Ein monolithisches Wohnhaus von Peter Barber

Der britische Architekt Peter Barber baut seit Ende der Achtzigerjahre Häuser und Siedlungen, die die Bewohnerinnen und Bewohner in den Mittelpunkt rücken. Mit seinem Wohnungsbau in der Peckham Road hat er genau das wieder unter Beweis gestellt.

Wie kann man Wohnraum von hoher Qualität für alle in einer Neunmillionenstadt schaffen? 1997 startete Tony Blair als Premierminister in Southwark in Südlondon ein mit vielen Millionen Pfund ausgestattetes Regenerierungsprogramm, das immer noch läuft. Von den großen Wohnblocksiedlungen der sechziger Jahre, die hier einst Zukunft und Fortschritt verhiessen, ist kaum etwas übrig. Vernachlässigt und von Kriminalität geplagt, wurden sie abgerissen und die Gegend neu bebaut. Verschiedene Entwurfsansätze wurden durchgespielt, von Reihenhäusern bis zu Hochhäusern.

Auch Peckham liegt im Stadtteil Southwark. Der Ortsteil besitzt eine gemischte Bevölkerung mit starkem nigerianischen Anteil. Peckham bietet heute eine typische Londoner Mischung: trendy Cafés, wo junge Leute sich ihren Flat White Coffee holen, afrikanische Metzger mit Kuhfüßen in der Auslage, Regenerierungsprojekte, von denen einige funktionieren, andere eher nicht. An der Peckham Road hat auch die von 6a Architects umgebaute South London Gallery ihre Heimat, die im letztes Jahr die Auszeichnung „Museum of the Year“ des britischen Art Fund gewinnen konnte.

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Maisonette und Cottage

Auf dem Grundstück einer ehemaligen Tankstelle an der Peckham Road Nr. 95 haben Peter Barber Architects für einem Entwickler 32 Wohnungen in sechs Geschossen gebaut, davon vierzig Prozent als Wohnungsmiteigentum. Barber hat sich in London einen Namen durch sehr dichten, mittelhohen und meistens für öffentliche Bauträger geplanten Wohnungsbau im Kasbah-Stil gemacht (siehe Baumeister 12/2019). An der Straßenseite haben fünf Maisonette-Wohnungen ihre Haustür hinter einem eigenen kleinen Hofgarten. Die anderen Wohnungen werden durch zwei Eingänge vorne und seitlich erschlossen. Im gemeinsamen Hinterhof befinden sich noch drei ‘cottages’, also kleine Häuschen. Der Hof liegt ungünstigerweise direkt nach Norden und wird von der Nachbebauung verschattet, was in den Wintermonaten die unteren Wohnungen relativ dunkel macht. Dafür leuchtet die Sonne tief in die Fenster der straßenseitigen Wohnungen.

Die Peckham Road bildet in dem Bereich, in dem das neue Gebäude liegt, die Grenze zwischen gentrifizierten viktorianischen Reihenhausquartieren auf der Südseite und dem sozial schwächeren, durch Nachkriegsbebauung geprägten Peckham-Nord. Die Architekten wollten das Gebäude möglichst nahe an die Straße rücken, um einen belebten und gut überwachten öffentliche Raum zu schaffen. Bäume hat die Stadtteilverwaltung leider nicht erlaubt. Die Erdgeschosswohnungen haben  Fenster zu ihrem privaten Eingangshof, der einen Rückzug von der Straße erlaubt. Der Bau ist als eine Art Terrassenhaus konzipiert, so dass die Gebäudetiefe sich nach oben hin wie eine Stufenpyramide verkleinert. Die Terrassen werden von hohen gemauerten Brüstungen vor neugierigen Blicken abgeschirmt. Kleine, mit Holzläden verschließbare Fensterchen in den Brüstungen gewähren jedoch auch im Sitzen einen Ausblick in die Umgebung.

 

Bewegte Dachlandschaft, einheitliche Verblendung

Peter Barber findet, dass die Dächer vieler neuer Wohnhäuser zu langweilig sind. Deswegen hat er das oberste Geschoss mit Hilfe von durchgesteckten Terrassen zerteilt. Dadurch entsteht eine interessante Dachkontur, die aber zugleich eine gestalterische Brücke zu der ungeplanten Mischung aus Flachdächern, Giebeln und Aufbauten schlägt, die Dachlandschaft der Umgebung prägt. Die Gebäudeecken sind abgerundet, Glaserker und mit Ziegeln verkleidete Balkone kragen aus der Fassade vor. Der Hinterhof ist sorgfältig gepflastert und die Wand des Nachbarhauses wurde hinter einem Geräteschuppen mit Picknickterrasse versteckt.

Die einheitliche Ziegelverkleidung lässt das Gebäude wie aus einem Guss wirken. Selbst auf den Unterseiten wurden die Balkone mit Steinen verblendet, um die monolithisch Gesamterscheinung des Baus nicht zu stören. Der weich und handgeschlagen wirkenden Klinker changiert zwischen Beige-, Gelb- und Brauntönen, die Fugen bestehen aus hellem Mörtel. Mit dieser Materialwahl bezieht sich der Architekt auf den typischen Backstein der Umgebung. Überhaupt möchte Barber nach eigenem Bekunden Häuser errichten, die so aussehen, als wären sie schon lange da gewesen. Als Vorbilder nennt er dabei Álvaro Siza und Luis Barragán.

 

Hintergrund für das Leben

Und wie steht es um die Bewohner? Peter Barber beklagt, dass er zwar im Bauprozess mit den Anwohnern habe sprechen können, nicht jedoch mit zukünftigen Bewohnern. Dass sei um so bedauerlicher, weil er und sein Büro über die Jahre so viel Wohnungsbau geplant hätten, dass sie inzwischen wüssten, dass es den Standardbewohner nicht gebe. Während der eine gern direkt an der Straße wohne und Passanten vorbeigehen sehe, säße der andere am liebsten alleine im fünften Stock. Deshalb biete das Gebäude eine große Auswahl von verschiedenen Wohnungstypen. Und selbst an einem kalten Tag trifft man jemanden beim Umtopfen im Hof.

Peter Barber wünscht sich, dass die Architektur nur den Hintergrund für das Leben der Bewohner bildet. Balkone und Terrassen sollen von Pflanzen überwuchert werden – der Charakter der Bewohner soll sich ausdrücken können und wichtiger werden als das Gebaute. Schon stehen Pflanztröge im Hof und Frühlingsblumen in den Fenstern. Peter Barber Architects haben eine sehr urbane und gleichzeitig menschliche Typologie geschaffen, die Nachverdichtung in der Großstadt möglich macht, ohne die Wohnqualität aus den Augen zu verlieren.

 

Apropos Terrassen, apropos Wohnungsbau: bfstudio-architekten haben beim Metropolenhaus am Jüdischen Museum in Berlin private Wohnnutzung und gemeinschaftliche Projektflächen verbunden.