand verfügen, versuchen sich 2021 als Untermieter: Thonet etwa bei SieMatic oder der junge Leuchtenhersteller Midgard bei Agape. Besonders originell ist der Auftritt von USM. Die Schweizer sind gemeinsam mit der Zeitschrift Monocle in einen Fahrradladen im Brera-Viertel eingezogen. Dank des wunderbaren Wetters kann USM den Straßenraum mitbespielen. Und das Modulsystem Haller kann seine Qualitäten als Outdoor- und Caféterrassen-Mobiliar unter Beweis stellen. Die Passanten und Salone-Besucher nehmen das Getränke- und Erholungsangebot dankend an.

Der Salone del Mobile 2021 und der Fuori Salone boten dieses Jahr also gleich eine ganze Reihe guter Argumente, 2022 nicht wieder zur Gigantomanie der vergangenen Jahre zurückzukehren. Den soundsovielten Besucherrekord, den die Veranstalter der Mailänder Möbelmesse so gerne verkünden, hat dieses Jahr wirklich niemand vermisst.

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Von dem einen Event 2021 zum nächsten: Auch die Architekturbiennale wurde um ein Jahr verschoben. Die Ausstellung findet aktuell bis zum 21. November 2021 unter dem Titel „How will we live together“ statt. Mehr zu der Architekturbiennale 2021 lesen Sie hier.