Was mache ich hier eigentlich? – Mail aus Berlin (1)

Ab wann kann ich mich als Architekt bezeichnen? Diese Frage werde ich seit Beginn meines inzwischen vierten Praktikums nicht mehr los. In meiner zweiten Woche bei Ortner&Ortner Baukunst gab es eine Diskussion darüber, wer eigentlich in einer der Architektenkammern eingetragen ist und aus welchem Grund. In Deutschland darf man schließlich den Titel „Architekt“ erst tragen, wenn man sich nach erfolgreichem Studium und mindestens zwei Jahren Berufserfahrung offiziell in eine Kammer eintragen lässt. Als Angestellter in einem Büro ist der Eintrag nicht zwingend erforderlich. Abgesehen von der amtlichen Seite stellt sich jedoch die Frage, wann man sich wirklich als Architekt bezeichnet – und es auch so meint. Im Gegensatz zu vielen anderen Berufen, scheint die Zugehörigkeit zum Stand der Architekten immer mehr zu verlangen als einfach nur zu arbeiten. Doch irgendwo zwischen Albertis Architekt als „Künstler“, Walter Gropius Bauhaus-Prämisse des „Formmeister“ und der dystopischen Perspektive rein computergenerierter Entwürfe scheint gleichzeitig verloren gegangen zu sein, was dieses „mehr“ eigentlich ist.

Alle Architekten tragen schwarz

Niklas Maak beschreibt in „Der Architekt am Strand“ einen möglichen Aspekt mit einer Feststellung über Le Corbusier ganz treffend: Im Wandel vom technozentrischen Moderno-Architekten hin zum Vertreter einer Architektur, die geschichtlich auf Naturgesetze aufbaut, verändert sich auch Le Corbusiers komplette Außendarstellung. Aus dem Anzugträger in schwarz wird der „edle Wilde“ in Khakis und Shorts. Mehr als in anderen Berufen drückt das Erscheinungsbild und Auftreten eines Architekten nicht nur seine hierarchische Position aus, es offenbart ein ganzes Weltbild. Man braucht sich nur einmal vor ein Gebäude der unzähligen Architekturfakultäten in Deutschland zu stellen und kann sofort sagen, wer von den Vorbeigehenden gleich den Eingang betreten wird. Kann ich mich also als Architekt identifizieren, indem ich mich von anderen abgrenze? Das muss doch ganz klar verneint werden. Spätestens die vielen Publikationen eines Rem Koolhaas ließen das Feld der Architektur, zumindest in unserer Wahrnehmung, alle Bereiche unseres alltäglichen Lebens durchdringen und die möglichen Tätigkeitsbereiche unendlich werden.

Viele Wege führen nach…

Seitdem ich bei Ortner&Ortner Baukunst fast jeden Tag mit über 40 Kollegen verbringe und die klassischen Architektenaufgaben erfülle, fühlt es sich definitiv mehr wie ein Teil meines zukünftigen Lebens an. In der Universität verliert man schnell den Bezug zur Realität: utopische Projekte sind immer noch mehr Regel als Ausnahme. Im Büroalltag dagegen entstehen echte Projekte: der harte Aufprall in die Realität er endet verdient im ausgeführten Bauwerk.

Aber kann man sich nur als Architekt fühlen, wenn man in einem Büro arbeitet, Pläne zeichnet und deterministisch auf das gebaute Denkmal hinstrebt? In meinem kurzen Lebenslauf kann ich Erfahrungen in Redaktionen von Architekturzeitschriften, in einer Architekturgalerie, als Lehrstuhlmitarbeiter und – nicht nur die Mitarbeit bei Ortner&Ortner Baukunst – sondern auch in klassischen Architekturbüros vorweisen. Alle meine ehemaligen Kollegen hatten mehrheitlich jedoch eines gemein, das Architekturstudium. Ihre Wege danach trennten sich, waren jedoch nicht fundamental unterschiedlich. All ihre Leben kreisten immer noch um die gebaute Umwelt. Und das nicht nur im Berufsleben. Selbst im Urlaub wird, teils zum Leid von Familie und Freunden, Architektur besichtigt und kritisiert. Die Ausbildung allein macht uns jedoch nicht zu Architekten, dass wissen wir ehrlicherweise alle. Jeder kennt die Gesichter und Persönlichkeiten aus seinem Studium, die definitiv anders waren. Diejenigen, die nach fünf Jahren immer noch keinen anständigen Plan zeichnen noch jegliche Begeisterung für Gestaltung aufbringen konnten. Das macht sie nicht schlechter, aber mich auch nicht automatisch zum Architekten.

Der Rest der Welt

Ich komme nicht umhin eine kleine Anekdote aus meinem ehemaligen Büro zu berichten, nämlich wie eine Alltagssituation in einer furios vorgebrachten Kritik an der gesellschaftlichen Banalisierung von Architektur enden kann. Meine damalige Chefin erregte sich sehr über die immerzu gleichen Fragen, die sie unter Verweis auf ihren Beruf gestellt bekommt: Kannst du mir Einrichtungstipps für unser neues Wohnzimmer geben? Wirkt der Raum größer wenn ich den Schrank dort rüber stelle? Eventuell waren die Fragen nicht so extrem simpel, aber die Richtung wird deutlich. Ernsthafte Gespräche über die Gestaltung von städtischem Raum oder die Bedeutung eines neuen Gebäudes finden leider immer seltener außerhalb der einschlägigen Szene statt. Bin ich also schon Architekt, wenn ich mir mehr Gedanken zur gebauten Umwelt mache und damit beschäftige – zumindest für Nicht-Architekten? Auf der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft komme ich dann nicht umher zu fragen: Will ich mich einfach vom Rest distanzieren oder der undefinierbaren Masse an „Architekten“ zugehörig fühlen?

Unserer kulturell geformten Umwelt kann ich im 21. Jahrhundert nahezu auf keinem Flecken der Erde aus dem Weg gehen. Ich begegne Architektur immer und überall. Egal ob ikonische Gebäude oder alte Scheunen, alles kann mich packen und mich etwas Neues lehren. Vielleicht heißt Architekt zu sein, seine Welt immer neu zu entdecken und davon zu lernen. Vielleicht streben wir alle einem Idealbild – entstanden aus unserer eigenen Vorstellung – hinterher, das wir nie erreichen. Sowie ein Entwurf jedoch nie wirklich fertig und perfekt ist, sind wir es als Architekten vielleicht auch nicht. Das Praktikum bringt mich jedoch ein gutes Stück dem näher, was ich mir vorstelle. Und das ist auch gut so.

Die Baumeister Academy wird unterstützt von GRAPHISOFT, der BAU 2017 und der Schöck Bauteile GmbH.