Night Fever: Design und Clubkultur seit 1960

In den facettenreichen Kosmos von Discotheken tauchen derzeit die Besucher des Vitra Design Museums ein. Die Ausstellung „Night Fever“ widmet dem Nachtleben eine Retrospektive über die Club-Kultur der vergangenen 50 Jahre.

Sie dokumentiert anhand der wichtigsten Locations, wie eng sich Innenarchitektur und Design, Licht und Musik, Modetrends und Selbstinszenierung verflechten und wie stilbildend legendäre Nachtclubs waren. Mit Fotos, Videos, Plänen, Modellen, Flyern und natürlich Musik entwickelt sich ein Kaleidoskop unterschiedlichster Disco-Welten. Die Ausstellung gibt einen kompakten Überblick, kann vieles nur antippen (das im parallel erschienenen Katalog ausführlich dokumentiert ist) – und weckt dabei doch unmittelbar Erinnerungen an ein besonderes Lebensgefühl.

00_AUFMACHER_01_Palladium, New York, 1985, Architekt Arata Isozaki©Timothy Hursley,Garvey_Simon-Gallery
Das Palladium in New York (1985). Foto, Timothy Hursley.

Zwischen Avantgarde und Mainstream

Startpunkt sind die Raumexperimente in italienischen Discotheken in den 60er-Jahren. Vertreter des Radical Design gestalteten die Nachtclubs als Räume der Gegenkultur für multifunktionale Performances oder mit teils futuristisch-fantastischen Interieurs. Die Aufbruchsstimmung wird in den farbkräftigen Plakaten und atmosphärischen Fotos ebenso spürbar wie in extravaganten Sitzmöbeln.

B_Plakat für die Diskothek Flash Back©Gianni-Arnaudo
Plakat für die Diskothek Flash Back. Bild: Gianni Arnaudo.
C_Gianni Arnaudo, Stuhl Aliko für das Flash Back©-Andreas Sütterlin
Gianni Arnaudo, Stuhl Aliko für das Flash Back. Foto, Andreas Sütterlin.

In den 70er-Jahren entwickelt sich die Discowelle schnell zum eigenen Genre und schließlich zum Mainstream. Der Dancefloor wird zum Ort der Selbstdarstellung, illustriert vom ultimativen Tanzfilmclip jener Zeit – John Travoltas You should Be Dancing. Die unterschiedlichsten Nightclubs entstehen: 1976 in einem Parkhaus die Paradise Garage, ein Prototyp für die Clubkultur mit DJs als individuellen Klangkünstlern, ein Jahr später das legendäre New Yorker Studio 54: Das ehemalige Theater wird zur Bühne für Stars und Stilikonen wie Grace Jones, dokumentiert mit wandgroßen Fotos. Im gleichen Raum sind auch zwei Superclubs der 1980er präsentiert: das Palladium in New York, ein von Arata Isozaki umgebautes Großraumkino, dessen Lichteffekte und Videoscreens neue visuelle Reize boten. Und der Club Haçienda in Manchester, der vom Architekt und Designer Ben Kelly in einer ehemaligen Lagerhalle mit kühlem post-industriellen Interior als „real-life stage set“ gestaltet wurde. Mitfinanziert von der Band New Order, gilt der Club als Entstehungsort des europäischen Rave.

H_Night Fever_Ausstellung©Mark Niedermann
Ausstellung Night Fever. Foto, Mark Niedermann.

 

Ungenutzte urbane Räume als Impulse

Ungewöhnliche Orte für ungewöhnliche Konzepte bot Berlin nach dem Mauerfall. Der raue Charme verlassener Räume verband sich mit Spontanität und Improvisation. Die beiden bekanntesten Clubs in Berlin entwickelten sich zu Epizentren des Techno: der Tresor im ehemaligen Kaufhaus Wertheim und das Berghain, das seit 2004 ein altes DDR-Heizkraftwerk nutzt. Das Potential von Leerstand und Brachen thematisiert auch das Detroiter Architektur- und Designstudio Akoaki. Sein mobiles DJ-Modul in Form einer spacigen Raumkapsel – hier als kleines Modell in einer surrealen Schaukasten-Landschaft – verweist auf die reiche Clubgeschichte der Motown- und Techno-Metropole Detroit: The Mothership kann überall platziert werden und verwandelt seine Umgebung zum Dancefloor. Dagegen vereint der temporäre Open-Air-Club der Londoner Architekten Assemble für das HORST-Arts and Music Festival die Partygänger in einer leichten, offenen Stahlstruktur aus Gerüstbauelementen – eine Neuinterpretation des elisabethanischen Theaters.

I_Innenansicht des Tresor, Berlin, 1996-97©Gustav Volker Heuss
Innenansicht des Tresor, Berlin (1996-97). Foto, Gustav Volker Heuss.
L_Newcastle Stage, Horst Arts and Music Festival, Belgien, 2017, Architekten Assemble©Jeroen Verrecht
Newcastle Stage, Horst Arts and Music Festival, Belgien (2017). Foto, Jeroen Verrecht.

Ergänzend zu den Modellen und Plänen übernehmen Videos von Rave-Events und Musik aus den Clubs via Hörstationen den atmosphärischen Part. Die suggestive Kraft einer Clubnacht klingt in der Musik- und Lichtinstallation von Konstantin Grcic (Gestaltung) und Matthias Singer (Lichtdesign) an: In abgehängten Spiegelwänden erzeugen Tausende von LEDs mit rhythmischen Lichteffekten die Illusion eines unendlichen Dancefloors, getragen von den Beats der Playlists der jeweiligen Club-Ära.

Die Ausstellung Night Fever. Design und Clubkultur 1960–heute ist noch bis zum 9. September im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen.