09.12.2015

Portrait

Richard Neutra

von Alexander Gutzmer

Richard J. Neutra (1892-1970) bei einem Besuch des Haus Rang in Königstein Anfang der 1960er Jahre. Quelle: Klaus Meier-Ude/VS

Richard Neutra ist ein Name, mit dem Architekturreisen beginnen – nicht nur, aber auch für mich. Ich erinnere mich sehr genau an meinen ersten Trip nach Los Angeles und an den Anblick des Lovell-Health-Hauses, das ich bisher nur aus Filmen kannte. „LA Confidential“ wurde hier gedreht, ebenso „Beginners“. Da fährt man also den Dundee Drive in Los Feliz hinauf, und mehr oder weniger plötzlich liegt dieses immer ein wenig schräg anmutende weiße Gebilde vor einem. Mich beschlich damals eine Mischung aus Enthusiasmus und Melancholie. Klar war das eine Ikone. Aber eben eine, die auch schon 80 Jahre alt war und folglich sichtbar renovierungsbedürftig.

Dennoch – seit diesem ersten LA-Trip blieb die Sehnsucht. Zunächst einmal jene nach LA insgesamt, diesem ultimativen Ort der inszenierten Seh(n)süchte. Diese Sehnsucht aber hat eben auch viel mit Architektur zu tun, genauer mit der Architektur des LA-Modernism. Sie führt dazu, dass ich mich selber immer wieder dorthin wünsche – und zugleich nach Ankerpunkten suche, ein wenig Neutra-Schindler-Wright-Atmosphäre nach München zu holen.

Dion und Richard J. Neutra
Richard J. Neutra (1892-1970) bei einem Besuch des Haus Rang in Königstein Anfang der 1960er Jahre. Quelle: Klaus Meier-Ude/VS
Neutra Furniture Collection by VS: Boomerang Chair (1942)
Neutra Furniture Collection by VS: Cantilever Chair Steel (1929)
Neutra Furniture Collection by VS: Cantilever Chair Wood (1942)
Neutra Furniture Collection by VS: Camel Table
Neutra Furniture Collection by VS: Camel Table
Neutra Furniture Collection by VS: Lovell Easy Chair Steel (1929)
Neutra Furniture Collection by VS: Tremaine Side Chair (1948)
Haus Rang von 1964 in Königstein/Taunus. Arch.: Richard J. Neutra Foto: Klaus Meier-Ude/VS
Die VS Neutra Möbelkollektion von 2014 im Haus Rang
Kaufmann-House, Arch.: Richard J. Neutra. Foto: David Glomb

Möglicherweise geht das jetzt. Denn Neutra war, wenig bekannt, auch als Möbeldesigner aktiv. Diese Seite des gebürtigen Wieners lässt der Möbelhersteller VS jetzt wieder auferstehen. In der „Neutra Furniture Collection“ legen die Fabrikanten aus (dem dezidiert un-LA-mäßigen) Tauberbischofsheim Sessel, Stühle und Tische aus Neutras Design-Werk neu auf. Höhepunkt der Serie, die Freitag Abend in München präsentiert wurde, ist sicher der „Lovell Easy Chair“ und der dazu gehörige Ottoman. 1929 hatte Neutra ihn für das Lovell-Health-Haus entworfen, aber nie umgesetzt. So ist es ein Stück weit eine Zeitreise, wenn man heute in dem durchaus bequemen Möbel Platz nimmt.

Und es ist auch ein Clash of Cultures. Neutras Entwurf kommt erkennbar vom Bauhaus, kombiniert dessen Strenge aber mit einer warmen Holz-Armlehne und Holzleisten am Ottoman. So wird hier mehr Lebensfreude und Bequemlichkeit vermittelt als in der reinen Bauhaus-Lehre.

Die Frage ist natürlich, ob ein nachgebauter Designentwurf auch in anderen räumlichen und zeitlichen Kontexten seine eigene Wirkung entfaltet. Aber dieses Spiel findet bei neu herausgebrachten Designklassikern immer ergebnisoffen statt. In jedem Fall täte es gut, in den Behausungen designaffiner Städter etwas Abwechslung ins Eames-Chair-Einerlei zu bringen. Und ein bisschen Neutra-Geist zurück nach Europa zu holen, ist, ohne sich des Geschichtsrevanchismus verdächtig zu machen, sicher auch keine schlechte Idee. Den Besuch des Lovell-Health-Hauses kann ich aber dennoch nur empfehlen.

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